03.08.2012 | Gesunde Führung

Wie Chefs eine Wohlfühl-Atmosphäre schaffen

Der Chef hat einen wesentlich größeren Einfluss auf die Mitarbeitergesundheit als man denkt.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Dass ausgerechnet der Chef dabei eine wichtige Rolle spielt, ist oft nicht bekannt. Kai Breitling, Psychologe bei TÜV Nord, erläutert Mechanismen und zeigt Lösungen auf.

"Wenn der Chef seinen Angestellten aufs Gemüt und die Gesundheit schlägt, ist dies nur selten auf die Lust des Vorgesetzten am Leid seiner Untergebenen zurückzuführen", weiß Kai Breitling. Als Teammitglied des Kompetenz-Centers Arbeit und Gesundheit bei TÜV Nord berät er Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen und kennt somit die zugrundeliegenden Probleme nur zu gut.

Selbstausbeutung des Mitarbeiters wird nicht verhindert

Häufig geraten Mitarbeiter schon ohne das Zutun des Chefs  in eine seelische Krise. Denn Burnout-Kandidaten sind in der Regel diejenigen, die sich voll und ganz für ihren Job aufopfern und dabei ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigen. Wird ein solches Verhalten über lange Zeit aufrechterhalten, droht der psychische Kollaps. Eigentlich sollten Führungskräfte hier rechtzeitig die Notbremse ziehen, haben sie doch eine Fürsorgepflicht gegenüber ihrem Personal. Häufig passiert allerdings erst etwas, wenn es bereits zu spät ist.

Tipp: "Achten Sie darauf, dass Arbeitszeiten nicht über Gebühr überschritten werden und dass Pausen und Urlaub nicht unter den Tisch fallen. Machen Sie deutlich: Es reicht aus, gut zu sein, nicht perfekt."

Konflikte werden nicht ernst genommen

Führungskräfte reagieren schon mal genervt, wenn es in ihrem Team mal wieder kracht. Dabei gehören Konflikte zum menschlichen Miteinander und lassen sich nur selten ganz vermeiden. Umso wichtiger ist der konstruktive Umgang mit ihnen. Dem Vorgesetzten kommt hier die Rolle des Vermittlers und Schlichters zu – sofern er nicht selbst Teil des Konflikts ist. Trotzdem hoffen Vorgesetzte allzu oft, der vermeintlich harmlose „Hahnenkampf“ regele sich schon von alleine.

Tipp: "Sorgen Sie für klare Aufgaben und Zuständigkeiten. Bahnt sich ein Konflikt in Ihrem Team an, reagieren Sie frühzeitig. Suchen Sie nach konstruktiven Lösungen, die allen Parteien gerecht werden." Um Streit bereits im Vorfeld zu vermeiden rät Kai Breitling Kooperation statt Konkurrenz zu belohnen: "Setzen Sie auf gemeinsame Lösungen. Wenn die Mitarbeiter merken, dass sie Aufgaben gemeinsam besser bewältigen, werden sie größeres Interesse an einer entspannten Zusammenarbeit haben."

Fehlendes Wissen

Inzwischen ist in den Führungsetagen bekannt, dass die Folgen psychischer Fehlbeanspruchungen auch eine Gefährdung für den Unternehmenserfolg sind. Hohe Kosten aufgrund von Fehlzeiten, die Abwanderung guter Mitarbeiter und ein beschädigtes Firmenimage sind nur einige der Auswirkungen, die schlechte Arbeitsbedingungen mit sich bringen können. Dennoch tun Manager allzu oft nichts dagegen. Der schlichte Grund: Sie wissen nicht was. Häufig spielt auch die Frage, ob man als Vorgesetzter für derlei Probleme überhaupt zuständig ist, eine Rolle.

Tipp: "Informieren Sie sich über das Thema psychische Gesundheit, zum Beispiel auf speziellen Führungskräfteseminaren. Wenn Sie sich unsicher sind, wie Sie mit psychisch belasteten Mitarbeitern umgehen sollen, nehmen Sie Hilfe von Experten in Anspruch."

Vorgesetzte vernachlässigen ihre Vorbildrolle

Dass Manager in ihrer Rolle als Vorgesetzte auch als Vorbild für ihre Angestellten fungieren, ist ihnen häufig gar nicht bewusst. Wenn Führungskräfte nicht auf ihre eigene Gesundheit achten und dies entsprechend vorleben, ist es unwahrscheinlich, dass sich die Mitarbeiter anders verhalten. Das fängt beispielsweise schon bei den Arbeitszeiten an. Niemand geht gerne in die Pause oder pünktlich in den Feierabend, wenn er weiß, dass der Chef immer durchmacht oder noch zwei Stunden länger im Büro bleibt als man selbst.

Tipp: "Gehen Sie mit gutem Vorbild voran. Machen Sie sichtbar Pausen, zeigen Sie, dass bei Ihnen Arbeit und Privatleben in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Unterstützen Sie Ihre Mitarbeiter darin, sich aktiv mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen, zum Beispiel durch die Teilnahme an Gesundheitsangeboten des eigenen Unternehmens."

Nicht verzagen!

Führungskräfte können viel falsch machen beim Umgang mit ihren Mitarbeitern. Nichtsdestotrotz haben auch sie viele Handlungsspielräume, die sie effektiv zur Steigerung des Wohlbefindens ihrer Mitarbeiter nutzen können. Hier noch einige weitere Anregungen:

  • Loben, loben, loben! Nicht meckern ist noch lange kein Kompliment.

  • Entscheidungsspielräume der Beschäftigten erweitern. Kleinigkeiten kontrollieren kostet Arbeitszeit und gibt Mitarbeitern ein Gefühl der Unzulänglichkeit.

  • Offen und ansprechbar sein für Probleme, Kritik an eigener Person ertragen.

  • Rechtzeitig informieren, um Unsicherheit durch Gerüchte und Flurfunk zu vermeiden.

  • Aufmerksam sein für Anzeichen von Fehlbelastungen der Mitarbeiter.

  • Qualifizierung und Personalentwicklung gezielt angehen.

Schlagworte zum Thema:  Gesunde Führung, Psychische Belastung, Burn-out-Syndrom, Betriebliches Gesundheitsmanagement

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