| Personalszene

Bericht aus Bonn: Frauenquote könnte in einem Fiasko enden

Was in Politik und Wirtschaft jahrzehntelang versäumt wurde, kann mit einer Frauenquote für Unternehmensvorstände nicht mal eben auf die Schnelle gerichtet werden. Radikalere Schritte sind zu unternehmen, sagt Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

Einer Studie des DIW zufolge sind derzeit in den größten 200 deutschen Unternehmen 877 von 906 Vorstandsposten von Männern besetzt. Das entspricht einer Frauenquote von gerade einmal 3,2 Prozent. Es gibt gute Argumente dafür, daran etwas zu ändern. Aber auch noch so gut gemeinte Quoten ersetzen keine gezielte Ursachenbekämpfung.

Die Umsetzung der Quote erfordert nämlich nicht nur eine radikale Änderung der Rekrutierungspolitik in den Unternehmen, sondern setzt auch einen Rekrutierungspool auf der darunterliegenden Führungsebene voraus, der derzeit gar nicht vorhanden ist. Solange Frauen nicht breit auf allen Führungsebenen der Unternehmen repräsentiert sind, droht eine Quotenpolitik für die Spitze in einem Fiasko zu enden.

Das Institut für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim hat ermittelt, dass Vorstandsmitglieder eines im DAX oder MDAX notierten Unternehmens im Durchschnitt gut sechs Jahre in ihrem Amt bleiben. Diese Zahl reicht aus, um ausrechnen zu können, was mit einer Frauenquote auf die Unternehmen zukäme. Um bis zum Jahr 2020 in den Vorstandsetagen eine Frauenquote von einem Drittel zu erreichen, wie das die Arbeitsministerin fordert, müsste ab sofort fast jede zweite freiwerdende Position mit einer Frau besetzt werden. Was das für den Betriebsfrieden bedeutet, lässt sich leicht ausmalen, denn auch auf der zweiten Führungsebene gibt es so wenig Frauen, dass die Quote für sie einer kostenlosen Eintrittskarte in die Vorstandsetagen gleich käme.

Ursachenadäquate Politik sieht anders aus. Dabei sind die Hemmnisse für eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen seit langem bekannt. In einer vor Kurzem in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung erarbeiteten Studie hat sie das IZA zum wiederholten Male aufgelistet: Eine unzureichende Kinderbetreuungsinfrastruktur und ein Steuer- und Transfersystem, das die Erwerbstätigkeit von Zweitverdienern im Haushalt massiv bestraft. Beides zusammen sorgt bislang erfolgreich dafür, dass sich Frauen häufig gar nicht erst auf Karrierepfade einlassen. Mit einer Frauenquote für Spitzenpositionen stiehlt sich die Politik zu billig aus der Verantwortung.

Darauf zu warten, bis die Politik endlich die richtigen Weichenstellungen vornimmt, wäre allerdings ebenso leichtfertig. Den Unternehmen bleibt – wie so oft – gar nichts anderes übrig als das Heft in die eigene Hand zu nehmen. Das heißt, Bedingungen zu schaffen, die Frauen dazu einladen, sich auf das Wagnis Karriere trotz Kindern einzulassen, sei es in Form von betrieblichen Kinderbetreuungsangeboten, familienfreundlicher Arbeitszeitflexibilität, Home-Office-Möglichkeiten und dergleichen mehr. Kostenargumente sind nur vorgeschoben. Es geht ganz einfach um Investitionen in die Zukunft.

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet.

Die Kolumnen veröffentlichen wir auf unserer Startseite: www.haufe.de/personal

Aktuell

Meistgelesen