| Bericht aus Bonn

Warum Sie wichtige Entscheidungen mit Ihrem Chef besser erst nach dem Essen besprechen

Wichtige Entscheidungen werden oft während endloser Nachtsitzungen getroffen. Ob dabei immer das Beste für alle Beteiligten herauskommt, darf bezweifelt werden. Das Ergebnis von Entscheidungen hängt offenbar sehr viel stärker von äußeren Rahmenbedingungen ab als den meisten Menschen bewusst sein dürfte, sagt Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit.

In einer kürzlich in den Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America veröffentlichten Studie wurde das Entscheidungsverhalten von israelischen Richtern untersucht, die über Gnadengesuche und vorzeitige Haftentlassungen zu entscheiden haben (*).

Für das Prozedere ist eine vierköpfige Kommission zuständig, der ein Richter vorsitzt. Neben ihm besteht die Kommission aus einem weiteren Richter, einem Kriminologen und einem Sozialarbeiter. Die Kommission tagt üblicherweise in drei aufeinanderfolgenden Sitzungen pro Sitzungstag. In der Studie kommt deutlich zum Vorschein, dass die Wahrscheinlichkeit für eine negative Entscheidung umso größer ist, je näher die vorgesehene Sitzungspause rückt. Unmittelbar nach der Pause bzw. unmittelbar nach dem morgendlichen Beginn des Sitzungszyklus ist die Wahrscheinlichkeit für eine positive Entscheidung mit etwa 80 % am größten. Sie sinkt im Verlauf einer Sitzung kontinuierlich ab und erreicht gegen Ende der Sitzung praktisch 0 %.

Die Autoren können allerdings nicht die biologischen Ursachen für das Entscheidungsmuster erklären. Ob es eine Veränderung des Blutzuckerspiegels im Verlauf einer Sitzung ist, die eine kritischere Haltung zu den Anliegen bewirkt, oder ob mit fortschreitender Erschöpfung die Bereitschaft sinkt, riskante Entscheidungen zu treffen, bleibt offen. Es wird auch nicht hinterfragt, in welchem Zusammenhang das zeitliche Entscheidungsmuster mit der Qualtität der getroffenen Entscheidungen steht.

Dennoch lässt sich aus dem Befund eine einfache Regel für die betriebliche Praxis ableiten: Der Versuch, riskante Entscheidungen mit aller Gewalt noch vor einer anstehenden Sitzungspause durchsetzen zu wollen, damit man anschließend umso entspannter in die Pause gehen kann, dürfte leicht schief gehen. Wer dieser Versuchung widersteht, um die Entscheidung unmittelbar nach der Pause herbeizuführen, macht sich das Leben im wahrsten Sinne des Wortes entschieden leichter.

 

(*) Danziger, S.; Levav, J.; Avnaim-Pessoa, L. (2011): Extraneous factors in judicial decisions. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, Vol. 108, No. 17, 6889-6892. (http://www.pnas.org/content/108/17/6889.full)

 

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

Berichte aus Bonn und Brüssel: Unsere Kolumnenserie

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