Rz. 39

Die haftungsbegründende Kausalität betrifft die Ursächlichkeit des Unfallereignisses für die Rechtsgutverletzung als solche, also für den Primärschaden des Verletzten i.S.e. Belastung seiner gesundheitlichen Befindlichkeit. Die Nachweispflicht eines Verletzten erstreckt sich auf Eintritt und Höhe des Schadens (ergänzend zur Rechtsgutverletzung siehe § 3 Rn 55 ff.),[26] damit also u.a. auch auf den Umstand, dass er überhaupt bei dem Unfallgeschehen eine Körper- und Gesundheitsverletzung (Primärverletzung) erlitten hat. Der Anspruchsteller, der Ersatz seines Verdienstausfalls verlangt, muss also zunächst den ursächlichen Zusammenhang (haftungsbegründende Kausalität) zwischen schädigendem Verhalten (Rechtsgutverletzung dem Grunde nach) und der eingetretenen Rechtsgutverletzung (Körperverletzung) im Rahmen der strengen Voraussetzungen des § 286 ZPO (Strengbeweis) nachweisen (ergänzend siehe § 3 Rn 55 ff.).[27]

 

Rz. 40

Den aus dieser Verletzung resultierenden Umfang der Beeinträchtigung hat der Anspruchsteller dann ebenfalls im Rahmen des Strengbeweises (§ 286 ZPO) und nicht unter den Beweiserleichterungen des § 287 ZPO darzulegen und zu beweisen.[28] Die bei einem groben ärztlichen Behandlungsfehler eintretende Beweislastumkehr[29] gilt nur hinsichtlich des Gesundheitsschadens, nicht aber hinsichtlich der materiellen Schäden, die als Folge des Gesundheitsschadens (Vermögensnachteile wegen Erwerbsunfähigkeit u.a.) geltend gemacht werden; diese Vermögenseinbußen gehören zu den Sekundärschäden, für die das Beweismaß des § 287 ZPO gilt.[30] Für einen hypothetischen Kausalverlauf bei rechtmäßigem Alternativverhalten ist der Schädiger beweispflichtig.[31]

 

Rz. 41

Nach dem strengen Maßstab des § 286 ZPO bedarf es keines naturwissenschaftlichen Kausalitätsnachweises und auch keiner "mit an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit".[32] Das strenge ­Beweismaß des § 286 ZPO verlangt einen für das praktische Leben brauchbaren Grad von Gewissheit.[33] Im Rahmen des § 286 ZPO ist für die richterliche Überzeugungsbildung zwar keine mathematisch oder medizinisch notwendige Sicherheit erforderlich, wohl aber ein solch hoher Grad an Wahrscheinlichkeit, dass er vernünftigen Zweifeln Schweigen gebietet, ohne sie völlig auszuschließen.[34]

[26] BGH v. 30.6.1970 – VI ZR 71/69 – VersR 1970, 903. Lemcke r+s 2013, 574
[27] BGH v. 3.6.2008 – VI ZR 235/07 – BGHReport 2008, 1034 = DAR 2008, 590 (nur Ls.) = MDR 2008, 1115 = NJW-RR 2008, 1380 = NJW-Spezial 2008, 490, 521 = NZV 2008, 502 = r+s 2008, 395 (Anm. Lemcke) = SP 2008, 323 = SVR 2009, 141 = VersR 2008, 1133 = VRS 115, 106 = zfs 2008, 562; BGH v. 12.2.2008 – VI ZR 221/06 – BGHReport 208, 606 (nur Ls.) = GesR 2008, 250 = MDR 2008, 624 = NJW 2008, 1381 = NJW-Spezial 2008, 265 = r+s 2008, 214 = VersR 2008, 644 = zfs 2008, 321; BGH v. 4.11.2003 – VI ZR 28/03 – DAR 2004, 81 = IVH 2004, 8 (nur Ls.) = MDR 2004, 509 = NJW 2004, 777 = NZV 2004, 27 = r+s 2004, 39 = SP 2004, 40 = SVR 2004, 227 (Anm. Schwab) = VersR 2004, 118 = VRS 106, 177 = zfs 2004, 159 (Zeitliche Nähe zwischen Unfall und Morbus-Sudeck-Erkrankung reicht zum Nachweis nicht aus); BGH v. 27.4.1994 – XII ZR 16/93 – BB 1994, 1244 = DB 1994, 1514 = IBR 1994, 436 = MDR 1994, 684 = NJW 1994, 1880 = VersR 1994, 1351 = WM 1994, 1823 = ZIP 1994, 886; KG v. 10.6.2004 – 12 U 315/02 –dash; DAR 2005, 25 = KGR 2004, 576 = NZV 2005, 315 = VRS 107, 258, KG v. 15.5.2000 – 12 U 3645/98 –dash; DAR 2002, 211 (nur Ls.) = NVwZ-RR 2002, 450 = NZV 2002, 172 = VerkMitt 2002, Nr. 45 = VersR 2002, 1429 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 4.12.2001 – VI ZR 282/00 –); KG v. 21.10.1999 – 12 U 8303/95 – r+s 2000, 151 = VersR 2001, 595 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 23.5.2000 – VI ZR 376/99 –); OLG Brandenburg v. 8.3.2007 – 12 U 48/06 – SP 2007, 428; OLG Hamm v. 2.7.2001 – 13 U 224/00 – SP 2002, 11; OLG Jena v. 13.1.2009 – 5 U 229/07 – NJW-Spezial 2009, 298 = r+s 2009, 170 = SP 2009, 251; OLG München v. 8.2.2002 – 10 U 3448/99 – NZV 2003, 474 = r+s 2005, 84 = VersR 2004, 124 (BGH hat Revision nicht angenommen, Beschl. v. 1.4.2003 – VI ZR 156/02 –). LG München I v. 25.1.2001 – 19 O 13145/99 – SP 2002, 15.
[28] BGH v. 12.2.2008 – VI ZR 221/06 – BGHReport 208, 606 (nur Ls.) = GesR 2008, 250 = MDR 2008, 624 = NJW 2008, 1381 = NJW-Spezial 2008, 265 = r+s 2008, 214 = VersR 2008, 644 = zfs 2008, 321 (Die haftungsbegründende Kausalität betrifft die Ursächlichkeit des Behandlungsfehlers für die Rechtsgutverletzung als solche, also für den Primärschaden des Patienten i.S.e. Belastung seiner gesundheitlichen Befindlichkeit. Insoweit gilt das strenge Beweismaß des § 286 ZPO, das einen für das praktische Leben brauchbaren Grad von Gewissheit verlangt.); BGH v. 4.11.2003 – VI ZR 28/03 – DAR 2004, 81 = IVH 2004, 8 (nur Ls.) = MDR 2004, 509 = NJW 2004, 777 = NZV 2004, 27 = r+s 2004, 39 = SP 2004, 40 = SVR 2004, 227 (Anm. Schwab) = VersR 2004, 118 = VRS 106, 177 = zfs 2004, 159 (Zeitliche Nähe zwischen Unfall und Morbus-Sudeck-Erkrankung reicht zum...

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