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Serie EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit Teil 2: Personalrecruiting in Osteuropa

Wenn Personaler qualifizierte Fachkräfte in Osteuropa suchen, müssen sie einige Besonderheiten beachten. Welche dies sind, verrät unsere Expertin Annette Becker, die selbst acht Jahre im slawischen Sprachraum gearbeitet hat und somit die Eigenheiten osteuropäischer Bewerber genau kennt.

Haufe Online-Redaktion: Was gibt es bei der Personalauswahl in Osteuropa zu beachten?

Annette Becker: Grundsätzlich können Personaler nicht erwarten, dass sie vollständige Bewerbungsunterlagen erhalten, wie sie es von deutschen Bewerbern gewohnt sind. Häufig handelt es sich dabei um Online-Bewerbungen mit einem Lebenslauf. Wenn man Glück hat, ist auch ein Ausbildungs- beziehungsweise Universitätszeugnis dabei. Arbeitszeugnisse sind dagegen eher Mangelware.

 

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern ist es möglich, im Nachhinein ein Arbeitszeugnis vom vorherigen Arbeitgeber des Bewerbers anzufordern?

Becker: Wenn konkrete Arbeitszeugnisse verlangt werden, kann es sein, dass diese zum einen im Sinne eines Freundschaftsdienstes gewährt werden und dementsprechend positiv ausfallen. Andererseits kann auch genau das Gegenteil der Fall sein, insbesondere dann, wenn der ehemalige Arbeitgeber den Bewerber nicht positiv in Erinnerung hat. In der Konsequenz sind Arbeitszeugnisse nicht wirklich aussagekräftig und mit Vorsicht zu genießen.

 

Haufe Online-Redaktion: Wie sieht es dagegen mit Referenzen aus?

Becker: Eher schwierig, da es in Osteuropa unüblich ist, am Telefon Auskunft über ehemalige Arbeitnehmer zu geben. Auch wenn Sie eine Antwort erhalten, sollten Sie sich nicht darauf verlassen, denn Beziehungen sind das A und O in Osteuropa.

 

Haufe Online-Redaktion: Wie können sich die HR-Manager dann ein Bild von den Qualifikationen des Bewerbers machen?

Becker: Am besten vor Ort in einem zwei- bis dreistündigen Auswahlgespräch, in dem der potenzielle Kandidat an konkreten Aufgaben seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann. Hierbei sollte auch der künftige Vorgesetzte anwesend sein.

 

Haufe Online-Redaktion: Warum ist es so wichtig, dass der Bewerber auch den künftigen Chef kennenlernt?

Becker: Wie bereits erwähnt spielt der Beziehungsaspekt eine zentrale Rolle in Osteuropa. Indem der Bewerber seinen Vorgesetzten näher kennenlernt, kann er für sich herausfinden, ob er sich eine gemeinsame Zusammenarbeit auch vorstellen kann. Stimmt die „Chemie“ nicht, kann das ein Grund sein, dass der Bewerber sich gegen die Stelle entscheidet beziehungsweise schnell wieder kündigt.

 

Haufe Online-Redaktion: Wäre dies auch ein Grund für jüngere Bewerber, für die vor allem die Karriere und das Gehalt zählt?

Becker: Durchaus. In diesem Bereich unterscheiden sich die Generationen nicht wirklich voneinander, wenn auch die zugrunde liegenden Motive sich etwas unterscheiden. Während die älteren dies vor allem aus Unsicherheit tun, brauchen sie doch das Gefühl, dass ihr Chef sie mag und man ihm vertrauen kann, sehen die Beweggründe der jungen Generation anders aus. Sie wissen, dass sie gut qualifiziert und für den Arbeitgeber attraktiv sind. Haben sie jedoch den Eindruck, dass ihr Vorgesetzter arrogant ist und sie von oben herab behandelt, ist das ein eindeutiger Grund für eine Absage oder Kündigung – frei nach dem Motto „Das habe ich nicht nötig“.

 

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern können letztlich Personalvermittlungsfirmen in Osteuropa bei der Personalsuche behilflich sein?

Becker: Natürlich können diese Dienstleister deutsche Unternehmen unterstützen. Jedoch ist Vorsicht geboten, da sich auch viele „schwarze Schafe“ auf diesem Markt tummeln. Grundsätzlich empfehle ich den Unternehmen, konkret vor Ort zu suchen. Und einen wertvollen Tipp noch: Hat man erst einen Kandidaten gefunden, der dem Bewerberprofil entspricht, kann dieser wiederum für das Unternehmen im Bekanntenkreis Werbung machen. Nicht selten erweist sich dieser Schritt als wesentlich effektiver als der konventionelle Weg. Schließlich sind Beziehungen ein entscheidender Faktor, wenn man mit Osteuropäern erfolgreich zusammenarbeiten möchte.

 

Das Interview führte Nicole Schrehardt.

 

Annette Becker

ist bei der ICUnet.AG als Interkulturelle Beraterin für Kundenprojekte mit Schwerpunkt Ost-/Mittelosteuropa und Zentralasien tätig.

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