18.10.2011 | HR-Management

Interview: Versagensängste lassen Frauen vor Führungspositionen zurückschrecken

Warum gibt es so wenige Frauen in Führungspositionen? Liegt es an mangelnden Fähigkeiten, den Rahmenbedingungen oder fehlt es Frauen schlicht an der nötigen Motivation? Ein Hamburger Forscherteam um Prof. Dr. Jörg Felfe hat ein Diagnoseinstrument entwickelt, das wertvolle Erkenntnisse über die motivationalen Chancen und Hürden potenzieller Führungskräfte liefert.

Erste Forschungsergebnisse des BMBF-Projektes "Führungsmotivation im Geschlechtervergleich" haben gezeigt, dass insbesondere Frauen stärkere Ambivalenzen in ihrer Führungsmotivation erleben. Diese machen es ihnen zusätzlich schwer, sich auf dem Weg zu einer Führungsposition durchzusetzen. Die Psychologin Sibylle Stiehl, die zusammen mit Gwen Elprana und Magdalena Gatzka wesentlich an der Entwicklung des Diagnoseinstruments beteiligt war, erklärt uns weitere Details im Interview.

 

Haufe Online-Redaktion: Was verbirgt sich hinter Ihrem Diagnoseinstrument?

Sibylle Stiehl: Im Grunde genommen handelt es sich dabei um einen Fragebogen, mit dem man messen kann, wie führungsmotiviert jemand ist und wie dessen Motivlage konkret ausgestaltet ist. Gemessen werden die Basismotive "Macht", "Leistung" und "Anschluss", das konkrete Führungsmotiv ("leadership motive pattern") sowie die  Interessen der betroffenen Person. Letztlich geht es darum, die verschiedenen Facetten und Ebenen genauer zu erfassen, die beeinflussen, ob man überhaupt Führungsverantwortung übernehmen möchte.

 

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern unterscheidet sich Ihr Eignungsinstrument von anderen Tools?

Stiehl: In erster Linie ist es kein Eignungsinstrument. Es dient vor allem der eigenen Motivklärung. Neu ist besonders die genderspezifische Komponente. Wir haben vor allem solche Dinge eingebaut, bei denen wir wissen, dass sie gerade für Frauen von Bedeutung sind. Erste Ergebnisse belegen, dass bei Frauen vermeidende Motivanteile, sprich Sorgen und Ängste, eine größere Rolle als bei den Männern spielen.

 

Haufe Online-Redaktion: Was heißt das konkret?

Stiehl: Grundsätzlich treten bei Motiven immer zwei Seiten einer Medaille zutage. Zum einen umfasst ein Motiv Dinge, die man anstrebt, wie zum Beispiel, man möchte sehr viel leisten. Andererseits können an dieses Leistungsmotiv auch Befürchtungen und Sorgen geknüpft sein. Aus Angst zu versagen, tendieren Menschen mit einer starken Ausprägung in diesem Bereich dazu, Leistungssituationen eher zu vermeiden. Gerade diese Vermeidungstendenzen sind bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern, was dazu führt, dass sie sprichwörtlich mit angezogener Handbremse auf der Karriereautobahn unterwegs sind. Auch wenn sie grundsätzlich dazu bereit sind, Führungsverantwortung zu übernehmen, sorgt diese ambivalente Motivstruktur letztlich dafür, dass sie eher zögern, eine Führungslaufbahn tatsächlich einzuschlagen.

 

Haufe Online-Redaktion: In welcher Form, denken Sie, könnte Ihr Motivprofil letztendlich in der Personalentwicklung eingesetzt werden?

Stiehl: In einem ersten Schritt könnte das Diagnoseinstrument der Motivklärung dienen. Insbesondere Frauen, die sich nie darüber Gedanken gemacht haben oder sich unsicher sind, ob sie überhaupt eine Führungsposition anstreben, erhalten so die Möglichkeit, sich ihrer wahren Motive und Interessen bewusst zu werden. Daran anknüpfen sollte eine Stärken-Schwächen-Analyse, aus der man konkrete Entwicklungsmaßnahmen ableiten könnte. Generell sehe ich darin eine gute Option, frühzeitig Nachwuchsführungskräfte zu identifizieren. Dabei denke ich aber nicht nur an Diejenigen, die ein deutliches Führungsmotiv aufweisen. Zeigt sich, dass grundsätzlich das Führungsmotiv, auch in einer geringeren Ausprägung vorhanden ist, kann man daran ansetzen und individuelle Entwicklungsmaßnahmen vereinbaren. Des Weiteren sollte man sich darüber klar sein, dass Motive nicht so stabil sind und sich im Laufe der Zeit verändern können. Aus diesem Grund halte ich es für durchaus sinnvoll, vor wichtigen Karriereentscheidungen oder wenn sich bestimmte Rahmenbedingungen geändert haben, das Motivprofil zu Rate zu ziehen.      

 

Das Interview führte Nicole Schrehardt.

 

Hinweis: Dieses Forschungsprojekt wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und aus dem Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union gefördert.

 

Veranstaltungstipp

Am 26. Oktober stellen Sibylle Stiehl und Gwen Elprana das Motivprofil in einem Workshop der Hamburger Karriereschmiede vor. Der Workshop bietet eine theoretische Einführung in das Thema "Führungsmotivation von Frauen" sowie erste praktische Einsatzübungen für Personalverantwortliche. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Weitere Informationen unter www.hamburger-karriereschmiede.de.

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