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DIW sieht keinen Ingenieursmangel – und erntet heftige Kritik

Ein Wirtschaftsforscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bürstet gegen den Strich. Seine These: Es sei kein Mangel an Ingenieuren erkennbar. Kaum verwunderlich, dass es sofort heftige Kritik hagelt. Die Konkurrenz meint: Er habe falsch gerechnet.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält die Warnung vor einem dramatischen Mangel an Ingenieuren in Deutschland für übertrieben. DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke zweifelt an der Darstellung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), wonach es schon heute einen jährlichen Bedarf von 40.000 Ingenieuren gibt, allein um die Ruheständler zu ersetzen. Er gehe allenfalls von der Hälfte aus, also rund 20.000. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warf Brenke falsche Berechnungen vor. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) sprach gar von einer Verharmlosung der Realität. Den Fachkräftemangel gebe es wirklich.

 

Daten des VDI seien unrealistisch

Das Durchschnittsalter der Ingenieure ist laut DIW in den vergangenen zehn Jahren zwar etwas gestiegen, im Durchschnitt seien Ingenieure aber jünger als andere Akademiker. Brenke nahm als Grundlage Daten des Mikrozensus 2008 und der Bundesagentur für Arbeit. Demnach lag das Durchschnittsalter der rund 750.000 Ingenieure in Deutschland im Jahr 2008 bei 43,3 Jahren. Es sei unrealistisch, dass es bis heute auf 50 bis 51 Jahre gestiegen sei, wie vom VDI angegeben.

 

DIW erwartet eher ein Überangebot von Ingenieuren

Brenke wies zudem auf einen Run auf ingenieurwissenschaftliche Studienplätze in den vergangenen Jahren hin. So hätten 2010 rund 50.000 Studenten ihr Studium in einem industrienahen Ingenieursstudiengang absolviert. "Allein die Absolventen, die gegenwärtig von den Unis kommen, können den Gesamtbedarf an Ingenieuren decken", sagt der DIW-Fachmann. Angesichts der vielen Studenten sei sogar "eher ein Überangebot an solchen Fachkräften zu erwarten".

 

IW und BDA legen andere Zahlen vor

Das Kölner IW stellte fest, in Deutschland seien mehr als 1,6 Millionen Ingenieure erwerbstätig. Die von Brenke genannte Zahl aus der Arbeitsmarktstatistik berücksichtige nicht die vielen Ingenieure, die in anderen Berufsgruppen erfasst würden. Daraus ergebe sich bei Brenke ein viel zu kleiner Ersatzbedarf.

Nach Angaben der BDA hat sich der Fachkräftemangel in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik in den vergangenen zwölf Monaten verdoppelt - auf 194.000 fehlende Experten. Die Unternehmen hätten große Probleme, diese Stellen zu besetzen und suchten Fachkräfte zunehmend auch im Ausland. Die steigende Zahl an Studienanfänger in diesen Fächern sei erfreulich. Nun komme es darauf an, dass möglichst viele ihr Studium auch erfolgreich abschlössen.

 

Fachkräftemangel war auch Thema des zweiten Bürgerdialogs

Jedoch hapert es nicht nur dort. Beim zweiten Bürgerdialog in Heidelberg klagten Bürger in Sachen Bildungsfragen Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Leid. "Der Hauptschulabschluss bietet nicht mehr die Qualität, die wir brauchen", sagte ein Dachdeckermeister. Seine Lösung: Er suche inzwischen Fachkräfte aus Spanien. Merkel erklärte, gegen die Anwerbung ausländischer Fachkräfte sei nichts einzuwenden. Allerdings dürfe der eigene Nachwuchs nicht vernachlässigt werden. Die Probleme um die Hauptschule seien erkannt und würden von der Kultusministerkonferenz angegangen.

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