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| Unternehmenskultur

Ein "Du" passt nicht zu jedem Mitarbeiter

Sonja Sackmann, Universität der Bundeswehr
Bild: Haufe Online Redaktion

BASF-Chef Kurt Bock will seinen Mitarbeitern den informellen Umgang verordnen. Ab sofort sollen sie auf Titel und förmliche Anreden verzichten, hat er verkündet. Organisationspsychologin Sonja Sackmann erklärt, ob das wirklich einer lockeren Unternehmenskultur zuträglich ist.

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern sind solche von oben herab vorgeschriebene Umgangsformen wie sie Kurt Bock propagiert überhaupt einer positiven Unternehmenskultur zuträglich?

Sonja Sackmann: Die Menschen gehorchen vielleicht der Aufforderung. Doch wenn das nicht aus eigenem Antrieb kommt, wirkt es aufgesetzt. Informeller Umgang ist eher typisch und einfacher für junge Leute in Deutschland sowie in "jungen", angelsächsisch geprägten Branchen wie zum Beispiel der IT Branche.

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern lässt sich durch lockere Umgangsformen eine ebenso lockere Atmosphäre im Arbeitsalltag herstellen?

Sackmann: Das bedingt sich schon gegenseitig. Doch in Deutschland muss das erst noch wachsen, da Menschen in unserem Kulturkreis eher dazu neigen, informelle Beziehungen im privaten Bereich zu pflegen und formellere im beruflichen.

Haufe Online-Redaktion: Kurt Bock will mit der Maßnahme eine international einheitlichere Unternehmenskultur herstellen – er will die deutschen Umgangsformen den US-amerikanischen anpassen. Inwiefern lässt sich solche international übergreifende Unternehmenskultur überhaupt umsetzen?

Sackmann: Auch das muss wachsen, wobei nicht alle kulturellen Unterschiede egalisiert und vereinheitlicht werden können. Ein anderer international agierender Konzern mit Hauptsitz in Deutschland hatte dies vor Jahren einmal versucht: Tagsüber sprachen sich die Leute mit "you" und Vornamen an. Am Abend an der Bar kehrten die Deutschen zum „Sie“ und allen Titeln bei der Anrede ihrer Kollegen zurück. Hier hängt es von der Branche und dem Alter ab. Jüngeren Leuten wird es leichter fallen – vor allem wenn die englische Sprache benutzt wird. Langjährige, ältere Mitarbeiter in traditionellen Unternehmen und Branchen werden eher Mühe damit haben, wenn Sie sich weniger im englisch-sprachigen Umfeld bewegen.

Haufe Online-Redaktion: Was empfehlen Sie, um mit kleinen Maßnahmen die Unternehmenskultur zu verändern?

Sackmann: Die Frage ist, von welchem Ausgangspunkt angefangen werden soll und in welche Richtung geändert werden soll – so pauschal lässt sich dies nicht sagen. Informalität muss wachsen. Hierbei kann die Sprache schon etwas verändern. Doch es ist einfacher, dies im Englischen zu tun. Auch in kleineren Teams wird es einfacher sein. Wenn eine Unternehmenskultur zum Beispiel hin zu einer stärkeren Leistungsorientierung entwickelt werden soll, müssen noch andere Maßnahmen erfolgen. Soll mehr Wissen und Erfahrung zwischen den Mitarbeitern, Abteilungen und Bereichen ausgetauscht werden, dann spielt das gegenseitige Vertrauen eine zentrale Rolle, das erst wachsen muss.

Das Interview führte Kristina Enderle da Silva.

Sonja Sackmann hat den Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Fakultät für Wirtschafts- und Organisationswissenschaften der Universität der Bundeswehr München und ist im Vorstand des Instituts Entwicklung zukunftsfähiger Organisationen sowie des Forschungszentrums für Strategie, Führung, Unternehmenskultur und Personalmanagement.

Haufe Online Redaktion

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