§ 1 Grundsätzliche Betracht... / 1. Beitreibung weitgehend unstreitiger Forderungen
 

Rz. 49

Es ist unbestritten, dass die Inkassodienstleister für die Wirtschaft in Deutschland im Sinne einer arbeitsteiligen Partnerschaft eine wichtige Aufgabe in der Liquiditätssicherung wahrnehmen, in dem die Gegenleistung des Schuldner für von ihm in Anspruch genommene Waren oder Dienste geltend gemacht und insoweit berechtigte Ansprüche des Gläubigers durchgesetzt werden. Aufgabe ist es dabei einerseits die Berechtigung der Forderung zu prüfen, wie andererseits dagegen erhobene Einwendungen abzuwehren und insoweit eine klassische Rechtsdienstleistung in Form der Inkassodienstleistung zu erbringen (§ 2 Abs. 1 und 2 RDG). Weitere Aufgabe ist es dann, die Zahlungsziele des Gläubigers mit der Leistungsfähigkeit des Schuldners in Einklang zu bringen. Diese Leistungen erbringen Inkassodienstleister für kleine Handwerks- und Handelsunternehmen ebenso wie für Mittelständler und Großkonzerne.

Ist der Rechtsanwalt der klassische Rechtsberater des Gläubigers in streitigen Verfahren, sehen Inkassodienstleister ihre Stärken in der rechtlichen Beratung zum Umgang mit unstreitigen Forderungen und deren Beitreibung unter gleichzeitiger Nutzung kaufmännischer Methoden. Die rechtliche Beratung umfasst dabei insbesondere auch Aspekte der Informationsbeschaffung zum Aufenthalt und zum Einkommen- und Vermögen des Schuldners. Stellt der Schuldner die vom Inkassodienstleister aus der Ex-ante-Sicht zunächst als unstreitig übernommene Forderung streitig, versuchen Inkassodienstleister – zulässigerweise – die Einwendungen des Schuldners in tatsächlicher und rechtlicher Hinsicht zu entkräften, soweit die Prüfung die unbeschränkte Berechtigung der Forderung ergibt. In diesem Umfang sind Rechtsanwalt und Inkassodienstleister im Leitungsspektrum gleichgestellte Konkurrenten. Kommt es im weiteren Verlauf zum Streit zwischen Schuldner und Gläubiger, kooperieren Inkassodienstleister und Rechtsanwälte aber auch als Partner.

 

Rz. 50

Während die Kernkompetenz des Rechtsanwaltes neben der Rechtsberatung und der Titulierung streitiger Forderungen bei der anschließenden Durchsetzung der titulierten Forderungen liegt, beschäftigt sich ein Inkassodienstleister primär mit der Einziehung von – jedenfalls zunächst – unstreitigen Forderungen und deren Titulierung im gerichtlichen Mahnverfahren sowie – ebenso wie der Anwalt – deren Durchsetzung im Wege der Mobiliarzwangsvollstreckung. Dabei ist aus der Ex-ante-Sicht davon auszugehen, dass der Schuldner, der bis zur angedrohten Übergabe der Forderung an einen Inkassodienstleister keine Reaktion gezeigt hat, die Titulierung der unbestrittenen Forderung im gerichtlichen Mahnverfahren durch den Inkassodienstleister zulässt.

 

Rz. 51

 

Hinweis

Der Schuldner wird vor diesem Hintergrund weniger als rechtlicher Gegner betrachtet. Im Fokus steht die Ermittlung der Gründe für die mangelnde Zahlung und die Entwicklung von Lösungsansätzen, um den Schuldner zumindest zu regelmäßigen Teilzahlungen zu bewegen. Diese Tätigkeit steht auch in der Erkenntnis, dass Zahlungsstockungen oder auch die Zahlungsunfähigkeit nur vorübergehend sind, weil auf Arbeitslosigkeit die Erwerbstätigkeit und auf Trennung und Scheidung neue Beziehungen folgen.

Erst wenn dieses Bemühen erfolglos bleibt, rückt die Sicherung der Rechte des Gläubigers durch eine Titulierung der Forderung und die zwangsweise Durchsetzung der Forderung gegen den nicht kooperationswilligen Schuldner im Wege der Zwangsvollstreckung in den Fokus.

Inkassodienstleister haben gegenüber dem Rechtsanwalt ein zwar nicht rechtlich, aber rein tatsächlich weiter aufgefächertes Handlungsspektrum, das insbesondere auch die telefonische (Telefoninkasso) und persönliche (Außendienst) Ansprache des Schuldners umfasst. Als deren Voraussetzung geht die Ermittlung des Aufenthaltsortes des Schuldners weit über die reine Abfrage von Einwohnermeldeämtern hinaus. Dabei bieten mehr als die Hälfte aller Inkassodienstleister das Inkasso auch gegenüber fremdsprachlichen Schuldnern an. In Massenverfahren hat der Schuldner Gelegenheit, seine Forderungsangelegenheit über ein Internetportal zu kommunizieren, um ihm alle Möglichkeiten der modernen Kommunikation zu bieten. Auch in den Möglichkeiten des Forderungsausgleiches zeigen Inkassodienstleister nicht nur die Überweisung, sondern bieten mit Daueraufträgen, Lastschriften und vor allem modernen Payment-Systemen mehr Flexibilität. In Ergänzung der Maßnahmen der Forderungsbeitreibung bieten Inkassodienstleister dem Gläubiger regelmäßig Bonitätsprüfungen, die Übernahme des Debitorenmanagements sowie den Kauf oder das echte und unechte Factoring an und bieten insoweit auch Lösungen innerhalb der Liquiditätssteuerung des Gläubigers. Schuldner wie Gläubiger profitieren von diesem "Mehr".

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