18.07.2011 | Bericht aus Bonn

Von den Tücken leistungsbezogener Entlohnung

Mehr Geld = höhere Leistungsbereitschaft - auf diese einfache Formel lässt sich das Thema Vergütung nicht herunterbrechen. Denn vor allem der Vergleich mit Kollegen spielt eine große Rolle, wie Dr. Hilmar Schneider vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit erläutert.

Erfolgsabhängige Vergütungsbestandteile werden gemeinhin als wirksames Instrument betrachtet, um die Leistungsbereitschaft von Mitarbeitern zu stimulieren. Aber so einfach wie beim Pawlow’schen Hund funktioniert die Sache leider nicht. Menschen orientieren sich nicht nur daran, was für sie selbst dabei herauskommt, wenn sie sich besonders anstrengen. Es kommt auch darauf an, wie sie dabei im Vergleich zu Kollegen abschneiden. Ob sich jemand über eine Zulage von beispielsweise 500 Euro freut, hängt nicht unwesentlich davon ab, ob die anderen für die gleiche Anstrengung weniger, genauso viel oder gar mehr bekommen. Bekommt man mehr als die anderen, sorgen die 500 Euro in der Regel für Hochstimmung. Bekommen die anderen aber 1.000 Euro, werden die 500 Euro als demotivierender Affront empfunden. Das wird eindrucksvoll durch Laborexperimente von Armin Falk belegt, bei denen die Gehirnaktivitäten von Probandenpaaren gemessen wurden, nachdem sie parallel exakt die gleiche Aufgabe zu erfüllen hatten, dafür aber ungleich belohnt wurden.

In der ökonomischen Standardtheorie ist für solche Phänomene bislang kein Platz. Um sein Glück zu finden, ist der nutzenmaximierende homo oeconomicus ausschließlich auf sich selbst angewiesen. Dass es auf die Bezahlung relativ zu anderen mindestens genauso ankommt wie auf die Bezahlung als solche, ist in seiner Bedeutung für unser Verständnis von wirtschaftlichen Zusammenhängen noch weitgehend unerforscht.

Wenn es darum geht, Leistungspotenziale zu mobilisieren, ist eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung eher schädlich. Zwar mag es wenig Chefs geben, die bewusste Ungleichbehandlung als Motivationsinstrument begreifen. Für die betriebliche Praxis ist das Problem dennoch auf breiter Front relevant, weil sich hier das Problem der Leistungsmessung stellt. Anders als im Laborexperiment sind unter­schiedliche Mitarbeiter häufig mit unterschiedlichen Aufgaben betraut, die nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar sind. Daraus resultiert eine mangelnde Vergleichbarkeit der Performance, was wiederum Interpretationsspielraum eröffnet, der im Endeffekt die gleichen Probleme hervorrufen kann wie die Ungleichbehandlung gleicher Leistung.

Damit aber noch nicht genug! Ungleichbehandlung hat möglicherweise noch viel weitreichendere Konsequenzen als nur die Demotivierung der Verlierer. In einer jüngst veröffentlichten Laborstudie von Irlenbusch und Harbring ist zu lesen, dass leistungsbezogene Entlohnung zwar einerseits die individuelle Leistungsbereitschaft, andererseits aber auch die Friktionen innerhalb eines Teams erhöht. Um den Top-Bonus zu bekommen, ist es unter Umständen effizienter, die Leistung der anderen schlecht aussehen zu lassen als sich besonders anzustrengen. Je größer die Spreizung der finanziellen Anreize, desto größer die Gefahr, dass die Gesamtleistung eines Teams dadurch in den Keller geht.

Sollten Unternehmen also gänzlich auf finanzielle Leistungsanreize verzichten? Das sicher nicht. Aber es geht auch darum, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Menschen nicht von pekuniären Anreizen allein getrieben sind. Mindestens ebenso wichtig ist die soziale Anerkennung innerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung. Soziale Anerkennung verträgt sich aber nur in Grenzen mit materieller Ungleichheit. Wo es auf Teamgeist ankommt, sollte die Erfolgshonorierung deshalb in erster Linie dem Team und weniger einzelnen Teammitgliedern zufließen.

Unser Experte vom IZA:

Dr. Hilmar Schneider, Direktor Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn.

Einmal im Monat erläutert Dr. Hilmar Schneider die Zukunft der Arbeit aus Sicht des IZA und gibt Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Personalarbeit.

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Dr. Hilmar Schneider und Klaus-Dieter Sohn berichten im 14-täglichen Wechsel Aktuelles aus ihrem Fachgebiet. 

Schlagworte zum Thema:  Vergütung

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