#whatsnext2020: "BGM braucht konkrete Ansätze"

Wie bleiben Unternehmen in Zukunft gesund? Die Studie "#whatsnext – Gesund arbeiten in der digitalen Arbeitswelt" hat 2017 die größten Handlungs- und Problemfelder für ein zukunftsfähiges BGM identifiziert. Nun wollen die Studienautoren mit einer Vertiefungsstudie nachlegen.

Personalmagazin: Eine der großen Erkenntnisse der #whatsnext-Studie 2017 war: Führungskräfte sind ein entscheidender Erfolgsfaktor zur Verbesserung der Gesundheitssituation der Beschäftigten. Damals wurde gesundes Führen als einer der wichtigsten Treiber der Unternehmenskultur für die nächsten fünf Jahre prognostiziert. Gilt das noch?

Dr. Mark Hübers: Führungskräfte sind für die Entwicklung einer gesunden Unternehmenskultur entscheidend – sie sind Erfolgsfaktor Nummer eins für ein Unternehmen. Und das geht auch über die nächsten fünf Jahre hinaus. Eine gesunde Unternehmenskultur muss wie ein sensibles Pflänzchen gehegt und gepflegt werden. Und das bedeutet auch, dass Führungskräfte ein gesundes Führungsverhalten ihren Beschäftigten täglich vorleben sollten, damit sich ein nachhaltiges Bewusstsein entwickeln kann.

Wiebke Arps: Und über die Vorbildfunktion hinaus müssen sie auch die Mitarbeiter auf die Veränderungen der Arbeitswelt vorbereiten und gegebenenfalls auch schützen, bevor es zu einer Überforderung führt. Wer sich als Führungskraft das Thema Digitalisierung auf die Fahne schreibt, muss auch dafür Sorge tragen, dass es bei den Mitarbeitern in vernünftigem Maße umgesetzt wird und beachten, dass die Mitarbeiter sehr unterschiedlich auf Veränderungen reagieren und damit umgehen können.

BGM: Führungskompetenz gewinnt an Bedeutung

Personalmagazin: Ändert sich die Rolle der Führungskräfte durch die Digitalisierung?

Hübers: Die Rolle der Führungskräfte wird sich in den meisten Organisationen nicht sonderlich ändern; aber die Anforderungen, die an die Führungskräfte gerichtet sind, werden sich verändern. Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung wird vor allem die Menge der Arbeit, aber auch die Komplexität der Aufgaben an Bedeutung gewinnen und zunehmen. In diesem Zusammenhang sind Kompetenzen, ein Team in dieser neuen Arbeitswelt gesundheitsgerecht zu führen, enorm wichtig. Das machen auch die Ergebnisse der #whatsnext-Studie aus dem Jahr 2017 sichtbar: Danach löst die Führungskompetenz die arbeitsplatzbezogene Fachkompetenz als wichtigste Kompetenz ab.

Personalmagazin: Lassen Sie uns über weitere Ergebnisse der Studie 2017 sprechen. Welche Erkenntnisse sind aus heutiger Sicht die wichtigsten?

Arps: Die Studie weist dem Thema „lebenslanges Lernen“ einen sehr hohen Stellenwert zu, das hängt natürlich auch mit der Digitalisierung zusammen. Mitarbeiter müssen sich ständig neu austarieren, neue digitale Medien für sich erobern und neue technische Anwendungen nutzen. Das erfordert hohe Flexibilität, aber auch die Bereitschaft, sich zu verändern und zu lernen.

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Hübers: Daneben scheinen generell die BGF-Themen relevant, die eine salutogenetische Perspektive durchsetzen. Das bedeutet, dass nicht krankheitsvermeidende, sondern ressourcenstärkende Maßnahmen in den Vordergrund rücken. Die Studie zeigt auch, dass Bedarfsanalysen weiter an Bedeutung gewinnen werden. Workshops beziehungsweise Gesundheitszirkel feiern in diesem Zusammenhang eine Art Comeback.

#whatsnext: Studienergebnis bestätigen Nachfrage der Unternehmen

Personalmagazin: Und wie sieht die Praxis aus? Werden diese Themen, die die Studie als die großen Gesundheitsthemen benennt, auch von den Unternehmen nachgefragt?

Hübers: Im Hinblick auf BGF-Maßnahmen, die im Unternehmen umgesetzt werden, bestätigen die Ergebnisse unsere Wahrnehmungen in den letzten Jahren. Ressourcenstärkende Themen wie etwa das Thema Schlaf und Erholung oder die digitale Balance treten verstärkt in den Vordergrund. Und auch Befragungen der psychischen Gefährdungsbeurteilung durch quantitative wie qualitative Erhebungen wie beispielsweise Analyse-Workshops werden verstärkt nachgefragt.

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Arps: Gefährdungsanalysen sind seit 1996 gesetzlich vorgeschrieben und jetzt noch mal in der Hinsicht verschärft worden, dass es nicht nur um physische, sondern auch um psychische Gefährdungen geht. Trotzdem bin ich immer wieder davon irritiert, dass häufig die Analysen nur sehr rudimentär durchgeführt werden. Und viel zu wenige Unternehmen nehmen nachher die Ergebnisse auch wirklich ernst und leiten daraus Maßnahmen ab, die im nächsten Schritt auch evaluiert werden sollten.

Personalmagazin: Welche Konsequenzen haben Sie als Krankenkasse und als Gesundheitsanbieter aus diesen Ergebnissen gezogen?

Hübers: Wir haben beispielsweise in dem Themenumfeld Schlaf und Erholung, dem die Studie starken Bedeutungszuwachs bescheinigt, neuartige Formate, wie etwa die aufsuchende Schlafberatung für Schichtdienstarbeitende, den Schlaf-Parcours mit Schlafzimmercheck und Virtual-Reality-Brille oder sogenannte Guerilla-Aktionen, entwickelt. Um der zunehmenden Bedeutung der psychischen Gefährdungsbeurteilung und der Bedarfsanalysen zu entsprechen, haben wir gemeinsam mit der TK das BGM-Beschäftigtenbarometer ins Leben gerufen. Wir führen hier Mitarbeiterbefragungen in Unternehmen mit dem Ziel durch, Belastungsfaktoren aufzudecken, die jetzt vor allem auch im Kontext der Digitalisierung auftreten, wie beispielsweise die Komplexität der Arbeit, die Aufgabenverdichtung oder die zunehmende Entgrenzung.

Thema BGM ist bei vielen Unternehmen noch nicht präsent

Personalmagazin: Und wie haben die Unternehmen selbst auf die Studienergebnisse reagiert?

Arps: Wir sehen Reaktionen in einer relativ großen Bandbreite und auf ganz unterschiedlichem Niveau. Bei vielen Unternehmen ist das Thema BGM noch gar nicht richtig präsent. Da sind schon ein Gesundheitstag oder kleine Gesundheitsaktionen erste Eisbrecher. Dann erleben wir bei anderen Unternehmen, dass in Richtung spielerische Ansätze sehr viel passiert. Durch die digitalen Möglichkeiten wird der Zugang vielleicht für einige Unternehmen auch ein bisschen leichter. Viele versuchen auch, mit Gesundheitsangeboten oder vergünstigten Konditionen zu Fitnessanbietern oder Fahrradleasingfirmen das Thema Gesundheit präsent zu halten, ohne groß das Unternehmen zu verändern oder Analysen zu machen. Das mag ein etwas längerer Weg sein, aber auch damit ist ein erster Schritt getan - und das muss ja auch nicht der letzte sein.

Personalmagazin: Wie wird sich das Gesundheitsmanagement der Unternehmen in den nächsten Jahren entwickeln?

Arps: Das Rad der Digitalisierung werden wir nicht mehr zurückdrehen können – das wird sich auch auf das Gesundheitsmanagement weiter ausprägen. Schon beim Thema der ständigen Erreichbarkeit erlebe ich da alles, vom am Feierabend abgeschalteten E-Mail-Account bis zur völligen Freiheit und Verantwortungsübertragung an die Mitarbeiter. Hier müssen Mitarbeiter gestärkt und angeleitet werden. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass der Face-to-Face-Kontakt, das Thema Beratung, seine Bedeutung nicht verlieren wird. Das Thema Gesundheit wird immer einen analogen Anteil und einen digitalen Anteil haben, und in vielen Bereichen kann die Digitalisierung zur Optimierung genutzt werden.

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Hübers: Das sehe ich auch so. So wird beispielsweise die digitale Gesundheitsförderung – auch wegen der Digitalen-Gesundheitsanwendungen-Verordnung – in den Unternehmen immer relevanter werden. Dazu zählen Dinge wie Gesundheits-Apps, Wearables und Gesundheitsportale. Sie bieten den Unternehmen die Möglichkeit, ihren Beschäftigten gesundheitsfördernde Maßnahmen ortsunabhängig anzubieten. Der Trend zur Nutzung spielerischer Ansätze, die sogenannte Gamification, wird sich sogar verstärken. Und wir selbst auf Beratungsseite nutzen die Digitalisierung ja auch, um beispielsweise Teilnehmern an Mitarbeiterbefragungen individuelle Gesundheitsberichte über eine Download-Plattform bereitzustellen. Das alles sind Punkte, dank deren die Digitalisierung der Arbeitswelt auch zur Chance für die Gesundheit der Mitarbeiter wird. Vor diesem Hintergrund wird dann allerdings auch der Schutz personen- und gesundheitsbezogener Daten ein noch wichtigeres Thema werden.

#whatsnext2020: Veränderungen von BGM und BGF proaktiv begegnen

Personalmagazin: Ist diese rasante Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung auch der Grund für Ihre Vertiefungsstudie? Die Neuauflage der ersten Studie von 2017 ist doch erst für 2022 geplant?

Hübers: Wir wollen konkret werden. Zum einen ist es wichtig, die Bedeutsamkeit von BGM und BGF am Standort Deutschland in bestimmten Intervallen zu erfassen, um den Veränderungen proaktiv zu begegnen, anstatt nur zu reagieren. Und es gibt eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus der #whatsnext-Studie, die noch mal vertiefend betrachtet werden sollten. Dabei geht es nicht nur darum, herauszubekommen, welche Themen bedeutsam sind, wie beispielsweise Digitalisierung und lebenslanges Lernen, sondern auch, welche Angebote bereits existieren, an wen sich diese richten und was eben noch nicht angeboten wird. Gerade die Frage, warum bestimmte Themen bisher nicht relevant sind und was es bräuchte, damit das Unternehmen sich diesen Themen widmet, ist sehr spannend. Wir hoffen, durch die Antworten den Unternehmen noch detailliertere Handlungsfelder eröffnen zu können, um deren BGM zukunftsorientiert weiterzuentwickeln.

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Arps: Wir wollen die Vertiefungsstudie auf einen noch größeren Teilnehmerkreis ausdehnen. Bei der vergangenen Umfrage haben wir überwiegend Antworten von Unternehmen bekommen, die aktiv am Thema BGM arbeiten. Das ist aber nicht die Masse der bundesdeutschen Unternehmen. Meine Hoffnung ist, dass wir es bei der Vertiefungsstudie schaffen, eine etwas repräsentativere Umfragegruppe zu erreichen. Denn in der Praxis sind immer noch viele Unternehmen ganz weit weg davon, wirklich große Veränderungen in Richtung Belastungsreduzierung oder psychische Gesundheit auch umzusetzen. Viel zu oft wird von den Unternehmen darauf verwiesen, dass Gesundheit Privatsache sei und die Mitarbeiter sich selbst darum kümmern müssen. Wenn wir es schaffen, mit der Vertiefungsstudie noch ein Stück repräsentativer zu werden, könnte über diesen Weg der eine oder andere Teilnehmer auch merken: „Oh, da müsste ich ja vielleicht auch etwas machen.“ Das Thema braucht noch deutlich mehr PS auf der Straße, so können wir das unterstützen.

Personalmagazin: BGM-Aufgaben, die im eigenen Unternehmen noch anstehen, oder auch bisherige Versäumnisse sehen die Teilnehmer dann in der individuellen Auswertung, die ihnen mit den Studienergebnissen zugeht?

Hübers: Ganz genau. Wir bieten über eine individuelle Auswertung jedem einzelnen Teilnehmer auch die Möglichkeit, sein eigenes BGM mit den anonymisierten Daten der Unternehmen deutschlandweit zu vergleichen. Auch brancheninterne beziehungsweise -übergreifende Vergleiche können gezogen werden. Arps: Ich glaube, das ist der riesige Mehrwert unserer Studie. Eine solche Auswertung ist ja schon ein erster kleiner Analysebaustein, der dem BGM-Verantwortlichen deutlich machen kann, wo noch Verbesserungspotenzial besteht. Und ein solcher Vergleich liefert natürlich auch gute Argumente der Geschäftsführung gegenüber, um doch noch etwas mehr Energie in das Thema Gesundheit zu stecken.


Wiebke Arps ist Gesundheitsexpertin der TK und gehörte bereits bei der #whatsnext-Studie 2017 zur Studienleitung.

Dr. Mark Hübers ist wissenschaftlicher Berater beim IFBG und verantwortet gemeinsam mit der Techniker Krankenkassse die Vertiefungsstudie #whatsnext2020.

Das Interview ist ursprünglich in Personalmagazin 03/2020 erschienen. Lesen Sie die gesamte Ausgabe auch in der Personalmagazin-App.