§ 2 Vergleich und Abfindung / cc) Opfergrenze und Missverhältnis
 

Rz. 1152

Tritt infolge nicht vorhergesehener Spätfolgen ein krasses Missverhältnis zwischen Abfindungssumme und Schaden auf, verstößt der Schadenersatzpflichtige gegen Treu und Glauben (§ 242 BGB), wenn er am Vergleich festhält und damit für den Geschädigten eine die zumutbare Opfergrenze überschreitende Härte eintritt.

 

Rz. 1153

Erst wenn zum einen ein unzumutbares Missverhältnis zwischen unvorhergesehenem Spätschäden und Abfindungsbetrag besteht, und zum anderen die eingetretenen Veränderungen nicht in den Risikobereich des Geschädigten fallen, kann im Ausnahmefall eine Anpassung des Vergleiches in Betracht kommen.[1042] Es muss sich nach dem Auftreten dieser nicht voraussehbaren Spätfolgen ein so krasses, nicht mehr hinzunehmendes Missverhältnis zwischen Vergleichssumme und Schaden ergeben, dass die Versagung weiterer Schadenersatzansprüche für den Geschädigten eine außergewöhnliche Härte darstellt, welche die zumutbare Opfergrenze überschreitet.[1043]

 

Rz. 1154

Für die Vergleichsbetrachtung kann auch beachtlich sein, dass in der Vergangenheit angerechnete Leistungen erhöht wurden, ohne dass dieses bei der Abfindungsverhandlung berücksichtigt war.[1044]

 

Rz. 1155

Die Rechtsprechung geht bei Klagen auf Anpassung von Abfindungsvergleichen grundsätzlich restriktiv mit der Bejahung einer Äquivalenzstörung i.S.d. § 242 BGB um.[1045] I.d.R. kommt erst ab einem extremen Missverhältnis ("Faktor 10"; d.h. wenn die unter Berücksichtigung der eingetretenen Spätschäden ohne Abfindung zu zahlende Summe mindestens zehnmal so hoch ist wie der bei Abschluss des Vergleiches vereinbarte Betrag) eine Anpassung in Betracht.[1046]

[1042] BGH v. 19.6.1990 – VI ZR 255/89 – DAR 1990, 336 = MDR 1990, 995 = NJW 1991, 1535 = r+s 1990, 338 (nur Ls.) = VersR 1990, 984 = zfs 1990, 369; BGH v. 21.12.1965 – VI ZR 168/64 – BB 1966, 140 = DAR 1966, 130 = DB 1966, 338 = MDR 1966, 310 = VersR 1966, 243 = VRS 30, 247; OLG Celle v. 10.6.1999 – 14 U 82/98 – DAR 2000, 402 = NZV 2000, 505 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 14.3.2000 – VI ZR 240/99); OLG Hamm v. 20.2.1997 – 27 U 216/96 – NZV 1997, 440 = VersR 1998, 631; OLG Hamm v. 26.6.1985 – 13 U 27/84 – r+s 1987, 30 = VersR 1987, 509 = VRS 72, 2 = zfs 1987, 103; OLG Koblenz v. 18.2.1991 – 12 U 1646/89 – VersR 1996, 232 (Keine Anpassung eines vorbehaltlosen Abfindungsvergleiches, weil der Verletzte aufgrund einer Sozialrechtsreform nunmehr mit Eigenanteilen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung belastet ist); OLG Schleswig v. 30.8.2000 – 4 U 158/98 – VersR 2001, 983; OLG Zweibrücken v. 9.6.1999 – 1 U 103/98 – SP 2000, 231 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 8.2.2000 – VI ZR 221/99).
[1043] BGH v. 19.6.1990 – VI ZR 255/89 – DAR 1990, 336 = MDR 1990, 995 = NJW 1991, 1535 = r+s 1990, 338 (nur Ls.) = VersR 1990, 984 = zfs 1990, 369; OLG Düsseldorf v. 22.1.2007 – I-1 U 166/06 – NZV 2008, 151 = zfs 2008, 140 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 18.12.2007 – VI ZR 59/07); OLG Frankfurt v. 14.8.2003 – 1 W 52/03 – zfs 2004, 16 (Krasse Störung um den Faktor 10 wie im Fall des BGH VersR 1966, 243 war konkret nicht gegeben); OLG Koblenz v. 29.9.2003 – 12 U 854/02 – IVH 2004, 33 = NZV 2004, 197; OLG Köln v. 3.6.1987 – 13 U 230/86 – MDR 1988, 230 = NJW-RR 1988, 924 = r+s 1987, 254 = VersR 1988, 520 = zfs 1987, 326; OLG Nürnberg v. 1.7.1999 – 2 U 531/99 – NZV 2000, 507 = r+s 2000, 459 = VersR 2001, 982 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 11.4.2000 – VI ZR 427/99); OLG Oldenburg v. 28.2.2003 – 6 U 231/01 – VersR 2004, 64 = zfs 2003, 590 (BGH hat Nichtzulassungsbeschwerde zurückgewiesen, Beschl. v. 30.9.2003 – VI ZR 90/03); OLG Schleswig v. 30.8.2000 – 4 U 158/98 – VersR 2001, 983; OLG Zweibrücken v. 9.6.1999 – 1 U 103/98 – SP 2000, 231 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 8.2.2000 – VI ZR 221/99); LG Kaiserslautern v. 21.1.2005 – 2 O 233/02 – zfs 2005, 336; LG Münster v. 13.11.1997 – 2 O 309/97 – (Von einem nicht erträglichen Missverhältnis kann keine Rede sein, wenn die neue Schmerzensgeldvorstellung der Verletzten nur auf etwa das 3-fache des bereits gezahlten Betrages geht).
[1044] OLG Oldenburg v. 30.6.2006 – 6 U 38/06 – MDR 2007, 273 = NJW 2006, 3152 = NJW-Spezial 2006, 544 = NZV 2006, 658 = OLGR 2006, 741 = SP 2007, 318.
[1045] Es gibt nur sehr wenige obergerichtliche Entscheidungen, in denen einer entsprechenden Klage stattgegeben wurde: OLG Celle v. 14.10.2015 – 14 U 213/14; OLG Oldenburg v. 28.2.2003 – 6 U 231/01 – VersR 2004, 64 = zfs 2003, 590 (BGH hat Nichtzulassungsbeschwerde zurückgewiesen, Beschl. v. 30.9.2003 – VI ZR 90/03); OLG Schleswig v. 30.8.2000 – 4 U 158/98 – VersR 2001, 983. Bestand hatten demgegenüber die zuvor geschlossenen Vergleiche u.a.: KG v. 10.11.2014 – 22 U 72/14 – NZV 2016, 189 = zfs 2015, 318 (Berufung wurde nach dem Hinweisbeschluss des KG zurückgenommen) (Vorinstanz LG Berlin v. 27.2.2014 – 41 O 149/13 – zfs 2015, 318 [Anm. Diehl]); OLG Celle v. 10.6.1999 – 14 U 82/98 – DAR 2000, 402 = NZV 2000, 505 (BGH hat Revision nic...

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