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Beleidigung: Fristlose Kündigung, wenn die Freundin des Chefs zu alt geschätzt wird?

Mit der Äußerung von Schätzungen hinsichtlich des Alters sollte man vorsichtig sein. Das gilt grundsätzlich, aber auch, wenn es sich um die Lebensgefährtin des eigenen Chefs handelt. Im schlimmsten Fall kann eine uncharmante Vermutung hier eine fristlose Kündigung oder zumindest den Versuch einer solchen zur Folge haben.

Altersphobie zeigt immer stärkere Ausprägungen und manchmal treffen die Folgen auch sehr junge Menschen. Folgender Rechtsstreit wurde durch Vergleich vor dem Arbeitsgericht Mannheim erledigt:

 

Freundin des Arbeitgebers um 9 Jahre zu alt geschätzt

Ein Rechtsanwalt hatte seiner 19-jährigen Auszubildenden gekündigt, da sie unvorsichtigerweise an Hand eines Fotos die Freundin Ihres Chefs auf ca. 40 Jahre schätzte. Tatsächlich war diese jedoch um einiges jünger, nämlich 31 Jahre alt. 

"Sie (die Azubine Anm. d. Red.) hat mich regelrecht ausgelacht. Dadurch fühlte ich mich beleidigt", so der Anwalt. Er sei ziemlich sauer gewesen und habe ihr dreimal leicht auf die Schulter geschlagen, sich später aber dafür entschuldigt.

 

Rechtsanwalt kündigt Auszubildender fristlos

Die Auszubildende, der dann wohl auch das Lachen vergangen war, habe sich in den folgenden Tagen grundlos krankgemeldet. Das wertete der Arbeitgeber als weiteren Kündigungsgrund. Schließlich warf der Anwalt aus Edingen-Neckarhausen der Auszubildenden noch vor, nicht immer korrekt gearbeitet zu haben. Er kündigte alles in allem fristlos.

Die Auszubildende erhob Kündigungsschutzklage, die Ende Oktober 2010 am Arbeitsgericht Mannheim verhandelt wurde. In diesem Gütetermin war ein klagabweisendes Versäumnisurteil ergangen, offenbar weil der Anwalt terminlich verhindert war, gegen welches die Klägerin Einspruch eingelegte.

 

Abmahnung versäumt?

Die Vorsitzende Richterin sah den Sachverhalt gelassen, sie verstehe nicht, warum der Arbeitgeber sich durch die falsche Einschätzung des Alters seiner Freundin beleidigt gefühlt habe. Für eine fristlose Kündigung reiche zudem auch nicht aus, dass die 19-Jährige ihre Arbeit manchmal nicht richtig erledigt habe. Man hätte sie auf jeden Fall zunächst abmahnen müssen.

 

Kündigung berechtigt? - Prozess endete mit einem Vergleich

Das Verfahren wurde mit einem Vergleich beendet, der beinhaltete, dass das Ausbildungsverhältnis zum 30. November 2010 enden und noch eine Nachzahlung der Ausbildungsvergütung in Höhe von 333 Euro erfolgen muss. Ihre Ausbildung zur Rechtsanwalts-Fachangestellten setzt die Klägerin seit Dezember in einer anderen Kanzlei fort. Bleibt zu hoffen, dass die Lebensgefährtin des Anwalts hier jugendlich erscheint und / oder der Anwalt humorvoll ist oder die junge Frau künftig mehr Diplomatie walten lässt.

(ArbG Mannheim, Vergleich v. 24.03.2011, 3 Ca 406/10).

 

Hintergrund: Wo beginnt die Beleidigung?

Beleidigende Äußerungen eines Arbeitnehmers gegenüber seinem Arbeitgeber, Kollegen oder Kunden stellen zwar in der Regel einen Grund für eine ordentliche und oftmals sogar für eine fristlose Kündigung des Arbeitsverhältnisses dar. Zur Freundin gibt es noch keine Umfangreiche Rechtsprechung, doch offensichtlich hatte sich hier der Arbeitgeber selbst beleidigt gefühlt.

Ob eine Beleidigung im Einzelfall für eine Kündigung ausreicht, ist jeweils individuell zu beurteilen. Maßstab ist dabei die Frage, ob aufgrund der Beleidigung eine von gegenseitiger Achtung getragene Zusammenarbeit noch möglich ist oder nicht. Auf die strafrechtliche Beurteilung als Beleidigung kommt es hingegen nach h.M. nicht in erster Linie an.

 

Abwägungskriterien: nur derb oder schon kündigungsrelevant?

Im Rahmen der Einzelfallabwägung sind vor allem die folgenden Faktoren zu berücksichtigen:

  • Art der Beleidigung,
  • der branchenübliche Umgangston,
  • der Bildungsgrad des Arbeitnehmers,
  • die Gesprächssituation,
  • eine etwaige Reizung durch den Arbeitgeber sowie
  • die Ernsthaftigkeit der Äußerung.

Zudem kommt es auch darauf an, wer von der Beleidigung Kenntnis genommen hat. Denn im Normalfall ist eine Kündigung dann nicht möglich, wenn die Beleidigung im privaten oder kollegialen Umfeld erfolgte.

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