§ 6 Die Pfändung von Arbeit... / 1. Anwendungsbereich
 

Rz. 470

§ 850f Abs. 2 ZPO erweitert den Zugriff des Gläubigers auf das Arbeitseinkommen des Schuldners, wenn er wegen eines Anspruchs aus einer vorsätzlich begangenen unerlaubten Handlung (Delikt) vollstreckt. Der Gesetzgeber will damit dem Gläubiger eines solchen Anspruchs eine Vorzugsstellung bei der Zwangsvollstreckung in das Arbeitseinkommen des Schuldners einräumen. Maßgeblich ist die gesetzgeberische Wertung, die den Gläubiger umfassend schützen will. Die Pflicht des Schuldners, entstandenen Schaden wieder gut zu machen, besteht nicht nur hinsichtlich des Schadenersatzanspruchs selbst, sondern auch bzgl. der Folgeschäden wie Kostenerstattungsansprüche und Verzugszinsen für verspätete Zahlung, die eng mit der schädigenden Handlung zusammenhängen. Sie stammen ebenfalls aus einer unerlaubten Handlung, sind also Bestandteil des deliktischen Hauptanspruchs, auch wenn die Anspruchsgrundlage aus Verzug oder prozessualer bzw. materieller Kostenerstattung folgt.[773] Gleiches gilt für Ansprüche auf Erstattung von Prozesskosten und Kosten der Zwangsvollstreckung.[774]

 

Rz. 471

Anzuwenden ist die Norm auch bei Schadensersatzansprüchen des Dienstherrn gegen den Beamten wegen vorsätzlicher Dienstpflichtverletzung.[775] Die Pfändungsfreigrenzen des § 850c ZPO können i.R.d. Verfallsvollstreckung analog § 850f Abs. 2 ZPO unterschritten werden, wenn gegen den Verurteilten kein Anspruch aus unerlaubter Handlung besteht.[776] Die Regelung ist gem. §§ 459g Abs. 2, 459 StPO, § 6 Abs. 2 JBeitrO und § 54 Abs. 4 SGB I auf die Pfändung von Renten im Wege der Verfallsvollstreckung entsprechend anzuwenden. Zuständig für eine entsprechende Bestimmung i.R.d. Verfallsvollstreckung ist gem. §§ 459g, 459 StPO die Staatsanwaltschaft als Vollstreckungsbehörde. Die Befugnis zum Erlass von Pfändungsbeschlüssen gem. § 6 Abs. 2 S. 2 JBeitrO umfasst auch die Befugnis zur Entscheidung nach § 850f Abs. 2 ZPO.[777] Der Schuldner soll in ­diesen Fällen bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit auch mit den Teilen seines Ar­beitseinkommens einstehen, die ihm sonst nach der Vorschrift des § 850c ZPO zu belassen wären.[778]

[773] BGH, Vollstreckung effektiv 2012, 60 = WM 2012, 138 = MDR 2012, 76 = VersR 2012, 195 = NJW 2012, 601; LG Stuttgart, InVo 2005, 157; a.A. LG Ellwangen, InVo 2004, 162.
[774] BGH, Vollstreckung effektiv 2011, 101 = FamRZ 2011, 970 = FoVo 2011, 134 = NJW 2011, 3106 = JurBüro 2011, 435 = Rpfleger 2011, 448 = NJW-RR 2011, 791 = MDR 2011, 690 = WM 2011, 944; LG Saarbrücken, JurBüro 2006, 380; LG Ellwangen, JurBüro 2003, 660; LG Stuttgart, Rpfleger 2005, 38; LG Dortmund, Rpfleger 1989, 75; KG Berlin, Rpfleger 1972, 66; a.A. LG Koblenz, Vollstreckung effektiv 2010, 51; LG Hannover, Rpfleger 1982, 232.
[775] OVG Mecklenburg-Vorpommern, NVwZ-RR 2011, 989; VG Düsseldorf, Urt. v. 22.12.2011 – 26 K 816/11 – juris.
[776] LG Stade, JurBüro 2004, 215; Beschl. v. 24.6.2003 – 12 KLs 141 Js 5145/94 – juris.
[777] Vgl. für den Fall der Vollstreckung durch eine Finanzbehörde: BFH, NJW 1997, 1725.
[778] BGH, NJW 2005, 1663 = Vollstreckung effektiv 2005, 97 = ZInsO 2005, 538 = FamRZ 2005, 974 = Rpfleger 2005, 370 = ZVI 2005, 253 = WM 2005, 1326 = VuR 2005, 225 = InVo 2005, 326 = JurBüro 2005, 437 = MDR 2005, 1014 = JZ 2006, 423 = NZI 2006, 123.

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