16.05.2011 | Personalszene

Bericht aus Bonn: Große Unternehmen müssen unternehmerische Verantwortung auf Mitarbeiter delegieren

Die Globalisierung fordert Flexibilität in Unternehmen. Diese Wendigkeit geht den Großunternehmen verloren. Mehr Mitarbeiterverantwortung wäre wichtig. Geht die Zeit der "großen Tanker" zu Ende? fragt Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

Eigentlich ist es eine Erfolgsmeldung: Nach den Angaben der Bundesagentur für Arbeit hat die Zahl der offenen Stellen in Deutschland im ersten Quartal 2011 erstmals nach der großen Finanzmarktkrise wieder die Eine-Million-Marke überschritten. Es gibt inzwischen 400.000 offene Stellen mehr als noch ein Jahr zuvor und immerhin 60.000 mehr als im Vorquartal. Die Konjunktur brummt also. Wer aber genau hinhört, erkennt da einen Misston. In der gleichen Meldung der Bundesagentur für Arbeit ist nämlich auch zu lesen, dass bei den Großbetrieben mit mehr als 500 Mitarbeitern das Angebot an offenen Stellen gegenüber dem Vorquartal um 27 Prozent gesunken sei. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass dahinter eine besonders effiziente Stellenbesetzungsstrategie der Großen steckt, die entgegen dem allgemeinen Trend zu einem Rückgang der offenen Stellen führen würde. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich hier ein versteckter Stellenabbau vollzieht, der in der allgemeinen Euphorie untergeht.

Das wäre übrigens nichts Neues. Schon im Boom-Jahr 2007 hatte eine Befragung des IZA unter den DAX-30-Unternehmen ergeben, dass in der gleichen Zeit, in der die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit um 1,6 % gestiegen war, die Zahl der Beschäftigten bei den DAX-30-Unternehmen um knapp 2 % zurückging, wenn man deren Zahlen um Veränderungen durch Zu- und Verkäufe bereinigt. In der Breite wird der Aufschwung am deutschen Arbeitsmarkt damals wie jetzt hauptsächlich von mittelgroßen Unternehmen mit einem Bestand zwischen 50 und 250 Mitarbeitern getragen. Das Wachstum der Großen entpuppt sich bei näherem Hinsehen häufig als Scheinwachstum durch Zukäufe. Damit lassen sich tiefer liegende Strukturprobleme nach außen elegant kaschieren.

Das wirft die Frage auf, wieso Großunternehmen nicht mehr wie vielleicht noch vor einigen Jahren vom Aufschwung profitieren. Meine Befürchtung ist, dass die Flexibilitätsanforderungen in der modernen Globalisierung Steuerungsprobleme aufwerfen, denen große Unternehmen immer weniger gewachsen sind. Sie sind mehr mit sich selbst beschäftigt als gut für sie ist. Das ist gemeint, wenn Ökonomen vornehm von Produktionsfunktionen mit abnehmendem Grenzertrag reden.

Der gestiegene Bedarf nach Wendigkeit auf den Märkten verlangt mehr unternehmerische Verantwortung auf der Mitarbeiterebene als früher. Die optimale Betriebsgröße wird dadurch kleiner. Die Zukunft gehört daher womöglich eher den überschaubaren operativen Einheiten als den großen Tankern.

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet.

Die Kolumnen veröffentlichen wir auf unserer Startseite: www.haufe.de/personal

Aktuell

Meistgelesen