Betriebliche Gesundheitspol... / 1.4 Organisation

Die Erforschung arbeitsbedingter Risiken hat in den zurückliegenden Jahrzehnten erhebliche Fortschritte gemacht. Das gilt für die verhaltensbedingten Risiken, z. B. Bewegungsmangel, Fehlernährung und überflüssigen Alkohol- und Tabakkonsum. Das gilt aber auch für organisationsbedingte Risiken, die teilweise oder gänzlich außerhalb der Kontrolle der Erwerbstätigen liegen, denen sie aber bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind und die Stresserleben, ungesundes Verhalten und Krankheiten verursachen.

Arbeitswissenschaften und arbeitspsychologische Forschungen haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten insbesondere mit Menge und Komplexität der Arbeit, mit Zeitdruck, Handlungsspielraum, Arbeitsunterbrechungen und ähnlichen in der Arbeit selbst, den Arbeitsbedingungen und Arbeitsmitteln liegenden Risiken befasst. In Erweiterung dieser Forschungsperspektive wird heute das gesamte soziale System einer Organisation zum Gegenstand der Diagnostik und hier zuallererst Führung, Kultur und Betriebsklima. Parallel dazu setzte sich in der Organisationsforschung eine Sichtweise durch, in der neben Strukturen insbesondere die Prozesse und Ergebnisse einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Unterschieden werden dabei

  • Kernprozesse,
  • Führungsprozesse und
  • Unterstützungsprozesse (z. B. Arbeit von Stabsabteilungen, des Personal- und Qualitätsmanagements).

Unter Kernprozessen werden Tätigkeiten verstanden, die für die Güterproduktion oder Dienstleistungserbringung entscheidend sind, weil sie Kunden zufriedenstellende Produkte und Dienstleistungen hervorbringen. Aufgabe der Führung ist es, dafür zu sorgen, dass diese Kernprozesse so zielgerecht und effizient wie irgend möglich stattfinden (s. Abb. 3).

Abb. 3: Prozessorientierte Organisationsanalytik

Für eine Stadtverwaltung ist es z. B. von zentraler Bedeutung, in welcher Qualität und Menge die von den Bürgern finanzierten Arbeiten in Fachämtern erbracht werden (z. B. Sozialamt, Schulamt Ordnungsamt, Feuerwehr). Aufgabe der Querschnittsämter, z. B. des Rechtsamtes oder des Revisionsamtes, ist es, die Arbeit der Fachämter zu unterstützen. Gesundheitswissenschaftlich betrachtet ist dabei entscheidend, wie viel Energie den Mitarbeitern in den Fachämtern für die Erbringung der Kernprozesse verbleibt und wie viel Energie sie für die Anforderungen (und Belastungen) aus der Führung und den Querschnittsämtern aufbringen müssen.

Nicht nur die physischen Energien des Menschen sind begrenzt, sondern auch die psychischen Energien (Kognition, Emotion, Motivation), die v. a. bei der Erbringung von Dienstleistungen eine entscheidende Rolle spielen. Sie sollten deshalb beachtet, geschützt und gefördert werden. Nehmen Anforderungen "aus dem Hause" überhand – sei es zur Bewältigung von Anfragen und Anforderungen aus der Führung oder den Querschnittsabteilungen, sei es zur Bewältigung verbreiteter Organisationspathologien, wie Mobbing, Burn-out oder innerer Kündigung – dann hat das Folgen.

Wichtig

Hausgemachte Probleme fressen Energien

Es verbleiben immer weniger Energien für die Kernprozesse, weil immer mehr Energien für "hausgemachte" Probleme aufgewendet werden müssen, was v. a. bei abnehmendem Personalbestand nahezu zwangsläufig zu Qualitätsmängeln, Absentismus, Präsentismus bei den Mitarbeitern und zu Unzufriedenheit der Kunden beiträgt.

Dass dies alles nicht nur von theoretischer Bedeutung ist, sondern häufig den Alltag von Organisationen bestimmt, zeigt das folgende Ergebnis einer Untersuchung zu den Arbeitsbelastungen im US-Hotelgewerbe: "Die Interaktion mit einem Vorgesetzten führte in 9 von 10 Fällen zu negativen Gefühlen, wie Frustration, Enttäuschung, Ärger, Traurigkeit, Widerwillen oder Kränkung. Sie waren häufiger der Grund für Stress als die Gäste, Arbeitsdruck, Vorschriften oder persönliche Probleme".

Wie sehr Aufmerksamkeit und Energie z. B. auch von Polizeiangehörigen durch organisationsbedingte Probleme abgelenkt oder absorbiert werden können – auf Kosten ihres Kerngeschäftes der Erbringung von Sicherheit- und Ordnungsleistungen der Bevölkerung als der "eigentlichen polizeilichen Tätigkeit" – belegen die Ergebnisse einer deutschen Studie (Abb. 4).

Abb. 4: Risikofaktor Organisation – Häufigkeit der Nennung beeinträchtigender Organisationsbedingungen

In den Gesundheitswissenschaften geläufig ist die Unterscheidung zwischen psychischen Belastungen einerseits und psychischen Beeinträchtigungen und Krankheiten andererseits.

Achtung

Das einfachste Kausalmodell lautet:

Psychische Belastungen bilden Risiken für psychische Beeinträchtigungen. Und: Psychische Beeinträchtigungen bilden Risiken sowohl für psychische als auch für physische Krankheiten (Abb. 5).

Abb. 5: Die zentrale Bedeutung der psychischen Gesundheit

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