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Marlboro Man's Abgesang? Unternehmensverbände wollen Raucherpausen abschaffen

Unvergessen ist der Marlboro Man, in Sachen Männlichkeit, Kraft und Unabhängigkeit Vorbild mehrerer Generationen. Er tat als Cowboy seine Pflicht und gönnte sich anschließend am Lagerfeuer stilvoll seine Zigarette. Mittlerweile ist er aus dem TV ins Kino-Exil verschwunden. Auch für Arbeitnehmer, die in Zigarettenpausen ihrem speziellen Lebensgefühl fröhnen, wird es eng: Verbände blasen zum letzten Anti-Raucher-Gefecht.

Fast schon eine Legende für unabhängigen Lebensstil war der Marlboro-Cowboy, der in der Wildnis seine Pflicht erfüllte und abends oder zwischendurch lässig eine Zigarette rauchte. Sein bekanntester Darsteller starb nach langjährigem, starkem Zigarettenkonsum im Alter von 51 Jahren an Lungenkrebs. Seine Nachfolger reiten weiter, dürfen aber in Deutschland nur noch im Kino gezeigt werden.

 

Schluss mit den letzten am Arbeitsplatz rauchenden Mohikanern?

Auch andere rauchende Arbeitnehmer wurden in Deutschland zurückgedrängt, sie rauchen meist vor der Firmentür oder im Hof, jetzt im Winter oft bibbernd und frierend, meist eine fest verschworene oder auch lockere Gemeinschaft von tapferen Nikotinaufrechten, die sich ihren ungesunden Lebensstil weder vom Gesundheitsminister noch von Wetter-Widrigkeiten nehmen lassen.

 

Antiraucher-Schlinge zieht sich zusammen: "Schluss mit dem blauen Dunst während der Arbeit"

Nun zieht sich anscheinend die Schlinge über den Marlboro-Mohikanern zusammen. Arbeitgeberverbänd blasen ins Kosten-Horn und wollen die Raucherpausen ein für alle mal beenden: Raucherpausen am Arbeitsplatz soll es nach dem Willen von Unternehmensverbänden künftig nicht mehr geben.

Die Mitarbeiter sollen stattdessen Zigaretten nur noch in der Mittagspause oder nach Feierabend konsumieren dürfen. "Schluss mit dem blauen Dunst während der Arbeit", forderte der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, in der "Bild"-Zeitung: "Raucherpausen kosten die Betriebe bares Geld und stören den Arbeitsablauf".

 

Gegenwind von den Gewerkschaften

Bei Gewerkschaften und Politikern stieß die Forderung auf harsche Kritik. "Die Behauptung, Raucherpausen würden den Arbeitsablauf stören oder gar den Betrieb lahmlegen, ist geradezu grotesk", erklärte Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

Pausen seien angesichts der zunehmenden Arbeitsbelastung immer wichtiger. Ein Rauchverbot auch während dieser Pausen erhöhe unnötig den Druck auf die Arbeitnehmer.

 

Selbst Gesundheitsexperten sind skeptisch

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich ablehnend: "Ein Rauchverbot in kleinen Pausen vor der Tür wäre eine massive Diskriminierung - und ein Schritt Richtung Nichtraucher-Diktatur".

 

"Kalter Entzug" vom Chef?

Unterstützung erhielt Ohoven von der Chefin des Unternehmerverbands mittelständische Wirtschaft (UMW), Ursula Frerichs. "Extra-Pausen für Raucher müssen abgeschafft werden", sagte sie. Nichtraucher dürften gegenüber ihren rauchenden Kollegen nicht benachteiligt werden, weil sie weniger Pausen nähmen. Oft würden mehrere Raucher zusammen stehen und mehr als nur eine Zigarette rauchen, was im Extremfall den ganzen Betrieb lahmlegen könne, sagte Frerichs.

 

Schweden ist Vorläufer in Sachen "rauchfreier Arbeitszeit"

Vorbild für die "rauchfreie Arbeitszeit" ist Schweden, wo viele Firmen und Kommunen das Konzept bereits seit längerem umsetzen. Nach Berechnungen des schwedischen Volksgesundheitsinstituts kostet jeder Raucher seinen Arbeitgeber im Jahr mehr als 3500 EUR zusätzlich. Im Schnitt summierten sich die Raucherpausen täglich auf eine halbe Stunde der Arbeitszeit.

 

Keine Gesetze, sondern Entscheidungen einzelner Unternehmen

Eine gesetzliche Regelung des Nichtraucherschutzes über das bereits geltende Maß hinaus ist nach Ansicht der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) dennoch unnötig. "Entscheidungen über Rauchverbote und den Nichtraucherschutz muss jedes Unternehmen selbst treffen", teilte der Verband mit. Wie der Nichtraucherschutz in den Betrieben umgesetzt werde, solle auch künftig von Betriebsrat und Arbeitgeber bestimmt werden.

 

Unheilige Allianz von Kostensenkung und Gesundheitsförderung?

So gesund sich der Plan anhört, scheint er doch rechtliche und gesellschaftliche Schwächen zu haben. Abgesehen davon, dass in vielen Unternehmen das Rauchen nicht als Arbeitszeit behandelt wird, könnte ein "kalter Entzug" vom Chef eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts der Raucher bedeuten. Ob sich Motivation und Identifikation mit dem Unternehmen bei drastischer Bevormundung steigern, bleibt auch dahingestellt. Auch beim Kampf um Talente könnte es sich nachteilig auswirken, wenn man seinen High-Potentials in spe im Bewerbungsgespräch ihre rauchfreie Zukunft in Aussicht stellt.

 

Hintergrund: Rechte der Raucher?

Mit Blick auf die grundrechtlich geschützten Persönlichkeitsrechte der Raucher (Art. 2 Abs. 1 GG) müssen Rauchverbote dem „Verhältnismäßigkeitsgrundsatz“ entsprechen.

  • Sie müssen daher zu ihrer Wirksamkeit in ihrer konkreten Ausgestaltung erforderlich sein, um insbesondere die übrigen Beschäftigten zu schützen, wobei unter medizinischen Gesichtspunkten ein entsprechendes Schutzbedürfnis zumindest innerhalb der Arbeitsstätte regelmäßig anzunehmen sein dürfte.
  • Rauchverbote dürfen darüber hinaus Raucher aber nur angemessen einschränken.

Absolutes Rauchverbot = unangemessen

Ein absolutes Rauchverbot auch für alle freien Flächen auf einem Betriebsgelände dürfte vor diesem Hintergrund unangemessen sein.

Als angemessene Einschränkung wäre insoweit an ein abgestuftes Rauchverbot zu denken oder die Einrichtung von Raucherräumen oder zumindest überdachten Flächen auf dem Betriebsgelände. Ein vollständiges Rauchverbot würde die freie Entfaltung der Persönlichkeit der Raucher gem. Art. 2 Abs. 1 GG verletzen und wäre unwirksam.

 

Kein Erziehungsauftrag!

Weder der Arbeitgeber (noch der Betriebsrat) sind aber befugt, ein Rauchverbot mit der Zielsetzung zu vereinbaren, Arbeitnehmer von gesundheitsschädlichen Gewohnheiten abzubringen, weil sie damit ihre Regelungskompetenz überschreiten würden ( BAG, Urteil vom 19.01.1999, 1 AZR 499/98).

Die Fürsorgepflicht betrifft nicht Erziehung des Rauchers zum Nichtraucher, sondern der Schutz der nichtrauchenden Arbeitnehmer vor gesundheitlichen Gefährdungen und Belästigungen durch Passivrauchen.

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