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Wie Beschäftigte mit Aus- und Weiterbildung für die Industrie 4.0 fit gemacht werden können, wird eines der HR-Themen 2017 sein. Bild: Haufe Online Redaktion

Digitalisierung und Industrie 4.0 verändern Jobprofile und die Anforderungen an berufliche Tätigkeiten. Die Plattform Industrie 4.0 hat jetzt entsprechende Handlungsempfehlungen für die Gestaltung von Aus- und Weiterbildung in Betrieben veröffentlicht.

Wie schafft Deutschland die Transformation zur Industrie 4.0? Antworten auf diese Frage erarbeitet die Plattform Industrie 4.0 unter der Leitung von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Bundesforschungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka sowie hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften. In themenspezifischen Arbeitsgruppen erarbeiten Expertinnen und Experten aus Unternehmen, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Bundesministerien operative Lösungsansätze.

Die Arbeitsgruppe Arbeit, Aus- und Weiterbildung der Plattform Industrie 4.0

Seit dem Frühsommer 2015 befasst sich die Arbeitsgruppe Arbeit, Aus- und Weiterbildung der Plattform Industrie 4.0 intensiv damit, welche neuen Kompetenzanforderungen Digitalisierung und Industrie 4.0 an die Beschäftigten stellen, wie sich Qualifizierung und Bildung für Industrie 4.0 gestalten lassen und welche Medien, Mittel und Formen des Lernens hierfür angemessen sind.

Erst kürzlich hatte der "Monitor Digitale Bildung" der Bertelsmann Stiftung gezeigt, dass in Berufsschulen und Ausbildungsbetrieben ist die Digitalisierung noch unterentwickelt ist. Sowohl Universitäten (vgl. Hochschul-Bildungsreport 2020) als auch die duale Ausbildung bereiten bisher zu wenig auf die Arbeitswelt der Industrie 4.0 vor. Ein laufendes Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) macht auf die insgesamt steigende Bedeutung von Bildung und Weiterbildung in der Arbeitswelt 4.0 aufmerksam: Die Digitalisierung beschleunige demnach den Strukturwandel und die Komplexität der auszuübenden Tätigkeiten steige.

Drei Handlungsfelder

Die Arbeitsgruppe „Arbeit, Aus- und Weiterbildung“ hat entsprechend für ihre Arbeit drei Handlungsfelder definiert, die wechselseitige Auswirkungen aufeinander haben:

  • In den vernetzen Informations- und Produktionsräumen müssen die Mensch-Maschine-Schnittstellen und -Kooperationen so gestaltet sein, dass sie dem Wohle des Menschen und der Innovationsfähigkeit der Unternehmen dienen.
  • Für die zusammenwachsenden Wertschöpfungsnetzwerke müssen die Rahmenbedingungen in der Organisation so gestaltet sein, dass Arbeiten und Lernen innerhalb der Prozesse leicht möglich ist.
  • Ausbildung und Qualifizierung in hybriden Tätigkeitsfeldern müssen so gestaltet sein, dass betriebliche Kompetenzentwicklung, prozessorientiertes Lernen und neue Lernformen unterstützt werden.

Industrie 4.0 in der Praxis: Handlungsempfehlungen für die Aus- und Weiterbildung

Auf dem IT-Gipfel in Saarbrücken hat die Arbeitsgruppe nun konkrete Handlungsempfehlungen zur Umsetzung von Industrie 4.0 im Mittelstand vorgestellt.  Die 68-seitige Broschüre „Die digitale Transformation im Betrieb gestalten – Beispiele und Handlungsempfehlungen für Aus- und Weiterbildung“ umfasst zahlreiche Praxisbeispiele, u.a. von ABB, Festo, Siemens, Bosch, SAP, Kuka und der Telekom, sowie umfangreiche Handlungsempfehlungen. Eine Kurzfassung dieser Empfehlungen stellen wir im Folgenden vor.

Die Veränderungen durch Industrie 4.0 und Digitalisierung laufen in unterschiedlichen Betrieben in unterschiedlicher Geschwindigkeit und Intensität ab. Deswegen geht es nach Überzeugung der Arbeitsgruppe (AG) jetzt darum, jeweils passgenaue Lösungen aus der und für die betriebliche Praxis zu entwickeln. Dazu gibt sie die folgenden sechsTipps.

Erstens: Veränderungen analysieren

Die Praxis zeigt: Unternehmen befinden sich zunehmend in einem Suchprozess nach den für sie vorteilhaften Schritten der Erprobung und Anwendung. In dieser Konstellation ist vielfach noch unklar, wo genau die neuen Anforderungen an Qualifikationen liegen und wie sie mit der Personal-, Qualifizierungs- und Organisationsentwicklung zu verbinden sind. Die AG empfiehlt, Instrumente zu nutzen, die helfen, ein realistisches und differenziertes Bild des Qualifizierungsbedarfs zu ermitteln.

Zweitens: Ausbildung betrieblich gestalten

Kompetenzen, Professionalität und Erfahrungen der Fachkräfte bilden auch zukünftig die Basis für ihre erfolgreiche berufliche Entwicklung und die Sicherung der Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit der Unternehmen. Durch die enge Verzahnung von Praxis und Theorie bieten sich in dualen Ausbildungen optimale Bedingungen, um dual Studierende und Auszubildende frühzeitig praxisnah zu qualifizieren. Die Arbeitsgruppe regt daher an, Spielräume in der Gestaltung von dualen Ausbildungen im Betrieb noch mehr als bisher zu nutzen.

Drittens: Flexible und stetige Weiterbildung ermöglichen

Bei der Weiterentwicklung der beruflichen Kompetenzen für eine digitalisierte Arbeitswelt werden neue Formen und Angebote in Weiterbildung und berufsbegleitendem Lernen erheblich an Bedeutung gewinnen.

Viertens: Substantiellen Veränderungen gerecht werden

Unternehmen und Beschäftigte setzen sich mit den zunehmenden, auch grundlegenden Veränderungen der Qualifizierungs- und Bildungsbedarfe auseinander und entwickeln dazu neue Lösungen. Die Verbindungen von Arbeiten und Lernen, von Theorie und Praxis, damit auch von Qualifizierung und Kompetenzentwicklung, sollten aus Sicht der Arbeitsgruppe verbessert und in neue Modelle für die Aus- und Weiterbildung, zum Beispiel auch für altersgemischte Teams, überführt werden. Die Arbeitsgruppe empfiehlt daher, Qualifizierung, Aus- und Weiterbildung sowie Kompetenzentwicklung grundsätzlich geschäftsprozessorientiert und flexibel zu gestalten, um dem kontinuierlichen Wandel gerecht zu werden.

Fünftens: Lernen am Arbeitsplatz befördern

Die Arbeitsgruppe regt Unternehmen und Beschäftigte an, gemeinsam neue Lern- und Führungskulturen in den Betrieben zu entwickeln. Am Ende könnten lernförderliche Arbeitsstrukturen und eine Kultur des lebensbegleitenden Lernens stehen, die persönliche Entwicklungsmöglichkeiten, Arbeitgeber-Attraktivität und Wettbewerbsvorteile schafft. Um den Menschen Angst vor Veränderungen zu nehmen, sind Information und Beteiligung unverzichtbar. Hierbei sind die betrieblichen Akteure besonders gefordert. Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft sind ein wichtiger Stellhebel dafür, gute lernförderliche Arbeitsbedingungen und zeitgemäße Qualifizierungsangebote organisieren zu können. Die Arbeitsgruppe regt die Unternehmen an, den Rahmen für mehr Lernen am Arbeitsplatz und damit für Weiterbildung zu schaffen, Arbeit altersgerecht lernförderlich zu gestalten und vermehrt arbeitsplatzintegrierte, flexible Lernformen zu nutzen.

Sechstens: Neue Medien sinnvoll nutzen

Die Nutzung digitaler Medien und entsprechender Schulungsangebote kann bei einem Lernkulturwandel hin zu Industrie 4.0 eine sinnvolle Unterstützung sein. Vor dem vermehrten Einsatz digitaler Medien, z. B. Lernspiele, Simulationen, Assistenzsysteme oder Anleitungsfilme, sollte genau geprüft werden, in welchen Lehr- und Lernprozessen sie sinnvoll genutzt werden können, um Weiterbildung näher an die Realität zu bringen und besser in die Arbeitsprozesse zu integrieren.

Hintergrund: Die Geschichte der Plattform Industrie 4.0

Industrie 4.0 gehört zu den im Aktionsplan Hightech-Strategie 2020 verabschiedeten Zukunftsprojekten. Die Bundesregierung griff damit die rasante gesellschaftliche und technologische Entwicklung in diesem Bereich auf und legte Strukturen für die Zusammenarbeit aller Akteure des Innovationsgeschehens in Deutschland. Der durch die Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft des BMBF eingesetzte Arbeitskreis Industrie 4.0 beleuchtete die Voraussetzungen für den erfolgreichen Aufbruch ins vierte industrielle Zeitalter. Im Oktober 2012 übergab der Arbeitskreis seinen Bericht unter dem Titel „Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0“.

Die Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI – sie repräsentieren zusammen über 6.000 Mitgliedsunternehmen – griffen die Aufforderung zur Fortführung und Weiterentwicklung des Projekts Industrie 4.0 auf und schlossen im April 2013 die Kooperationsvereinbarung, in Form einer ideellen thematischen Zusammenarbeit über Verbandsgrenzen hinweg die Plattform Industrie 4.0 zu betreiben. Der Start der Plattform Industrie 4.0 wurde offiziell auf der Hannover Messe 2013 bekannt gegeben.

Im April 2015 wurde die Plattform Industrie 4.0 ausgebaut – weitere Akteure aus Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik kamen hinzu.

Mehr zur Plattform Industrie 4.0 erfahren Sie unter www.plattform-i40.de.

 

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Serie "Berufsbilder der Zukunft"

Schlagworte zum Thema:  Industrie 4.0, Ausbildung, Weiterbildung, Human Resources (HR), HR-Management

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