11.04.2017 | Selbstvermarktung am Arbeitsplatz

Erfolg hat nur, wer oben Aufmerksamkeit hat

Der Speaker, Autor und Blogger Gunter Dueck hat gerade das Buch "Flachsinn: Ich habe Hirn, ich will hier raus" veröffentlicht.
Bild: Jörn Wolter

Der Querdenker Gunter Dueck kritisiert in seinem neuen Buch "Flachsinn" das "Aufmerksamkeitsgerangel" im Internet. Im Interview mit der "Wirtschaft + Weiterbildung" erklärt er, wie sich das Phänomen auf die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz auswirkt und was sich dagegen unternehmen ließe.

Nach eigenen Angaben hörte der Buchautor, Speaker und Blogger Gunter Dueck zum ersten Mal im Jahr 2011 auf dem Kongress "Republica" etwas von einer "Trollforschung". Die sogenannten "Trolle", also Störer im Netz, seien damals noch nicht wirklich beängstigend gewesen. Dueck hielt es für einen dummen Streich, wenn jemand in Frauengruppen "Männer haben größere Hirne" postete oder in Veganer-Chats genussvoll über gegrilltes Fleisch schrieb. Inzwischen stehen im Internet viele Sätze, die Seelen morden können. Wir haben Dueck nach Auswegen aus dem Teufelskreis gefragt.

Wirtschaft + Weiterbildung: Welcher Schreihals ist der gefährlichste im Internet?

Prof. Dr. Gunter Dueck: Ich musste das Buchmanuskript genau an dem Tag beim Verlag abliefern, als Trump zum Präsidenten gewählt wurde. Spätestens seither sehen wir ja, wie schlimm es werden kann, wenn Aufmerksamkeit rein nach Nutzen eingesetzt wird. Es ist offenbar möglich, mit negativer Aufmerksamkeit großen Erfolg zu haben, nicht nur mit positiver, wie die Idealisten bisher zu naiv glaubten.

Wirtschaft + Weiterbildung: Wie verändert sich unsere Wahrnehmungsfähigkeit, wenn wir – wie die Kugel im Flipperkasten – unablässig von einer Webseite zur nächsten geschossen werden?

Dueck: Na, wir werden künstlich hyperaktiv gemacht. Hyperaktive Menschen lassen sich ständig ablenken und können sich nicht gut konzentrieren. Tja, wenn wir nicht aufpassen, packt uns das alle.

Wirtschaft + Weiterbildung: Flachsinn erzeuge Flachsinnige, schreiben Sie. Aber das Internet hat auch dafür gesorgt, dass wir als Verbraucher so wissend und mündig sind wie nie zuvor. Oder machen wir uns da etwas vor?

Dueck: Wer mündig sein will, kann das ja sein. Das Internet gibt jedem die Chance zum "Self-Empowerment". Man findet alles in großer Reichhaltigkeit und kann unglaublich viel lernen und profitieren. Man kann – wenn man sich nicht vom Flachsinn ablenken lässt. Künstlich Hyperaktive können das eben nicht mehr so richtig.

"Heute haben nur solche Mitarbeiter Erfolg, die auch oben die Aufmerksamkeit haben. Daher muss jetzt jeder ständig seine eigenen Erfolge beweisen und hinausposaunen, dass er besser ist als die anderen." Gunter Dueck

Wirtschaft + Weiterbildung: Was bewirkt die von Ihnen beschriebene "Aufmerksamkeitsökonomie" am Arbeitsplatz? Muss nun eigentlich weniger oder mehr gearbeitet werden?

Dueck: Früher bekam man die Instruktionen vom Chef, heute bekommt man sie von Marketing, Vertrieb, von allen möglichen Officers. Wir werden per Mail zugemüllt und müssen eben lernen, nur das Relevante zu filtern. Gleichzeitig werden die immer knapperen Beförderungen eben wegen dieser Knappheit (oder wegen des Geizes) im Streit der Abteilungen immer weiter oben in der Hierarchie entschieden, sodass nur solche Mitarbeiter Erfolg haben, die auch oben die Aufmerksamkeit haben, die also oben bekannt sind – neudeutsch heißt das "visible". Daher muss jetzt jeder ständig seine eigenen Erfolge beweisen und hinausposaunen, dass er besser ist als die anderen. Tja, aber die Chefs wollen doch, dass wir ein Team sind und uns gegenseitig helfen?

Wirtschaft + Weiterbildung: Wie kann sich der einzelne Nutzer dem Internet-Rummel eigentlich noch entziehen?

Dueck: Man sollte die Mechanismen kennen, die ich im Buch beschreibe, und vernünftig damit umgehen. Entziehen geht ja nicht, denn das ist jetzt unsere Welt. Sie können sonst nur "entsagen" und allein bleiben.

Wirtschaft + Weiterbildung: ... und wer sollte noch wie einschreiten?

Dueck: Wir brauchen wohl neue Orientierungspunkte. Was finden wir gemeinsam wichtig? Ich schlage vor, die öffentlichen Rundfunkanstalten und/oder Universitäten erst einmal damit zu beauftragen, unsere ganzen Kulturgüter im Netz abzubilden, mit denen dann jeder frei und ohne Kosten arbeiten kann. Wir suchen ja jeden Tag für Argumente oder Präsentationen nach Bildern, Materialien und Argumenten. Ist das, was wir finden, urheberrechtlich geschützt, wahr, gut, authentisch? Wie wäre es, wir hätten das Wichtige einfach "da", frei zugängig? Ich will nicht sagen, dass das die einzige Möglichkeit ist, auf die Kultur einzuwirken. Aber alles, was "Umdenken" erfordert, funktioniert meistens nicht. "Kultur ins Netz" kostet nur Geld und das haben wir ja.

"Alles hat eine weiße und eine schwarze Seite. Ich kann gute Inhalte liefern und andere im Netz manipulativ übervorteilen." Gunter Dueck

Wirtschaft + Weiterbildung: Stellen Sie sich vor, dem Internet wird morgen der Stecker gezogen, komplett und weltweit. Wie einschneidend wäre das für unser Leben?

Dueck: Na, wir werden Urerfahrungen machen, so als ob der Strom ein paar Tage weg ist, also wenn wir schnell alles aufessen müssen, was in der Kühltruhe vergammelt. Wir können dann nicht waschen oder kochen, wahrscheinlich nicht einmal etwas einkaufen, weil nichts ohne Strom geht. Mit dem Internet ist das dann in ein paar Jahren auch so einschneidend.

Wirtschaft + Weiterbildung: Hand aufs Herz: Als Blogger, Buchautor und Vortragsredner sind Sie selbst Teil der "Aufmerksamkeitsökonomie". Beschleicht Sie da nicht manchmal ein schlechtes Gewissen?

Dueck: In meinem Buch beschreibe ich, dass alles eine "weiße" und eine "schwarze" Seite hat. Ich kann im Internet oder in Büchern gute Inhalte liefern und ich kann andere im Netz manipulativ übervorteilen und an Werbung verdienen. Ich bleibe eben "weiß", was bei mir gut geht, weil ich ja "Rentner mit abgeschlossener Vermögensbildung" bin und einfach ohne jedes Problem unabhängig sein kann. Ich war aber auch früher schon so, auch unter Druck und Kritik, daher trage ich ja überall den Spitznamen "Wild Duck", was in Amerika den etwas störenden Querdenker bezeichnet. Ich möchte diese Antwort eigentlich nicht gegeben haben. Sie zwingen mich, etwas Gutes über mich zu sagen ...

"Einmal kommentierte mich im Netz jemand mit: 'Du bist im Herbst bestimmt zum Abschuss freigegeben.'" Gunter Dueck

Wirtschaft + Weiterbildung: Haben Sie schon einmal einen Shit-Storm erlebt und wie haben Sie sich gewehrt?

Dueck: Ab und zu werden Beiträge von mir als absoluter Quatsch abgetan. Das finde ich "normal". Das ist eben so. Nach der Regel: je bekannter mein Publikationsmedium, umso mehr Spritzflecken. Gegen ärgerliche Rezensionen kann ich mich ja nicht wehren, zum Beispiel nicht gegen eine Niedrigbewertung bei Amazon wie diese, wörtlich zitiert: "Bestimmt ein gutes Buch. Der Beschenkte hat es jedoch zu Weihnachten mehrfach bekommen. Wir haben es daher leider zurücksenden müssen." Und zack, hat das Buch bei Amazon nur noch vier Sterne im Schnitt. Einmal kommentierte jemand: "Du bist im Herbst bestimmt zum Abschuss freigegeben." Ich antwortete: "Du schießt bestimmt gern Böcke." Da hat dieser Jemand leider seinen Kommentar gelöscht. Bei einzelnen Beleidigungen frage ich lieber erst einmal, worum es geht und ob der Betreffende seine Gefühle erklären kann. Meist antworten sie dann gemäßigter, erklären wirklich, was sie meinen, und wir schließen Frieden – wir müssen uns ja nicht in der Sache einigen, können aber doch den Respekt wahren.  

Gunter Dueck war Professor für Mathematik und "Chief Technologie Officer" bei IBM. Seine beiden berühmtesten Bücher sind "Das Neue und seine Feinde" (2013) und "Schwarmdumm" (2015). Nun ist sein Buch "Flachsinn: Ich habe Hirn, ich will hier raus" erschienen. Daneben betreibt er den Blog www.omnisophie.com.

Zum Weiterlesen:

Schlagworte zum Thema:  Führung

Aktuell
Meistgelesen