Ganz agil ging es zu auf der 7. Agile HR Conference in Köln. Bild: HR Pioneers/Fotograf: Marc Thürbach

Über den Köpfen schweben blaue, türkise, rote und weiße Ballons. Klassische Stuhlreihen stehen neben Stehtischen und gepolsterten Sitzecken. Das Publikum bleibt in Bewegung, die Köpfe werden frei. Am 25 und 26. April lud die Unternehmensberatung HR Pioneers zum siebten Mal zur Agile HR Conference ein.

Mit der Agilität soll er nun endlich kommen: der Blick auf die Endkunden neben dem auf die Mitarbeiter. Denn trotz jahrelanger Business-Partner-Debatte und den ewigen Raus-aus-dem-HR-Silo-Forderungen leiden Personalmanager in den meisten Unternehmen immer noch darunter, dass ihnen die Einsicht ins und die Mitverantwortung fürs Gesamtgeschäft abgesprochen wird. HR-Pioneers-Geschäftsführer André Häusling fordert: „HR muss sich selbst transformieren, denn sonst ist der Bereich Teil des Problems.“ Seine Frage an die Personaler aus der Endkundenperspektive ist hart und direkt: „Was wäre schlimm daran, wenn es uns nicht gäbe?“   

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Die Überzeugung, eine Organisationsform erfolgreich mit voranzubringen, in der die Produktzyklen verkürzt werden, weil vom Entwickler über den Hersteller bis zum Vertriebler und eben auch dem Personaler alle gleichzeitig und miteinander strukturiert arbeiten, hatten die Personalfachleute, die in Köln als Referenten auf der Bühne standen zweifellos.

Aufbruch zur Agilität: Swisscom startet "agile Reise"

Gleich mehrere HR-Abteilungen beschrieben ihre agile Reise – ein Bild des Aufbruchs, das häufig genutzt wurde auf der Konferenz: Swisscom startete mit dem Wandel zu einer agilen Organisation bei den ITlern. Seit Herbst werden die Organisationsformen auf Business-Bereiche übertragen. HR begleitet diesen Prozess und verändert sich selbst sehr stark. Aus eigenen Mitteln und ohne externe Berater werden die alten Aufgaben neu gesetzt: Näher an die Linie, Beziehungen zwischen Menschen statt Hierarchien, mehr Eigenverantwortung lauten die Schlagwörter – das Rollout hat gerade erst begonnen. Von der Agilitätsbildung zur Umsetzung werden schnelle Lösungen gesucht und Kosten reduziert.

DB Systel ruft "Code Zukunft" aus

DB Systel, die Telekommunikations- und Informationsdienstetochter der Bahn, rief den „Code Zukunft“ aus. HR wurde durchforstet, Führungsaufgaben wurden aufgelistet, selbstorganisierte Teams gebildet. Mit der Zeit des Experimentierens und der Einübung in die Rollen als Agility Master, Product Owner und Teammitglied wurde deutlich: Wer mitmacht, muss Unsicherheit aushalten. Aber es gilt auch: Der Prozess sollte bottom-up starten, braucht aber einen Rahmen, der top-down laufen muss.

Robert Bosch Power Tools: "Sprint Concept" für HR

Bei Robert Bosch Power Tools setzen die HRler auf das Sprint Concept: In einem Sprint von ein bis drei Wochen soll am Ende ein Prototyp stehen. Für ihre Entwicklungsgespräche recherchieren Mitarbeiter bei ihren Kollegen und Chefs – und bringen deren Ansichten neben der Selbsteinschätzung mit ein. Auch das Recruiting wurde verändert: Teams entscheiden nun mit über künftige Kollegen. Im Mai diskutieren die Personalfachleute ihre Ideen in einem internationalen Workshop. Auch kleinere Unternehmen wie die Digitalagentur Ministry mit 70 Beschäftigten experimentieren. Die überschaubare Größe macht manches leichter. Mitarbeiter entscheiden über ihren Arbeitsort, die Gehaltsformel und darüber, wie viel Urlaub sie machen. Alles transparent und in Abstimmung mit dem Team.      

Barcamp, Fish Bowl und mystisches Dreieck

Parallel zu dieser geballten Ladung an Agilitätsbeispielen konnten die Teilnehmer Arbeitsformen ausprobieren: die Bildung eines mystischen Dreiecks in der Großgruppe, das themenoffene Barcamp oder den Fish Bowl, die Diskussionsrunde mit wechselnden Teilnehmern. Doch die 350 Teilnehmer entwickelten an den beiden Tagen eine Vorliebe für Vorträge mit intensiven Fragerunden, die zeigten: Personalfachleute und ITler, Projektmenschen in Sachen Agilität und mittelständische Unternehmer treibt die Transformation an.

Große und kleine Unternehmen stehen vor den gleichen Problemen

Aber: Die Haken und Ösen sind in Konzernen und kleineren Unternehmen vergleichbar. Da gab es kein Wir-Referenten-hier-oben mit unseren vorbildlichen Ideen und Umsetzungsansätzen und Ihr-Zuhörer-da-unten mit eurem Lernbedarf. Vielmehr wurde eingeräumt: „Ein Drittel der Führungskräfte war dagegen“ (DB Vertrieb GmbH), „Wer diesen Weg nicht mitgehen will, dem helfen wir, in den Konzern zu wechseln, oder mit einer positiven Outplacementmaßnahme nach draußen zu gehen“ (DB Systel).

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Und die Agile Coaches von Volkswagen – ohnehin mit 30 Menschen aus der IT ein viel zu kleines Team, um alle Konzernsparten und -standorte zu beglücken – lehnen sogar Abteilungen ab, die sie nicht davon überzeugen, dass ihr Bemühen um Agilität ernsthaft ist und nicht nur verfolgt wird, weil es trendy ist.

Agile Möglichkeiten und ihre praktische Umsetzung

Nur trendy will auch HR Pioneers nicht sein. Die Berater präsentieren ein Spektrum der agilen Möglichkeiten und ihrer praktischen Umsetzung. Immer bis Juli können sich Teams mit ihren Projekten für die nächste Agile HR Conference bewerben. 2018 unter den Erfolgreichen: die Initiative Schule im Aufbruch, die auf selbstbestimmtes Lernen setzt, und die Führungsakademie der Bundeswehr.

Autorin: Ruth Lemmer ist freie Journalistin in Duisburg.

Schlagworte zum Thema:  Agilität, Event

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