03.01.2017 | Serie HR-Trends 2017

Crowdworking: Arbeitskräfte aus der Crowd

Serienelemente
Arbeiten in der Crowd: Das ist laut einer ZEW-Studie für rund 40 Prozent ein Zusatzjob neben Ausbildung, Studium und Festanstellung.
Bild: Haufe Online Redaktion

Crowdworking ist derzeit in der Arbeitswelt noch eine kleine Nische. Was man darunter versteht, welche Crowdworking-Plattformen existieren, wie Unternehmen diese bereits nutzen und wohin die Entwicklung geht, erläutert unsere Autorin Ruth Lemmer.

Navigationsgeräte sind so gut wie ihr Input. Was nach einer Binsenweisheit klingt, ist fundamental. Denn Autofahrer, die in die Irre gelenkt werden, können für den Anbieter einen großen Imageschaden anrichten. Das zeigt der Fall einer Frau aus Unna, die in Bremen statt in eine Tiefgarage eine Treppe hinunterfuhr. Navihersteller Tomtom weiß das und hat die „Wer denkt was GmbH“ in Darmstadt, Betreiber der Plattform App-Jobber, beauftragt, derartige Debakel vermeiden zu helfen. 180.000 Smartphonenutzer beschäftigt App-Jobber in Deutschland. Sie erfassen Daten – von Kreuzungen über Höchstgeschwindigkeiten bis zu Hausnummern. Die freien und vor allem mobilen Zuarbeiter laden sich eine App auf ihr Smartphone und erfüllen Aufgaben, die rund um ihren Standort anfallen.

Crowdworker als digitale Fließbandarbeiter

Außer Tomtom ist beispielsweise auch Rewe Kunde – die Warenpräsentation in Gemüseabteilungen und Regalen wird gecheckt. Handyfoto genügt. Bei App-Jobber sieht man auf den ersten Blick, ob mit einem Auftrag ein Euro (Theater-Check) oder 12,50 Euro (Waschstraßen-Check) zu verdienen sind. Bei sogenannten Microtask-Plattformen wie App-Jobber sind die Aufgaben einfach. Wer ein Smartphone besitzt und bedienen kann, ist willkommen. So wächst die Crowd, übersetzt Masse, Haufen oder Schar – und es ist tatsächlich eine Millionenschar, deren einzige Gemeinsamkeit die Arbeit per Klick ist. Die Crowdworker arbeiten in heterogenen Gruppen an den Projekten: Preisvergleiche für die Konkurrenzbeobachtung, Geodaten, Werbeplatzierungen. Die digitalen Fließbandarbeiter liefern schnell und unkompliziert, die Plattformen sammeln und sichten, die Auftraggeber erhalten einen regionalen oder gar grenzüberschreitenden Überblick. Die einzelnen Crowdworker haben in der Regel keinen Kontakt untereinander. Sie machen das als Nebenjob, es sind Arbeitslose, Schüler, Studenten, Hausfrauen und -männer. Der Durchschnittsverdienst der Microtasker liegt bei 144 Euro im Monat.

Unterschiedliche Plattform-Typen

In der Studie „Crowd Work in Deutschland“ haben Professor Jan Marco Leimeister, Wirtschaftsinformatik-Lehrstuhlinhaber an der Universität Kassel und Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen, und sein Team für die Hans-Böckler-Stiftung empirisch das Arbeitsumfeld der externen Plattformen untersucht. Sie definieren verschiedene Plattform-Typen.
Auf Marktplatz-Plattformen tummeln sich meist Know-how-Anbieter mit Spezialkenntnissen und ihre Auftraggeber. Die Aufgaben sind komplex: Software und E-Learning-Programme werden entwickelt, Werbespot- und Synchronsprecher bieten ihre Dienste an. Hier liegt der Verdienst im Schnitt bei 660 Euro pro Monat. Auch für Aufträge von Testing-Plattformen brauchen Crowdworker manchmal mehr als nur ein Mobiltelefon und Web-Affinität. Die Plattform-Betreiber zerlegen den Auftrag in Einzeltests und fügen später das Ergebnis zusammen. Crowdworker kommen hier auf durchschnittlich 420 Euro im Monat. Design-Plattformen arbeiten in einem Wettbewerb-Format. Der Auftraggeber schreibt eine Aufgabe aus – etwa für ein neues Logo oder ein Jingle – und zahlt nur dem Gewinner ein Honorar. Der Durchschnittsverdienst liegt bei 660 Euro im Monat. Innovations-Plattformen ähneln Open-Source-Modellen und werden auch firmenintern genutzt. Die Auftraggeber geben keine Zeitspanne vor, die Crowdworker tauschen sich aus. Sie erarbeiten gemeinsam eine Lösung. Das kommt Werkvertragskonstruktionen sehr nahe. Manchmal schließen sie befristete Werkverträge ab oder sind beim Auftraggeber angestellt.

Klickarbeit als Freizeitbeschäftigung?

Die Wissenschaftler um Leimeister haben 434 Crowdworker befragt – nach Motiven und Arbeitszeit, nach Ausbildung und Einkommen. Die hohe Flexibilität in der Arbeitszeit wird geschätzt. Am Smartphone oder Tablet sitzen 23 Prozent abends, fünf Prozent nachts und 50 Prozent zu unterschiedlichen Tageszeiten. Auch die Arbeitsorte wechseln bei 16 Prozent, 83 Prozent aber arbeiten von zu Hause aus. Die Mehrzahl der Crowdworker ist ledig. Die Studie der Böckler-Stiftung ordnet hier die Klickarbeit als intensive Freizeitbeschäftigung ein. Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 14 Wochenstunden. Dazu passt, dass 19 Prozent studieren und vier Prozent Schüler sind. Die größte Gruppe stellen mit 38 Prozent Selbstständige, wobei diese besonders oft Solo-Selbstständige sind. Aber auch Angestellte klicken im Nebenjob mit – immerhin 28 Prozent. Der Nebenverdienst liegt bei knapp über 300 Euro pro Monat. 20 Prozent der Befragten geben an, im Hauptberuf Crowdworker zu sein und kommen auf einen Verdienst von rund 1.500 Euro im Monat. Wobei der Durchschnittwert noch ungenau ist, da es auch Einkommen um 10.000 Euro gibt.

Mehr als die Hälfte von ihnen sorgt nicht fürs Alter vor. Krankenversichert sind die meisten, die als Freelancer für Plattformen arbeiten, über ihren Job, das Studium oder als Schüler über die Eltern. Die Böckler-Stiftung als Auftraggeber der Studie spricht angesichts dieser Ergebnisse von „digitalen Tagelöhnern“ und fordert daher die Abschaffung prekärer Arbeits- und Auftragsverhältnisse für all jene, die nicht nur als Freizeit- oder Gelegenheitsjobber Crowdworking betreiben. Hierbei handelt es sich allerdings nur um eine kleine Minderheit.

Ergebnisse der ZEW-Studie

Das zeigen beispielsweise die Befragungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), welches diese im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums durchgeführt hat. Professorin Irene Bertschek, ZEW-Leiterin der Forschungsgruppe Informations- und Kommunikationstechnologien, hat dazu 400 Crowdworker zweier externer Plattformen befragt. Fazit: Nur eine Minderheit versucht über Crowdworking eine Existenz aufzubauen. Für 38,8 Prozent ist Crowdworking ein Zusatzjob neben der Festanstellung, für 39,6 Prozent ein Zusatzeinkommen neben Schule, Ausbildung und Studium.

Die Crowdworker arbeiten überwiegend eine gewisse Zeit lang nur für eine Plattform (über 50 Prozent länger als sieben Monate, elf Prozent über zwei Jahre). Es dominieren Kleinaufträge: 24 Prozent wickelten in den vergangenen sechs Monaten 20 bis 49 Aufträge, 23 Prozent mehr als 100 ab. Der Zeitaufwand pro Auftrag betrug bei 19 Prozent unter fünf Minuten und bei fast der Hälfte zwischen fünf und 15 Minuten.

Die Einschätzung der Arbeitsbedingungen entspricht nicht dem, was von den Kritikern in der Öffentlichkeit vorgetragen wird: Die Crowdworker fühlen sich demnach zwar für ihre Arbeit überqualifiziert, die große Mehrheit fühlt sich jedoch fair behandelt.

Was sind die Anreize für Crowdworker?

Der große Reiz, für eine Plattform zu arbeiten, liegt offensichtlich darin, entscheiden zu können, wann und wo man arbeiten will. Auch dass sich Crowdworker ihre Arbeitsinhalte selbst aussuchen können und dass diese interessant sind, wird positiv hervorgehoben. 56 Prozent der Befragten nennen ihre Klickjobs eine gute Freizeitbeschäftigung.

Das Forschungsthema steckt trotz dieser beiden praxisnahen Studien von Leimeister und Bertschek noch in den Kinderschuhen. Auch weil das Crowdsourcing – die Mischung aus der Arbeit in der Plattform, Worker-Masse und dem Auslagern von Aufgaben durch klassische Unternehmen – erst seit rund zehn Jahren an Fahrt aufnimmt. „Crowdworking“, sagt Ines Zimzinski, Feel-Good-Managerin und Vorständin des Deutschen Crowdsourcing-Verbands (DCV) in Berlin, „das ist das Arbeiten in einem virtuellen Großraumbüro.“

Der DCV wurde 2011 gegründet und vertritt inzwischen rund 850 Mitglieder, die in Crowd basierten Geschäftsmodellen unterwegs sind – Plattformbetreiber wie Anbieter ihrer Arbeitskraft und ihres Know-hows. Zimzinski: „Die Arbeit ist altersunabhängig und barrierefrei – und gut für die Vita.“ Aber auch sie räumt ein, dass der Sektor noch sehr unsortiert ist. „Hier in Berlin sprießen Plattformen wie Pilze aus dem Boden und wir sind gespannt, wo die Reise – digital oder analog – hingeht.“

Gibt es faire Arbeit in der Crowd?

Deshalb hat der Verband mit Gewerkschaften, Wissenschaftlern und Unternehmern im Auftrag der Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen, Dilek Kolat, die Crowd-Welt der Gründerhauptstadt beleuchtet: „Faire Arbeit in der Crowd“ wurde jüngst vorgestellt. Faire Entlohnung wird dort gefordert und die Anlehnung an ein Gesetz aus dem Jahr 1951 vorgeschlagen: an das Heimarbeitergesetz. Heimarbeiter haben nach dem Gesetz Ansprüche an ihre Arbeitgeber, was zum Beispiel Entgeltschutz, Urlaub oder Mutterschutz betrifft. Da auf den Plattformen nicht die formale Qualifikation, sondern Lösungen zählen, wollen die Autoren Formate für Arbeitszeugnisse entwickeln, damit die Crowdworker Referenzen sammeln können. Ohne konkret zu werden, wird angeregt, sich mit der sozialen Absicherung der Solo-Selbstständigen zu beschäftigen.

Die IG Metall wollte nicht darauf warten, bis die Politik Regeln fürs Crowdworking schafft. Die Gewerkschaft installierte schon am 1. Mai 2015, also traditionsreich am Tag der Arbeit, die Website www.faircrowdwork.org mit Dokumenten, geposteten Artikeln und einer Hotline. Auch Verdi berät Crowdworker und hat ein Informations- und Diskussionsportal aufgebaut. Kernstück der deutsch-englischen Faircrowdwork-Website ist das Bewertungstool Faircrowdwork-Watch. Dort beschreiben die Crowdworker die Plattformen, für die sie arbeiten: Für Bezahlung, Arbeitsqualität, Kommunikation, Mitarbeiterüberwachung gibt es Fairnesspunkte sammeln – oder auch nicht. 37 Plattformen sind inzwischen bewertet – allerdings nur mit geringen Teilnehmerzahlen. Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, sieht das gesamte Arbeitsfeld „bislang noch extrem stark geprägt von einem Machtungleichgewicht zwischen Plattformen, Auftraggebern und Crowdworkern“.
Auch auf Auftraggeberseite ist Unkenntnis und Misstrauen gegen Crowdworking noch groß, zeigte 2015 eine repräsentative ZEW-Befragung: Rund 45 Prozent kannten das Konzept noch nicht, 52 Prozent sahen Schwierigkeiten bei der Qualitätskontrolle, 46 Prozent waren unsicher über die juristischen Rahmenbedingungen und den Abfluss von Wissen befürchteten ebenfalls 46 Prozent. Die Folge: Nur drei Prozent der Unternehmen setzen derzeit Crowdworking ein.
Professor Jan Marco Leimeister warnt: „Auf Crowdworking basierende Arbeitsformen werden kommen wie die Digitalisierung – das kann man nicht aussitzen.“ Deshalb müssten Firmen entscheiden, was für sie das höhere Gut ist: „Agilität mit Tempo, Heterogenität und der Parallelisierung von Prozessen oder Kontrolle und Wissensbunker.“

Crowdworking als Handlungsfeld für Personalmanager

Eine Botschaft für Personalmanager hat der Hochschullehrer auch: „Crowdworking weitet den Handlungsraum für Personaler aus, das birgt Chancen und Risiken für den Berufsstand.“ Tatsächlich müssen sie ihr Terrain mit der Einkaufs- und der Forschungs- und Produktentwicklung neu abstecken. Und mitdiskutieren, welche Geschäftsstrategie die richtige ist. Leimeister vermisst die Experimentierfreude in Firmen. Crowdworking müsse man ausprobieren, am besten in Pilotprojekten.

Die Konzerne bleiben vorsichtig. Bosch zieht bei wettbewerbsunkritischen Aufgaben eher die Werkvertragsleistung vor. Audi probierte Crowdworking beim Thema „Family on board“. Und der Daimler-Betriebsrat spielte die Idee der internen Crowd durch, während das Management nur in einzelnen Fachabteilungen marginale Versuche mit Externen startet. Professor Leimeister jedenfalls sieht die Unternehmen am Zug: „Statt um Hierarchiesilos geht es um Job-Enrichment mit einem ganz neuen Zungenschlag.“

Plattformen bewältigen jedenfalls nicht nur Kundenaufträge mit der Crowd, sie wollen sich über diese Arbeitsform auch zukunftsfest machen. Die Braunschweiger Projektbörse und Freelancer-Plattform Proitex rief im August Software-Entwickler dazu auf, das System aktiv mitzugestalten. Vorschläge zu Sonderfunktionalitäten wie projektbezogener Zeiterfassung, Rechnungserstellung, Teamarbeit und ein Empfehlungswesen schlug die Crowd-Community aus Arbeitsanbietern und Auftraggebern bereits vor. Jetzt will Proitex Einfälle sammeln für eine detailliertere und aussagekräftigere Darstellung der IT-Expertenprofile und sucht nach innovativen neuen Funktionen, die sowohl den Freelancern als auch den suchenden Unternehmen den Akquiseprozess erleichtern.

Kann sich Crowdworking durchsetzen?

Crowdworking ist derzeit in der Arbeitswelt noch eine kleine Nische, die sich entwickeln muss. Im Umfeld der Gründerszene wird befürchtet, dass Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles das zarte Pflänzchen mit Regulierungsvorschlägen am weiteren Wachstum hindern könnte. Carlos Frischmuth, Leiter der Hauptstadtrepräsentanz von Hays, plädiert dafür, dieser neuen Form der Arbeitsbeauftragung eine Chance zum Wachstum zu geben: „Bei jetzigem Reifegrad sind der gesellschaftliche Beitrag und die Chancen von Crowdworking für den Arbeitsmarkt deutlich größer als mögliche negative Effekte.“

Mehr zum Thema "Crowdworking" lesen Sie im Titelthema von Ausgabe 10/2016 des Personalmagazins.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Human Resources (HR), HR-Management

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