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Auch Psyche und Stressempfinden des Mitarbeiters sind Themen des betrieblichen Arbeitsschutzes. Die psychische Gefährdungsbeurteilung hilft, Belastungen rechtzeitig zu erkennen. Bild: Haufe Online Redaktion

Der Arbeitgeber ist zur psychischen Gefährdungsbeurteilung als Maßnahme des Arbeitsschutz verpflichtet. Richtig ausgeführt kann sie aber eine entscheidende Grundlage für ein nachhaltiges BGM bilden und einem Großteil der psychischen Belastungen dauerhaft vorbeugen.  

Arbeitsüberlastung und ständige Unterbrechungen in Arbeitsabläufen gehören heute schon zu den häufigsten Ursachen für psychische Erkrankungen – und verursachen hohe  Produktivitätsverluste. In den nächsten fünf Jahren werden Störungen dieser Art noch beträchtlich zunehmen – das zeigt die Zukunftsstudie "#Whatsnext –gesund arbeiten in der neuen Arbeitswelt." Hinzu kommen gesundheitliche Beeinträchtigungen durch ein schlechtes Arbeitsklima und mangelnde Resilienz.

Der Gesetzgeber hat die Bedeutung des Themas erkannt. Für alle Arbeitgeber – vom Großkonzern, über Mittelständler, bis zum Kleinbetrieb – ist daher die regelmäßige fachkundige Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBpsych) mit der Ableitung und nachhaltigen Umsetzung gezielter Maßnahmen im Arbeitsschutzgesetz verpflichtend festgeschrieben. Die Ergebnisse ihrer Wirksamkeitsprüfung werden durch die zuständigen Aufsichtsbehörden (wie Gewerbeaufsichtsamt, Berufsgenossenschaften, Unfallkassen) kontrolliert und überwacht, die Nichtumsetzung wird geahndet.

Psychische Belastungen als Ansatzpunkt für die Gefährdungsbeurteilung  

"Zu psychischen Belastungen bei der Arbeit zählen alle äußeren Einflüsse, die das Erleben und Verhalten der arbeitenden Person beeinflussen", erklärt Conny Antoni, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Universität Trier. Solche Einwirkungen können beispielsweise aus der Arbeitsaufgabe selbst kommen (z.B. das Ausmaß an Verantwortung), aus der Arbeitsorganisation (z.B. die Länge oder Lage der Arbeitszeit), dem sozialen Umfeld (z.B. die Wertschätzung durch Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden) oder den Arbeitsbedingungen (z.B. Klimabedingungen oder ergonomische Gestaltung) stammen.

Psychische Belastung hängt von Bewältigungsstrategien ab

Die psychische Belastung bei der Arbeit kann förderliche oder beeinträchtigende Folgen haben. Positive Folgen sind zum Beispiel erhöhte Aktivierung und Lernzugewinn bei der arbeitenden Person. Negative Folgen sind etwa Monotonie als Folge eintöniger repetitiver Aufgaben oder Stresserleben, etwa aufgrund ständiger Unterbrechungen oder hohem Zeitdruck. "Wie stark eine gegebene psychische Belastung am Arbeitsplatz eine Person psychisch beansprucht, hängt", so Antoni, "von ihrer gegenwärtigen Verfassung, ihren zeitlich überdauernden Merkmalen und Bewältigungsstrategien ab."

Grenzwerte für psychische Belastung ermitteln

Führen Belastungen zu Gesundheitsgefährdungen spricht man von Fehlbelastungen. Fehlbelastungen und damit Gesundheitsgefährdungen gilt es zu vermeiden oder möglichst gering zu halten. Ähnlich wie bei der Beurteilung der zulässigen körperlichen Belastung müssen psychische Belastungen also ermittelt und gesundheitsgefährdende Grenzüberschreitungen beurteilt werden. Da meist keine allgemein verbindlichen Grenzwerte existieren, müssen die Akteure vor Ort Kriterien festlegen, ab wann Handlungsbedarf besteht.

Gefährdungsbeurteilung geht weit über den Arbeitsschutz hinaus

Die Gefährdungsbeurteilung und die darauf ansetzende Maßnahmenentwicklung erfordert Prozess- und Steuerungskompetenzen und fundiertes Fachwissen, denn der umfassende Blick auf Arbeitsbedingungen geht weit über den klassischen und eher technisch verstandenen Arbeitsschutz hinaus. Während in Großbetrieben häufig die hierfür erforderlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden können, mangelt es in Klein- und Mittelbetrieben an Ressourcen, insbesondere an arbeitspsychologischem Wissen und Erfahrung.

Veraltete Checklisten und Verfahren in der Gefährdungsbeurteilung

Internes Know-how muss aufgebaut und bei Bedarf durch externe Experten ergänzt werden. Bei der Gefährdungsbeurteilung kommen zudem noch Verfahren und Checklisten zum Einsatz, die aus wissenschaftlicher Sicht die modernen Arbeitsbedingungen nur unzureichend widerspiegeln und deren Güte nicht systematisch überprüft wird. "Wir wissen aus langjähriger Erfahrung, dass es nur mit ausreichender Expertise und fachlichen Kenntnissen möglich ist, Verfahren zur Beurteilung der psychischen Belastung sachgemäß (weiter) zu entwickeln oder zu vereinfachen", sagt Conny Antoni. "Wir legen daher allen Entscheidungsträgern nachdrücklich nahe, hierzu ausgewiesene Experten in den Prozess der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen einzubinden."


Hinweis: Kontaktadressen und weitere Informationen zur Unterstützung finden Sie in Kapitel "Psychische Gefährdungsbeurteilung: Informationen und Beratung" in diesem Top-Thema.   

Schlagworte zum Thema:  Psychische Belastung, Gefährdungsbeurteilung, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Arbeitsschutz

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