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| DGFP-Kongress

Freigeist auf schwankendem Boden

Philosoph Peter Sloterdijk hielt die Keynote auf dem DGFP-Kongress.
Bild: Philipp von Recklinghasen / lux-fotografen.de

Die DGFP wagt für ihren traditionsreichen Kongress einen Neuanfang. Der prominente Philosoph und Kulturkritiker Peter Sloterdijk eröffnete am Abend das Event mit einer Wesensschau zur Globalisierung. 

Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) war über viele Jahre die führende und größte Veranstaltung für die HR-Szene in Deutschland, auf der sich teilweise bis zu 1.000 Personaler einfanden. In den letzten Jahren ging die Teilnehmerzahl drastisch nach unten, den Abwärtstrend  konnte auch die Standortverlegung von Wiesbaden nach Frankfurt nicht aufhalten. Die neu entstandene Konkurrenz durch den Personalmanagementkongress des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM) war zu mächtig.

Mutiger Neuanfang

Katharina Heuer, die seit etwas über einem Jahr amtierende Geschäftsführerin des DGFP, wagte in diesem Jahr einen Neuanfang. Aus einem Kongress machte sie zwei:  Einen für die Young Professionals, der im September in Berlin stattfindet, und einen für die Top-Entscheider, der gestern Abend im Hamburger Hafen auf dem Schiff Cap San Diego mit einem außergewöhnlichen Ambiente eröffnet wurde. Die „führende“ Veranstaltung im Sinne der Größe musste die DGFP abgeben, jetzt will sie offenbar führend im Sinne  der Innovation und Meinungsführerschaft bei den Kongressen werden. „Wir wollen exklusiver für Top-Entscheider in HR werden und wir wollen vom Markt her, nicht von HR her denken“, formulierte sie ihren Anspruch an die Veranstaltung, die unter dem Motto „Die nächste Welle der Globalisierung? HR-Fragen für eine zukunftsorientierte Unternehmensführung“ steht. Das ist ein mutiger, innovativer und anspruchsvoller Ansatz, der Erwartungen an Case Studies zu HR-Strategien und  HR-Instrumenten, die HR-Veranstaltungen üblicherweise prägen, erst gar nicht aufkommen lässt. Der erste Akt der Innovation war, Professor Dr. Peter Sloterdijk als Keynote-Speaker auszuwählen, der aus philosophischer und kulturhistorischer Sicht Orientierung über den Fortgang der Globalisierung liefern sollte. Der Freigeist Sloterdijk kam und hielt sich, soweit es dem assoziativen und sprunghaften Denker möglich ist, an das Thema, wobei einem bei seinen Assoziationen zum HR-Management das Lachen teilweise im Halsen stecken blieb. Er war eine Wesensschau, keine Analyse. Doch der Reihe nach.

Kolumbus als erster Personalmanager

Die Globalisierung begann für Sloterdijk vor 2.500 Jahren bei den antiken Philosophen, die den Gedanken des Kosmopolitismus entwickelten. „Die Globalisierung fängt damit an, dass die Philosophen den Menschen zugemutet haben, das Unsichtbare wahrzunehmen“, formulierte Sloterdijk und malte dazu ein Bild: „Solange man am Sichtbaren klebt, bleibst du nur ein Regenwurm.“  Da alle im Saal ja kein Regenwurm sein wollten, nahm Sloterdijk sie mit auf die Gedankenreise zur Entschlüsselung der Globalisierung. Die antiken Philosophen hätten zwar die Globalisierung vorgedacht, aber erst die Seefahrer haben den Globus erobert und damit mit der Globalisierung begonnen. „Wer die Globalisierung nicht von der Seefahrt her versteht, wird sie nie verstehen“, so Sloterdijk, der dann auch Christopher Kolumbus als ersten Personalmanager identifizierte, der seine Mannschaft auf ein riskante Reise mitnehmen musste. Der Erfolg seines ungewissen Unternehmens sei nur möglich gewesen, weil er seine Mannschaft auf See bei Laune gehalten hat und die aufkommenden Zweifel über die Erreichung des Ziels in Schach halten konnte. Sloterdijk benannte dazu auch die Personalinstrumente, die neben der Kapitänsdiktatur  zum Einsatz kamen. „Er hat seine Mannschaft ständig belogen und jeden Tag das Logbuch gefälscht“, formulierte er und wandet sich an die irritierten Zuhörer: „Sie sind das Begeisterungsmanagement von heute.“

Wesensschau zur Globalisierung

Von Zynismus war auch seine Wesensschau, die auf Empirie verzichtet, der fünf wichtigsten Entwicklungen im 21. Jahrhundert geprägt: Urbanisierung, Aspirisierung, Synchronisierung, Securisierung und Etatisierung.  Seine Ausführungen waren assoziativ, gespickt mit Provokationen zu aktuellen Ereignissen, etwa zum „demilitarisierten Mann in Europa“, während  Russen und Amerikaner von einer Kriegerkultur geprägt seien. Was uns das sagen soll, blieb offen. Die Thesen zum Etatismus, die in der Öffentlichkeit zu einer heftigen Debatte führen, wiederholte er am Ende seines Vortrags in nur wenigen Sätzen, sodass dessen Sprengkraft von dem bereits ermüdeten Publikum kaum noch wahrgenommen wurde.  Wir leben nach Sloterdijk nicht in einer vom Kapitalismus geprägten Epoche, sondern „in der Blütezeit der semi-sozialistischen Ausdehnung der Staatstätigkeit“. Es herrsche eine „progressive Fiskaldiktatur“, die „psychopolitisch falsch konstruiert“ sei. Der Zwang zur Steuerabgabe solle durch eine „Ehrenabgabe“ ersetzt werden, da nur so die zunehmende Entfremdung zwischen dem staatlichen Überbau und den Leistungsträgern der bürgerlichen Gesellschaft überwunden werden könne.  

Wolf im Schafspelz

Sloterdijk verdankt seine Bekanntheit solchen Provokationen, die ihn zu einem Star des Feuilletons machten. Welche Implikationen mit seinem Denken verbunden sind, wurde am Abend mangels Diskussion leider nicht deutlich. Die Kritikpunkte an seinem Denken sind gewaltig: Er verunglimpfe den Verfassungsstaat, der auf der Gleichheit der Bürger beruhe. Er verabscheue den Sozialstaat, der den sozialen Ausgleich schaffe, und bediene Ressentiments durch seinen nachgeahmten Nietzscheanismus. Dass der moralisch-politische Charakter seines Denkens schwer zu durchschauen ist, ist bekannt und wurde am Abend ebenfalls deutlich. Insofern kann Sloterdijk nicht mit dem neuen, frischen Denken in der DGFP in Zusammenhang gestellt werden. Die Organisation hatte sich einen Promi als Keynote eingekauft, der sich für das Personalmanagement als Wolf im Schafspelz entpuppte.

Haufe Online Redaktion

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