13.12.2012 | Personalabbau

Aus dem Opel-Fall lernen

Dr. Laurenz Andrzejewski ist auch als der "Deutsche Trennungspapst" bekannt.
Bild: Haufe Online Redaktion

Mit kurzen Worten hat der Opel-Chef die Schließung des Bochumer Werks verkündet. Wie man in einer solchen Situation angemessen kommuniziert und welche weiteren Schritte nun folgen sollten, erklärt der Experte für Trennungsmanagement Laurenz Andrzejewski.

Haufe Online-Redaktion: Die Art der Kommunikation über das Aus des Bochumer Werks von Opel-Interimchef Thomas Sedran hat die Arbeitnehmer erzürnt. Was empfehlen Sie, wie man eine solche Botschaft angemessen übermittelt?

Laurenz Andrzejewski: Bei einer Werksschließung kommt es als spontane menschliche Reaktion regelmäßig zu Aufruhr und Widerstand. Die Menschen fühlen sich existenziell bedroht, geraten in Panik – durchaus nachvollziehbar. Die Mitarbeiter haben kaum Einfluss auf ihre Situation. So sucht sich der Unmut sichtbare Adressaten. Insbesondere die Art der Kommunikation wird angegriffen. Diese ist oft auch „unter aller Sau“, ich kann es nach zwanzig Jahren Erfahrung mit dem Thema "Trennungskultur" nicht freundlicher sagen. Meist fehlt es an Aufrichtigkeit und Klarheit. Das spüren die Mitarbeiter und das macht sie wütend.

Haufe Online Redaktion: Wie gelingt das besser?

Andrzejewski: Top- und Personalmanagement müssen folgende Aspekte beachten: Sämtliche, nur denkbar aufkommenden Fragen müssen vorher als „Was-Wenn-Fragen“ durchgespielt werden. Die Mitglieder im Topmanagement formulieren die Kernbotschaften. Verletzende und despektierliche Äußerungen, Lachen aus Verlegenheit an der falschen Stelle, sollen tunlichst unterbleiben. Insgesamt muss die Kommunikation kongruent gestaltet sein, sodass jeder – ob Topmanagement, Personaler oder Pressestelle – die gleichen Botschaften sendet. Das betrifft die Kernaussage, nicht die Formulierung. Da sollte jeder reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Haufe Online-Redaktion: Der Opel-Vorstand ließ sich durch Security-Angestellte aus der Betriebsversammlung geleiten. Wäre hier nicht mehr persönliche Nähe gefragt?

Andrzejewski: Sicher wünschen sich die Mitarbeiter in einer solchen Situation die Nähe des Topmanagements. Sie wollen die Schuldigen zu fassen kriegen und den Raum haben, ihre Sorgen auszusprechen. Wenn man im beruflichen Alltag mit den Arbeitnehmern anständig umgegangen ist, dann hat das Topmanagement selbst in einer solchen Situation kaum tätliche Angriffe zu befürchten. Hinzu kommt aber auch, dass es bei Großveranstaltungen real die Gefahr einer unberechenbaren Dynamik gibt, sodass ein vorsorglicher Personenschutz durchaus angebracht erscheint.

Haufe Online-Redaktion: Welche weiteren Schritte würden Sie nun dem Opel-Management anraten, um ein professionelles Trennungsmanagement einzuleiten?

Andrzejewski: Es gilt ganz praktische Elemente handwerklich sauber vorzubereiten, wie die Beantwortung der fünf Basisfragen: "Wer führt wann, mit welchen Inhalten, wo und wie lange das persönliche Trennungsgespräch?" Zudem sollten die Manager und Personaler den größeren Zusammenhang der Entscheidung erläutern. Auch, wenn nicht jeder Mitarbeiter die Erklärungen sofort akzeptiert, auf Dauer verstehen die Menschen schon. Und: Chefs und Personalmanager sollten vor Ort sein, ansprechbar, sichtbar, greifbar. Bis zum letzten Tag.

Haufe Online-Redaktion: Was raten Sie speziell Personalern, die einen Personalabbau im Unternehmen durchführen müssen?

Andrzejewski: Personaler sitzen beim Personalabbau zwischen allen Stühlen: Als Vollstrecker des Topmanagements, als Coach der Führungskräfte, als Beichtvater der betroffenen  Mitarbeiter. Insgesamt lässt sich sagen, dass nur mit Humanität und Fairness solch ein Prozess gelingen kann. HR-Manager fordere ich als Wahrer und Mahner auf, Verantwortung zu übernehmen für die Qualität der Durchführung solcher Werksschließungen. Ich ermutige Sie: Rückgrat aufrecht, Brust raus – reden Sie Klartext mit Ihrem Topmanagement!

Dr. Laurenz Andrzejewski ist Gründer und Inhaber der Management- & Karriereberatung "Management 1x1". Er ist Autor des Buchs "Trennungs-Kultur und Mitarbeiterbindung – Kündigungen fair und nachhaltig gestalten" (3. Auflage 2008, Wolters Kluwer Verlag, Köln).

Das Interview führte Kristina Enderle da Silva.

Schlagworte zum Thema:  Personalabbau, Kündigung, Trennungsmanagement

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