Rz. 3

Ein schon vor der Reform verbreiteter Kritikpunkt geht bis heute dahin, dass in Deutschland angeblich Normalarbeitsverhältnisse massenhaft durch prekäre Arbeitsverhältnisse abgelöst würden.[1] Es sei eine fortschreitende Substitution der Stammbelegschaft durch Leiharbeitnehmer erkennbar, die zum Lohnverfall führe. Bereits die Arbeitsmarktberichterstattung der Bundesagentur für Arbeit von 2016[2] bestätigte diesen pauschalen Vorwurf nicht, sondern zeichnete ein weit differenzierteres Bild. Zum einen befindet sich sowohl die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse mit 33,41 Mio. als auch diejenige der Beschäftigten insgesamt mit 45,30 Mio. (jeweils Stand Juli 2019)[3] auf einem historischen Höchststand. Den Nachteilen der besonderen Beschäftigungsformen stehen zudem bessere Beschäftigungschancen für Menschen, die aufgrund einer vergleichsweise großen Arbeitsmarktferne bei der Beschäftigungssuche Probleme haben, gegenüber. Im Folgenden seien daher im Interesse einer objektiven Bewertungsgrundlage die tatsächlichen Daten zugrunde gelegt.

 

Rz. 4

Fakt 1: Die nominale Zahl der Leiharbeitnehmer stieg bis zur Reform an

Fakt ist, dass die nominale Anzahl der Leiharbeitnehmer in den letzten Jahren bis zur Reform im April 2017 auf über 1 Millionen gewachsen ist. Seit dem Jahreswechsel 2017/2018 ist die Beschäftigung in Leiharbeit hingegen rückläufig (Stand 2018).[4] Soweit von Kritikern der Arbeitnehmerüberlassung behauptet wird, die Zahl der Leiharbeitnehmer habe sich aufgrund der Hartz-Gesetze 2002 mehr als verdreifacht, wird dies durch die verfügbaren Zahlen allenfalls teilweise gestützt. Zu berücksichtigen ist, dass die Bundesagentur für Arbeit das Meldeverfahren der Verleiherbetriebe Anfang 2013 in das allgemeine Meldeverfahren zur Sozialversicherung integriert hat. Hierdurch erhöhte sich der Abdeckungsgrad zum zuvor nur halbjährlich durchgeführten Meldeverfahren, bei dem es aufgrund von Meldeausfällen sowie zu spät eingehenden Meldungen zu einer geringeren Erfassung kam. Es ist davon auszugehen, dass bereits zuvor, also auch vor der Deregulierung der Leiharbeit, mehr Leiharbeitnehmer eingesetzt worden sind als es die Statistiken ausweisen. Der Anstieg der Leiharbeit wurde daher zumindest teilweise durch die Umstellung des statistischen Verfahrens relativiert. Fakt ist freilich, dass die Zahl der Leiharbeitnehmer bis zur Reform stetig gestiegen ist. Während es vor der Jahrtausendwende noch ca. 100.000 Leiharbeitnehmer gab, stieg deren Zahl bis zur Reform auf knapp 1 Million. Inzwischen ist sie stark rückläufig auf im Mai 2019 747.000 Zeitarbeitnehmer, wobei es allein im Jahresverlauf einen Rückgang um 97.000 Personen gab.[5] Das ist insbesondere deshalb bedenklich, weil die Zeitarbeitsbranche einen wichtigen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt leistet.[6] Mehr als ein Drittel aller Menschen aus den wichtigsten Herkunftsländern, die den Sprung aus der Arbeitslosigkeit heraus schaffen, kommen offiziellen Daten zufolge in der Arbeitnehmerüberlassung unter.

 

Rz. 5

Fakt 2: Der Anteil der Leiharbeitnehmer an der Gesamtbeschäftigung liegt bei ca. 2 %.

In Abhängigkeit zur prozentualen Zahl der rund 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland ist der Anteil der Leiharbeitnehmer mit unter 2 % gering.[7] Ähnliches gilt, wenn man nur auf die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten abstellt; auch hier liegt der Anteil bei unter 3 %. Laut Statistik der Hans-Böckler-Stiftung lag der prozentuale Anteil der Leiharbeitnehmer bereits seit 2003 bei max. 3 %.[8] Entgegen der oftmals propagierten Flucht in prekäre Beschäftigungsformen ist daher festzustellen, dass sich die Zahl der Leiharbeitnehmer in den letzten 16 Jahren nicht in einem die Normalarbeitsverhältnisse nennenswert ersetzenden Maße verändert hat.

 

Rz. 6

Fakt 3: Leiharbeitnehmer werden insbesondere in Produktionsberufen und wirtschaftlichen Dienstleistungsberufen (Reinigung, Verkehr, Logistik), aber zunehmend auch in IT-Dienstleistungsberufen eingesetzt

Von den genannten Leiharbeitnehmern sind gut 40 % 2018 in Produktionsberufen tätig gewesen (Metall- und Elektroindustrie, Land-, Forst- und Gartenbau). Ca. ein Drittel der Leiharbeitnehmer arbeitete in den Tätigkeitsfeldern Verkehr, Reinigung, Logistik und Sicherheit (wirtschaftliche Dienstleistungsberufe). Der Rückgang der Leiharbeitnehmer gegenüber dem Vorjahr um 32.000 geht zu fast drei Vierteln auf Produktionsberufe zurück. Anstiege gegen-über dem Vorjahreszeitraum gab es lediglich in den IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen.

 

Rz. 7

Fakt 4: Leiharbeitnehmer üben häufig einfache Tätigkeiten aus. Jeder Zweite verrichtet reine Helfertätigkeiten

Leiharbeitnehmer wurden 2017/2018 entsprechend vorheriger Statistiken überwiegend für einfache Tätigkeiten mit einem niedrigen Anforderungsniveau eingesetzt. Rund 54 % üben Tätigkeiten aus, die keine Ausbildung erfordern. Ca. 36 % werden als Fachkraft eingesetzt, während nur 9 % Spezialisten- oder Expertentätigkeite...

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