§ 13 Unfallmedizin für Anwälte / 3. Komplikationen, Spätfolgen und Risiken
 

Rz. 176

Die Komplikationen und Risiken sind extrem hoch. Neben Hautschädigungen kommt es zu Blasen- und Mastdarmstörungen und zu Störungen der Sexualfunktion, da das Rückenmark auch wesentliche Anteile des Sexuallebens steuert. Es besteht eine erheblich erhöhte Thrombosegefahr (siehe Rdn 298 f.). Es kommt zu Schmerzen aufgrund der Spastik, die durch Schmerzmittel therapiert werden müssen. Es ist generell zu sagen, dass eine lebenslange Nachsorge durchgeführt werden muss. Es sind alle wichtigen Organe und Körperfunktionen zu überprüfen, wie die Atmung, die Blase, der Mastdarm, die Nieren etc.

 

Rz. 177

Ferner ist es so, dass bei Querschnittslähmungen in der Regel die Versicherer die Akte offen lassen, d.h. diese Ansprüche werden nicht kapitalisiert. Ein Grund ist unter anderem auch die verkürzte Lebenserwartung, gerade bei Tetraplegikern. Konkret ist dem Versicherer hier noch nicht einmal ein Vorwurf zu machen, dass dies zynisch sei, da der Versicherer für den Fall, dass der Geschädigte früher stirbt, Geld spart. Auf der anderen Seite wird die medizinische Versorgung besser, so dass auch Querschnittsgelähmte mit ihren erheblichen Einschränkungen durchaus länger leben können. Schließlich gibt es in der Forschung und Rehabilitation gute Ansatzpunkte, dass in der Zukunft Querschnittsgelähmten deutlich besser geholfen werden kann. Es gibt zum Beispiel in der Uniklinik Heidelberg spezielle Roboter, die eingesetzt werden, wenn nicht alle Nervenbahnen durchtrennt sind. Hier werden dann Gehbewegungen durchgeführt. Diese Rückenmarkstrukturen können durch den Roboter unabhängig vom Gehirn Gehbewegungen auslösen. Ferner ist die Universität Tübingen auch sehr weit, was Querschnittsgelähmte betrifft. Hier werden sog. free hand-Systeme angewandt. Den Geschädigten werden unter der Haut Elektroden in die Muskeln implantiert. Dadurch können die Geschädigten teilweise wieder ihre Hände schließen oder Gegenstände greifen. Dies ist gerade bei Tetraplegikern sehr wichtig, da diese quasi keinen Handgriff mehr alleine ausüben können und deshalb fast permanent auf Hilfe Dritter angewiesen sind. Ferner hat die Uni Tübingen auch als erste Universität eine Blasenoperation mit dem Ziel der selbstständigen Blasenentleerung durchgeführt. Dadurch könnten häufig vorkommende Harnwegsinfekte und Nierenschäden verhindert werden.

 

Rz. 178

Vor 15 Jahren hatte es noch niemand für möglich gehalten, dass eine zerstörte Nervenbahn wieder wachsen kann. Es beginnen klinische Tests, in denen versucht wird, durch Medikamente zu erreichen, dass die Nerven im Rückenmark wieder wachsen können. Das Medikament wird in das Rückenmark gespritzt. Man ist sich in der Forschung einig, dass gerade bei Unfallopfern in den ersten 2 Tagen nach dem Unfall eventuell Zukunftsbehandlungserfolge eintreten können. Dagegen werden wohl Querschnittsgelähmte, die schon länger gelähmt sind, nicht kurzfristig von der Forschung und Wissenschaft profitieren.

 

Rz. 179

Abschließend kann gesagt werden, dass Querschnittslähmungen generell mit der nötigen Sensibilität auch seitens des Anwalts bearbeitet werden müssen, weil psychische Verletzungsfolgen Hand in Hand mit physischen Ausgangsverletzungen gehen.

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