§ 10 Haftung und Berufshaft... / 8. Verschulden und Kausalität, Schaden
 

Rz. 69

Verletzt der Anwalt eine der zahllosen Pflichten, kann der enttäuschte und möglicherweise wegen des anwaltlichen Versehens zu Schaden gekommene Mandant seinen Anwalt aus § 280 Abs. 1 BGB (positiver Forderungsverletzung des Anwaltsvertrages) auf Schadenersatz in Anspruch nehmen.

In einem arbeitsteiligen Büro kann der Anwalt natürlich nicht jede Tätigkeit selbst ausführen, die mit der Bearbeitung des Mandats verbunden ist. Er bedient sich hierbei seines Personals (vgl. hierzu bereits "Organisation des Büros", siehe Rn 53 – 63 ff.). Auch den nicht-juristischen Mitarbeitern der Kanzlei oder den dort angestellten Juristen kann aber einmal ein Fehler unterlaufen. Soweit dies anlässlich der Bearbeitung eines Mandats geschieht, erstreckt sich die Haftung des Anwalts auch auf Gehilfen, juristische Mitarbeiter und sonstiges Kanzleipersonal.

 

Rz. 70

Eine Pflicht zum Schadenersatz trifft den Anwalt aber nur, wenn seine Pflichtverletzung oder das ihm zugerechnete Versehen eines Dritten schuldhaft und für den Schaden auch kausal war.

Bei der Feststellung der Schuld – in aller Regel wird nur Fahrlässigkeit in Betracht kommen – legt die Rechtsprechung einen objektiv-typisierten Maßstab an. Nicht jeder Anwalt ist ein Genie, und die Rechtsprechung erwartet dies auch nicht, aber der Anwalt muss schon die an einen durchschnittlichen, gewissenhaften und erfahrenen Anwalt zu stellenden Anforderungen erfüllen, wenn er seine Haftung vermeiden will. Gelingt ihm dies nicht, fällt ihm zumindest Fahrlässigkeit zur Last.

 

Rz. 71

Die Messlatte liegt dabei – um jedes Missverständnis zu vermeiden – ziemlich hoch. Für Notare hat die Rechtsprechung den Begriff des "pflichtbewussten Durchschnittsnotars" geprägt; für Anwälte gilt im Zweifel der gleiche Maßstab, und das Anforderungsprofil des "pflichtbewussten Durchschnitts-Anwalts" kann man gar nicht hoch genug ansetzen, wenn man ausschließen möchte, irgendwann haften zu müssen.

 

Rz. 72

Die objektiv richtige Beurteilung der Sachlage erwartet die Rechtsprechung dabei nicht; sie beugt sich der Einsicht, dass eine solche objektiv richtige Beurteilung kaum möglich ist. Erwartet wird aber vom Anwalt, dass er die juristischen Probleme erkennt, die sich aus dem ihm unterbreiteten (und von ihm möglicherweise nachrecherchierten Sachverhalt ergeben, dass er die von Rechtsprechung und Lehre hierzu angebotenen Lösungen erkennt und entsprechend handelt (siehe auch Rn 29 ff.). Schafft er dies, dann dürfte schuldhaftes Handeln ausscheiden; schafft er dies nicht, stellt sich die Frage der Schuld nicht mehr.

 

Rz. 73

Der Schadenersatzanspruch setzt weiter einen adäquaten Kausalzusammenhang (haftungsausfüllende Kausalität) zwischen der Pflichtverletzung des Rechtsanwalts und dem geltend gemachten Schaden voraus. An einem adäquaten Kausalzusammenhang fehlt es grundsätzlich, wenn der Mandant ohne die anwaltliche Pflichtverletzung in einem Rechtsstreit den Prozess ohnehin – aus anderen Gründen – verloren hätte. Wird dem Anwalt ein Unterlassen vorgeworfen, muss untersucht werden, wie das vermeintlich fehlerhaft geführte Verfahren bei pflichtgemäßem Handeln des Anwalts ausgegangen wäre. Dabei ist ein Schaden nur dann schlüssig begründet, wenn der geschädigte Mandant im Einzelnen darlegt, wie sich seine Vermögenslage bei richtiger Beratung durch den Anwalt gestaltet hätte.

Anders als bei der Versäumung von Fristen oder entsprechenden prozessualen Fehlern ergeben sich bei unterlassenem Hinweis/Rat oder Falschberatung in der Praxis zunehmend Beweisprobleme, wenn der Mandant – der Rechtsprechung folgend – behauptet, eine andere, konkret beschriebene Gestaltung hätte zu einer rechtlich besseren Position und im Ergebnis zu einer wirtschaftlich günstigeren Umsetzung seiner Vorstellungen geführt. Trägt der Mandant insoweit eine Mehrzahl von Möglichkeiten vor, wie er sich hätte verhalten können, wenn er pflichtgemäß beraten worden wäre, so muss er grundsätzlich den Weg bezeichnen, für den er sich entschieden hätte, es sei denn, er legt dar, sämtliche Wege hätten ein vollkommen gleiches Ergebnis erbracht, so dass sich im jeweiligen Gesamtvermögensvergleich identische Schadensbilder ergeben hätten.

In der maßgeblichen Frage, wie sich der Mandant bei richtiger Beratung verhalten hätte, wird zu seinen Gunsten vermutet, dass er vernünftigerweise einem guten oder besseren Rat gefolgt wäre. Wenn hingegen verschiedene vernünftige Handlungsalternativen bestanden, was nicht allein vom rein monetären Ergebnisvergleich abhängt, entfällt dieser Anscheinsbeweis. Der Tatrichter hat unter Berücksichtigung dieser Beweislastfragen zu prüfen, ob die ursprünglichen, persönlichen Motive des Mandanten mit der behaupteten Alternativgestaltung im Einklang stehen. Gelingt es dem Rechtsanwalt, die Möglichkeit eines untypischen Geschehensablaufs schlüssig darzulegen, erschüttert er den sog. Beweis des ersten Anscheins (s.o.), und den Mandanten trifft wieder der volle Kausalitätsbeweis.

Die Feststellung, ob infolge der Pflichtverletzung des Anwalts dem Manda...

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