| HR Recruiter Slam 2016

"Rekrutieren in Prosa? Kann ja jeder!"

Sie suchten die Reim-Herausforderung: Die Teilnehmer und Organisatoren des HR Recruiter Slam um Gewinner Jannis Tsalikis (5. v. r.).
Bild: Haufe Online Redaktion

Recruiter, die für Recruiter reimen: In Stuttgart hat der zweite HR Recruiter Slam stattgefunden. Die Poeten gaben alles, das Publikum feierte sie. Bei dem Szene-Event für Insider zeigten sich die jungen Personaler witzig und selbstironisch – über Recruiting-Pannen durfte gelacht werden.

Fünf Personaler und zwei Personaldienstleister haben sich getraut: Sie sind beim HR Recruiter Slam am 9. November im "Wizemann" in Stuttgart in den Ring gestiegen. Die Spielregeln des an Poetry Slams angelehnten Wettbewerbs, der nach der Slam-Premiere im vergangenen Jahr zum zweiten Mal stattfand, sind folgende: Die kreativen Köpfe treten in Kleingruppen gegeneinander an und versuchen, sich gegenseitig mit Worten zu übertrumpfen. Wer sich in der Kleingruppe durchsetzen kann, kommt ins Finale. Dort haben schließlich die Zuschauer das letzte Wort und küren den Sieger mit lautem Klatschen.

Themen: Personaler-Karriere, Recruiting-Videos, Männer und Frauen

Und zum Klatschen hatten die anwesenden circa 250 vorwiegend jungen Personaler viel Gelegenheit. Die Themen, die die Slammer in meist gereimter Form vortrugen, spiegelten das ganze Spektrum der HR-Arbeit: So dichtete Nora Jarzynski vom Maschinenbauunternehmen Voith über ihren persönlichen Werdegang, der auf Umwegen zu einer HR-Karriere führte. Heiko Schomberg, der im Personalmarketing beim Pharmariesen Bayer arbeitet, berichtete über die Herausforderungen beim Erstellen von Virtual-Reality-Videos. Und Ute Neher von der Telekom, die bereits im vergangenen Jahr beim Slam dabei war und sich auch dieses Jahr wieder in leuchtendes Magenta gehüllt hatte, sprach unter dem Titel "Frau sein" über ihre Erfahrungen als Frau in der Arbeitswelt.

Bei ihren ganz unterschiedlich gestalteten Beiträgen konnten sich die Slammer auf ein dankbares Publikum verlassen, das ab der ersten Minute begeistert mitging und laut lachte und klatschte – auch dann, wenn der Witz nicht ganz zündete oder unter der Gürtellinie einschlug.

Imker-Fabel: Was Personaler von Bienen lernen können

Leisere und nachdenklichere Töne als die meisten seiner Mitkämpfer schlug Soeren Frickenschmidt, Head of Recruiting Services bei Boehringer-Ingelheim, in der Vorrunde an. Er habe sich vorgenommen, erzählt er, jedes Jahr eine komplett sinnlose Tätigkeit, die "null Prestige bringt", zu erlernen. In diesem Jahr auf seinem Programm: Imkerei. Was leicht absurd und HR-fern begann, steigerte sich schnell zu einem aufschlussreichen Vortrag über das Sozialleben von Bienen und dem, was sich Personaler davon abschauen können. Vorbildlich sind laut Frickenschmidt die Fokussierung der Bienen auf ihre aktuelle Tätigkeit und ihr Umgang mit Change-Situationen: Die fleißigen Tierchen sind in der Lage, sich blitzschnell auf Veränderungen einzustellen und je nach aktuellem Bedarf ihre Rolle im Bienenstock anzupassen.

Von so viel Umsicht, Selbstorganisation und Agilität könnte auch manche HR-Organisation profitieren. "Schwänzeltänze im Recruiting würde ich aber nicht empfehlen", schränkte Frickenschmidt die Übertragbarkeit seiner Beobachtungen aufs HR Business ein. Der Recruiter sah auch davon ab, seinen Vortrag in Reimen zu bestreiten – was angesichts einiger Polter-Reime seiner Mitstreiter zur Abwechslung ganz gut tat. Überzeugen konnte Frickenschmidt aber mit seiner klugen Imkerfabel nicht alle im Publikum: Er schaffte es nicht in die zweite Runde.

Slammer lassen es ordentlich krachen

Mehr Fans im Publikum hatten hingegen jene Slammer, die es richtig krachen ließen: etwa Jannis Tsalikis, Blogger und HR-Direktor Vice Media, der am Ende auch den Sieg davontrug. Er präsentierte einen dadaistischen Sprechgesang über einen Personaler namens "Rainer". Rainer verkörpert den Archetypen des langweiligen, passiven, arbeitsscheuen, digitalisierungsfeindlichen Personalers und spiegelt all das wider, was an HR unsexy und ineffizient ist. "Scheißjob bleibt Scheißjob, analog oder digital", lautet Rainers Motto. (Das komplette Gedicht von Tsalikis können Sie hier nachlesen.)

Das Publikum zeigte sich begeistert, im Finale dufte Tsalikis natürlich noch einmal antreten und den zweiten Teil seines Rainer-Chorals singen.

Die Moral seiner Geschicht': "Bleib nicht länger der Verwalter/ Du kannst dich nämlich entscheiden/ Ob Du Hund bist oder Hundehalter" – eine witzig verpackte Variation der oft gehörte Forderung, HR solle endlich vom Verwalter zum Gestalter werden.

Ein Märchen für Personaler aus dem "Knabenreich"

Ebenfalls ein Renner beim Publikum war der Beitrag von Jan Hawliczek vom Personalmarketing- und Social-Media-Berater "die grüne Drei". Gerade sein Vortrag, der ungereimt und in Form eines Märchens daherkam, machte deutlich, dass der Recruiter Slam sich in erster Linie an Personaler und nicht (mehr) an Bewerber richtet: Sein Märchen strotzte vor Anspielungen auf die HR-(Blogger)Szene (den kompletten Text von Hawliczek finden Sie hier). Die Geschichte spielte im "Knabenreich"; der Held, der in einem großen Schloss mit "Softgarden" wohnt, meldet sich bei einem "Xingletreff" an; andere Figuren spielen darin ein Spiel namens "'Buckmann gewinnt', eine frühe Form von 'Vier gewinnt', bei der der mit dem meisten "Frechmut" siegt.

An anderer Stelle war die Rede davon, dass die Märchenfiguren eine "Brickwedde" eingehen und "ihr Personalwerk zusammenpacken" – alles Anspielungen also, die Bewerber kaum verstehen können, dank derer sich aber das Publikum als eingeschworene Gruppe fühlen konnten.

Recruiting bei Xing: die Qualen von Bewerbern und Personalern

Eine ähnliche selbstironische Insiderperspektive nahm auch Robindro Ullah, Managing Partner bei der Minds Ahead GmbH, in seinem Slam-Beitrag ein. Er berichtete über das Recruiting bei Xing, und zwar in zweierlei Rollen – zunächst aus der Perspektive des Bewerbers, dann aus der des Personalers, dessen Motto lautete: "Rekrutieren in Prosa kann ja jeder".

Viel Gelächter war zu hören, als Ullah davon berichtete, wie der Bewerber sich unter großen Mühen bei Xing anmeldet. Am Ende lautet das Fazit des imaginären Bewerbers: "Das nächste Mal mach ich’s mir leicht/ und meld mich bei Tinder an/ weil da ein Foto reicht."

Dass das Recruiting an sich und das über Business- und andere soziale Netzwerke noch verbesserungsfähig ist, wird immer wieder angeprangert – beim Recruiter Slam durfte aber auch mal über die offensichtlichen Pannen bei der Personalauswahl gelacht werden, ohne dass gleich der drohende Schaden aufs Employer Branding angemahnt wurde. Weil hier die Kritik an den offensichtlichen Recruitingschwachstellen nicht lehrmeisterhaft, sondern mit einem Augenzwinkern präsentiert wurde, wurde sie vom Publikum offenbar gut aufgenommen: Die Lacher im Saal zeigten, dass die Anwesenden sich in den geschilderten Situationen wiederkennen konnten, vielleicht sogar ertappt fühlten. Manch einer lachte sicher aus Erleichterung darüber, dass sich auch andere mit denselben Recruiting-Problemen herumschlagen.

Junge Personaler feiern sich selbst

Im vergangenen Jahr war die Zielgruppe noch nicht so klar definiert: Damals waren die Veranstalter mit der Hoffnung gestartet, mit dem Slam nicht nur Personaler, sondern auch Bewerber zu erreichen. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, im vergangenen Jahr kamen ebenfalls vorwiegend Personaler, um ihre HR-Kollegen slammen zu sehen.

In diesem Jahr hat sich der Slam als Insider-Event für – vorwiegend junge – Personaler etabliert. In dieser Ausrichtung waren alle Vorträge des diesjährigen Slams stimmig – auch, wenn sie sich sonst in Machart, Darbietung und dichterischer Qualität stark unterschieden.

Am Ende waren die Poeten erschöpft, aber glücklich. Alle – nicht nur der Gewinner, nicht nur die Finalisten – zeigten sich am Ende noch einmal auf der Bühne und lagen sich in den Armen. Im Hintergrund war "We are the Champions" zu hören, die Stimmung gelöst, das Publikum euphorisch.

Dieses Schlussbild bleibt in Erinnerung: Die junge HR-Szene feiert sich und hat Spaß – und eigentlich ist es auch egal, wer da am Ende gewonnen hat. (Lesen Sie hier den Nachbericht von Mitveranstalter Michael Witt. Auch Vorjahressieger Henrik Zaborowski hat einen Nachbericht zum Recruiter Slam geschrieben, den Sie hier finden.)

Schlagworte zum Thema:  Recruiting, Personalmarketing, Employer Branding

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