Prütting/Gehrlein, ZPO Komm... / c) Andere grobe Berufspflichtverletzungen
 

Rn 78

Der BGH hat seine Rspr zur Beweislastumkehr bei groben ärztlichen Behandlungsfehlern in einigen Entscheidungen auch auf andere grobe Berufspflichtverletzungen übertragen, etwa auf die Verletzung der Berufspflicht eines Schwimmmeisters (BGH NJW 62, 959, 960 [BGH 13.03.1962 - VI ZR 142/61]) oder von Pflegepersonal (BGH NJW 71, 241, 243 [BGH 10.11.1970 - VI ZR 83/69]; ebenso Köln VersR 14, 106, 111 f [OLG Köln 07.08.2013 - 5 U 92/12] für die Haftung eines Apothekers), die grobe Verletzung eines Hausnotrufvertrages (BGH NJW 17, 2108, 2110 Rz 22 ff = MedR 18, 90 [BGH 11.05.2017 - III ZR 92/16] m abl Anm Katzenmeier; krit dazu auch Laumen MDR 17, 797 ff u Mäsch NJW 17, 2080 f), die Verletzung der Badeaufsicht (BGH NJW 18, 301 = MDR 18, 88 m abl Bespr Laumen MDR 18, 256 f = MedR 18, 481 [BGH 23.11.2017 - III ZR 60/16] m abl Anm Laumen) oder die Pflichtverletzung eines Rettungssanitäters (KG MDR 16, 1142 [KG Berlin 19.05.2016 - 20 U 122/15] m abl Bespr Voigt MedR 17, 375 ff; Kobl VersR 18, 1326 mit abl Anm Laumen), nicht aber bei einer groben Pflichtverletzung eines Anwalts (BGHZ 126, 217, 233 = NJW 94, 3295, 3297).

 

Rn 79

Eine derartige Ausdehnung der Beweislastsonderregel ist abzulehnen (vgl Baumgärtel/Prütting Bd 1 Kap 25 Rz 37; krit auch Zöller/Greger Vor § 284 Rz 20b; Katzenmeier FS Prütting 18, 361, 364 ff; Damm MedR 18, 847, 858; Gomille JZ 18, 711, 717 ff). Gegen sie spricht zunächst, dass die Beweislastverteilung vom Vorliegen eines völlig unbestimmten und zudem tatbestandsfremden Merkmals abhängig gemacht wird, nämlich der Frage, ob die Pflichtverletzung als grob anzusehen ist oder nicht. Dies ist mit den Geboten der Rechtssicherheit und der Vorhersehbarkeit der Beweislastverteilung in einem künftigen Prozess nicht zu vereinbaren (vgl Laumen MDR 17, 797). Beweisschwierigkeiten wie im Arzthaftungsprozess können zwar bei anderen groben Berufspflichtverletzungen im Einzelfall ebenfalls auftreten. Sie sind jedoch in diesen Fällen gerade nicht typisch und rechtfertigen deshalb keine generelle Umkehr der objektiven Beweislast. Außerdem haben Schwierigkeiten bei der Feststellung des Ursachenzusammenhangs mit der Schwere der Pflichtverletzung nichts zu tun (zutr Mäsch NJW 17, 2080, 2081). Sie können bei leichten Pflichtverletzungen genauso gut oder sogar noch eher auftreten als bei groben Pflichtverletzungen. Zudem kann eventuellen Beweisschwierigkeiten auch durch die Heranziehung von Erfahrungssätzen im Wege des Anscheinsbeweises Rechnung getragen werden. Eine derartige Rechtsfortbildung contra legem würde schließlich zu einer unübersehbaren und sachwidrigen Ausdehnung der Haftung auf andere Berufsgruppen führen (Katzenmeier JZ 18, 415, 418 [BGH 23.11.2017 - III ZR 60/16]).

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