| Wirtschaftskriminalität

Mittelständler sind stark bedroht und schlecht gerüstet

Viele Mittelständler fürchten sich vor Industriespionage - tun aber wenig präventiv dagegen.
Bild: Digital Vision

Mehr als jeder zweite Mittelständler war laut einer Studie in den vergangenen fünf Jahren Opfer von Wirtschaftskriminalität. Am meisten fürchten die Firmen nun um ihre Wissensträger. Dennoch investieren sie wenig in Sicherheitskonzepte, die bei den Mitarbeitern beginnen müssten.

Besonders betroffen ist die Industrie: Fast zwei Drittel (60 Prozent) der produzierenden Unternehmen hat bereits Erfahrung mit kriminellen Angriffen gemacht. Demgegenüber waren knapp die Hälfte (44 Prozent) der Dienstleister betroffen. Dabei entstehen häufig Schäden in beträchtlicher Höhe: So berichtet fast ein Fünftel (18 Prozent) der befragten Dienstleistungsunternehmen von Einzelschäden zwischen einer halben Million Euro bis zu fünf Millionen Euro. Dies ergab eine Befragung im Auftrag der Unternehmensberatung Result Group.
"Erfolg und Innovationsstärke des deutschen Mittelstandes locken auch Neider an", erklärt Jürgen Kempf, Sicherheitsberater bei der Result Group. "Wir schätzen den Schaden, der jedes Jahr durch Diebstähle, Industriespionage und andere Delikte für Mittelständler entsteht, auf mehr als 20 Milliarden Euro."

Das wichtigste Kapital der Unternehmen ist ihre Innovationsfähigkeit, daher fürchtet der Mittelstand am meisten um seine Wissensträger. Jeweils rund drei Viertel der Befragten hält Mitarbeiter (78 Prozent) und Management (74 Prozent) aufgrund krimineller Risiken für besonders gefährdet. Vor allem die Industrie sieht ihr geistiges Eigentum bedroht: 77 Prozent der Entscheider sorgen sich um ihr elektronisch gespeichertes Wissen.

Das größte Risiko lauert im eigenen Unternehmen

Auch die identifizierten Feindbilder verändern sich: Zwar halten 41 Prozent der Befragten allgemein unternehmensexterne Wirtschaftskriminelle für die größte Bedrohung des eigenen Unternehmens. Auf Platz zwei und drei folgen jedoch bereits andere Staaten (21 Prozent) und sogar Businesspartner des Unternehmens (18 Prozent) als potenzielle Angreifer.

Rund die Hälfte der Mittelständler fürchtet Angriffe von außen. Doch Organisationen, die bereits durch Wirtschaftskriminalität zu Schaden gekommen sind, müssen einsehen: Die Gefahr schlummert häufig im Unternehmen selbst. Fast zwei Drittel (60 Prozent) unter ihnen geben an, dass Angriffe von innen gegenwärtig zu den größten kriminellen Risiken für ihr Unternehmen gehören. Von den bislang verschonten Unternehmen sorgt sich nur rund ein Drittel (36 Prozent) um die Bedrohung aus den eigenen Reihen.

"Das zeigt, dass die unbelasteten Unternehmen die internen Risiken systematisch unterschätzen", so Studienautor Dr. Guido Birkner vom FAZ-Institut. "Die Gefahren, die von den eigenen Mitarbeitern ausgehen, sind vielfältig", ergänzt Sicherheitsberater Kempf. "Dabei sind sie häufig nicht die Haupttäter, sondern Komplizen für externe Kriminelle. Mit ihrem Insiderwissen und exklusiven Zugangsmöglichkeiten ermöglichen sie so manches Verbrechen überhaupt erst. Auch der Schaden, den viele durch unbedachtes Preisgeben von Informationen oder unvorsichtigen Umgang mit Daten verursachen, ist nicht zu vernachlässigen."

Prävention beginnt bei den Mitarbeitern

Zum Teil haben Unternehmen dies bereits erkannt und setzen mit ihren Präventionsmaßnahmen auch bei den Mitarbeitern an. 82 Prozent der befragten Unternehmensentscheider geben an, grundsätzlich Geheimhaltungsvereinbarungen in ihre Arbeitsverträge aufzunehmen, 77 Prozent setzen auf Schulung und Sensibilisierungsmaßnahmen für ihre Mitarbeiter. Jedoch nutzt nur knapp jeder Fünfte (19 Prozent) die Möglichkeit, Mitarbeiter gezielt auf kriminelle Hintergründe und Verbindungen zu durchleuchten.

Auch die Integration bestehender Mitarbeiter in das Präventionsprogramm eines Unternehmens ist ein entscheidender Faktor. Häufig zeichnen sich in der Zeit vor kriminellen Delikten Veränderungen im Verhalten der Mitarbeiter ab, die nur von wenigen Unternehmen wahrgenommen oder richtig gedeutet werden. Zu den am häufigsten wahrgenommenen Warnsignalen gehören Frustration und Unzufriedenheit von Mitarbeitern (von 33 Prozent der Befragten genannt), auffälliges Verhalten von Mitarbeitern am Arbeitsplatz (25 Prozent) und die Diffamierung des Unternehmens durch Mitarbeiter (24 Prozent).

Es mangelt an einem ganzheitlichen Sicherheitskonzept

Zwar haben Schäden und Warnungen den Mittelstand sensibilisiert, trotzdem stellt knapp ein Drittel (29 Prozent) der Befragten kein Budget für Prävention bereit. "Viele Unternehmen haben jedoch verstanden, dass Prävention zum Schutz vor Wirtschaftskriminalität unerlässlich ist. Häufig setzen sie dazu lediglich einzelne isolierte Maßnahmen ein. Ein intelligentes Sicherheitskonzept sollte mehrere Maßnahmen miteinander verzahnen. So können die vorhandenen Mittel optimal eingesetzt und hohe Schäden vermieden werden“, kommentiert Result-Group-Berater Kempf.

Über die Studie

Für die Studie "Kriminelle Risiken im Mittelstand – Gefahren, Schäden und Prävention" befragten Forsa und das FAZ-Institut im Januar 2014 im Auftrag der Result Group 100 Entscheider für die Bereiche Risikomanagement, Compliance und Informationsschutz aus deutschen Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern.

Schlagworte zum Thema:  Wirtschaft

Aktuell

Meistgelesen