Entscheidungsstichwort (Thema)

Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen Versäumung der Berufungsfrist

 

Leitsatz (redaktionell)

Die rechtskräftige Verwerfung der Berufung wegen Versäumung der Berufungsfrist steht einer beantragten Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Berufungsfrist nicht entgegen, weil bei Bewilligung der Wiedereinsetzung dem die Berufung verwerfenden Beschluss die Grundlage entzogen und er damit gegenstandslos würde.

 

Normenkette

ZPO § 233

 

Verfahrensgang

Schleswig-Holsteinisches OLG (Beschluss vom 14.09.2004; Aktenzeichen 10 UF 9/04)

 

Tenor

Auf die Rechtsbeschwerde des Beklagten wird der Beschluss des 2. Senats für Familiensachen des OLG Schleswig in Schleswig v. 14.9.2004 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Behandlung und Entscheidung, auch über die Kosten der Rechtsbeschwerde, an das OLG zurückverwiesen.

Wert: 5.724 EUR.

 

Gründe

I.

Das AG - FamG - hat den Beklagten mit Urteil v. 3.12.2003, diesem zugestellt am 10.12.2003, zur Zahlung von Trennungsunterhalt verurteilt. Mit einem am (Montag) 12.1.2004 beim OLG eingegangenen Telefax-Schreiben hat der Beklagte hiergegen Berufung eingelegt. Die dem OLG zugegangenen 15 S. dieses Schreibens umfassten die erste S. der zweiseitigen Berufungsschrift, eine beglaubigte und eine einfache Abschrift der vollständigen Berufungsschrift sowie das 10-seitige Urteil des AG. Mit einem am 21.1.2004 eingegangenen Telefax-Schreiben hat der Beklagte erneut Berufung eingelegt und Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen die Versäumung der Berufungsfrist beantragt. Auf den am 10.2.2004 eingegangenen Antrag des Beklagten hat das OLG die Berufungsbegründungsfrist bis zum 10.3.2004 verlängert. Mit Beschluss v. 13.2.2004 hat das Berufungsgericht den Antrag des Beklagten auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gegen eine Versäumung der Berufungsfrist zurückgewiesen und die Berufung des Beklagten als unzulässig verworfen. Die dagegen gerichtete Rechtsbeschwerde des Beklagten hat der Senat mit Beschluss v. 11.8.2004, dem Beklagten zugestellt am 23.8.2004, zurückgewiesen, weil die Berufungsbegründung des Beklagten nicht innerhalb der - verlängerten - Begründungsfrist, sondern erst am 15.3.2004 eingegangen war. Dagegen hat der Beschwerdeführer Verfassungsbeschwerde erhoben, über die noch nicht entschieden ist.

Mit Schriftsatz v. 6.9.2004, eingegangen am gleichen Tag, wiederholte der Beklagte seine Berufungsanträge und den weiteren Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe für das Berufungsverfahren. Gleichzeitig beantragte er, ihm gegen die Versäumung der Berufungsbegründungsfrist Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu gewähren. Das OLG hat auch diesen Antrag zurückgewiesen, weil das Berufungsverfahren durch die rechtskräftige Verwerfung der Berufung mit Beschluss v. 13.2.2004 "nicht mehr anhängig" sei. Dagegen richtet sich die Rechtsbeschwerde des Beklagten.

II.

Die Rechtsbeschwerde ist zulässig (§§ 238 Abs. 2 S. 1, 522 Abs. 1 S. 4, 574 Abs. 1 Nr. 1 Abs. 2 Nr. 2 ZPO) und führt zur Zurückverweisung des Rechtsstreits an das Berufungsgericht.

1. Entgegen der Auffassung der Rechtsbeschwerde kommt der Sache allerdings keine grundsätzliche Bedeutung i.S.v. § 574 Abs. 2 Nr. 1 ZPO zu. Grundsätzliche Bedeutung hat eine Sache, wenn sie eine entscheidungserhebliche, klärungsbedürftige und klärungsfähige Rechtsfrage aufwirft, die sich in einer unbestimmten Vielzahl von Fällen stellen kann (BGH v. 4.7.2002 - V ZB 16/02, BGHZ 151, 221 [223] = BGHReport 2002, 948 = MDR 2002, 1207). Das ist hier hinsichtlich der Auswirkungen der erhobenen Verfassungsbeschwerde auf den Fortgang des zivilgerichtlichen Verfahrens nicht der Fall.

Nach gefestigter Rechtsprechung handelt es sich bei der Verfassungsbeschwerde nicht um ein Rechtsmittel, das den Eintritt der Rechtskraft einer mit ihr angefochtenen Entscheidung hindert. Die Verfassungsbeschwerde ermöglicht es lediglich, über den Rahmen des Instanzenzuges hinaus aus Verfassungsgründen die Rechtskraft einer angefochtenen Entscheidung wieder aufzuheben (BVerfG v. 22.10.1995 - 2 BvR 1899/95, NJW 1996, 512).

2. Eine Entscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts ist allerdings zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erforderlich (§ 574 Abs. 2 Nr. 2 ZPO), weil das Berufungsgericht die vom Beklagten für eine Wiedereinsetzung in die Versäumung der Berufungsbegründungsfrist vorgetragenen Gründe mit unzutreffenden Erwägungen übergangen und damit dessen Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt hat.

Nach gefestigter Rechtsprechung dient das Rechtsinstitut der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand in besonderer Weise dazu, den Rechtsschutz und das rechtliche Gehör zu garantieren. Daher gebieten es die Verfahrensgrundrechte auf Gewährung wirkungsvollen Rechtsschutzes (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechtsstaatsprinzip) und auf rechtliches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG), den Zugang zu den Gerichten und den in den Verfahrensordnungen vorgesehenen Instanzen nicht in unzumutbarer, aus Sachgründen nicht mehr zu rechtfertigender Weise zu erschweren (BGH v. 4.7.2002 - V ZB 16/02, BGHZ 151, 221 [227] = BGHReport 2002, 948 = MDR 2002, 1207, m.w.N.). Gegen diesen Grundsatz verstößt die angefochtene Entscheidung.

Zwar hat der Senat die Rechtsbeschwerde des Beklagten gegen die Versagung der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumung der Berufungsfrist und gegen die Verwerfung der Berufung mit Beschluss v. 11.8.2001 zurückgewiesen, weil die Berufung nicht innerhalb der verlängerten Frist begründet war. Die rechtskräftige Verwerfung der Berufung steht der beantragten Wiedereinsetzung in den vorigen Stand wegen Versäumung der Begründungsfrist aber nicht entgegen, weil bei Bewilligung der Wiedereinsetzung dem die Berufung verwerfenden Beschluss die Grundlage entzogen und er damit gegenstandslos würde (BGH, Beschl. v. 24.9.1997 - XII ZB 144/96, FamRZ 1998, 285 [286]; v. 24.11.1999 - XII ZB 134/99, NJW-RR 2000, 879; v. 6.12.2000 - XII ZB 193/00, NJW-RR 2001, 1146 [1147]). Die Wiedereinsetzung beseitigt die der Partei durch Versäumung einer Frist entstandenen Rechtsnachteile. Durch sie wird fingiert, dass eine verspätete bzw. versäumte und nachgeholte Prozesshandlung rechtzeitig vorgenommen wurde. Wird also die Wiedereinsetzung gegen die Versäumung der Berufungsbegründungsfrist gewährt, so entfällt nachträglich die Rechtfertigung für den Verwerfungsbeschluss. Es liefe sonst auch auf einen Zirkelschluss hinaus, Wiedereinsetzung in die Versäumung der Berufungsfrist wegen nicht rechtzeitig eingegangener Berufungsbegründung zu versagen und sodann auch die beantragte Wiedereinsetzung in die Versäumung der Begründungsfrist mit der Erwägung abzulehnen, die Berufung sei bereits verworfen.

Ist mit dem BGH (BGH, Beschl. v. 20.9.1993 - II ZB 10/93, MDR 1993, 1234 = BRAK 1994, 54 = CR 1994, 142 = NJW 1993, 3141) davon auszugehen, dass die Berufung des Beklagten rechtzeitig eingegangen ist, so wird das Berufungsgericht zu prüfen haben, ob hinreichende Gründe für eine unverschuldete Versäumung der bis zum 10.3.2004 verlängerten Begründungsfrist vorgetragen sind. Dabei wird das Berufungsgericht insb. prüfen müssen, ob eine der Notarfachangestellten erteilte konkrete Einzelanweisung zum Absenden des Berufungsbegründungsschriftsatzes v. 9.3.2004 den Anforderungen an eine anwaltliche Fristenkontrolle genügt (BGH, Beschl. v. 4.6.2003 - XII ZB 86/02, BGHReport 2003, 1167 = FamRZ 2003, 1269; v. 18.3.1998 - XII ZB 180/96, NJW-RR 1998, 1360), oder ob es zusätzlich noch auf eine ordnungsgemäße Büroorganisation durch allgemeine Anweisungen zur Führung eines Fristenkalenders ankommt (BGH, Beschl. v. 21.4.2004 - XII ZB 243/03, FamRZ 2004, 1183; v. 23.7.2003 - XII ZB 75/03, BRAK-Mitt 2003, 224).

 

Fundstellen

BGHR 2005, 874

FamRZ 2005, 791

BRAK-Mitt. 2005, 112

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