| Diversity Management

Otto setzt auf das Potenzial seiner Pensionäre

Otto holt Rentner zurück in den Job, um ihr Erfahrungswissen zu nutzen.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Angesichts des demografischen Wandels wird viel über die Mobilisierung von Frauen, Migranten und älteren Arbeitnehmern diskutiert. Otto geht nun einen Schritt weiter und beschäftigt seine Pensionäre für kurze Arbeitseinsätze. Dafür erntet der Hamburger Versandhändler Kritik vom DGB.

Als eine weitere Maßnahme des konzernweiten Diversity Managements hat Otto zum 1. Mai die Otto Group Senior Expert Consultancy GmbH gegründet. Das Besondere daran: Die Tochterfirma beschäftigt ausschließlich Pensionäre des Handelskonzerns. Bei kurzfristigen Engpässen von Fachkräften im Konzern sollen diese im Rahmen eines befristeten Arbeitsvertrages je nach Bedarf und Qualifikation aushelfen, solche Lücken im Arbeitsprozess zu schließen. Im Grunde gehe es dabei auch darum, das hohe Erfahrungswissen dieser Zielgruppe anzuzapfen, das zurzeit kaum genutzt werde, erklärt Sandra Widmaier, Direktorin Konzern Personal.

Bewerben können sich alle ehemaligen Otto-Mitarbeiter, die mindestens 65 Jahre alt sind, über Spezial-Fachwissen verfügen, sich geistig und körperlich fit fühlen und Lust haben, ein- bis zweimal die Woche wieder ins Büro zurückzukehren. Zum Einsatz kommen die willigen Rentner zurzeit vorwiegend im IT-Bereich, teilte eine Sprecherin mit. Künftig seien aber auch die Bereiche Finanzen, Personal und Einkauf denkbar. Die Pensionäre übernehmen dabei vor allem die Rolle eines Coachs beziehungsweise Beraters. Im ersten Jahr des Bestehens der Otto Group Senior Expert Consultancy GmbH könnten so deutschlandweit circa 50 bis 60 Rentner im Konzern eingesetzt werden, wird intern geschätzt.

Kritik hagelt es vonseiten des DGB

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) wird das Vorhaben von Otto allerdings kritisch betrachtet. Hamburgs DGB-Chef Uwe Grund warnt gar vor einer Mobilisierung von Rentnern in Unternehmen. Grundsätzlich sei zwar nichts dagegen einzuwenden, wenn Firmen wie der Handels- und Dienstleistungskonzern Otto ihre Rentner und Pensionäre aus dem Ruhestand holen und von ihrem Fachwissen profitieren wollen. Das dürfe aber nie die Regel werden. Nicht dass es dann plötzlich heiße: "Opa arbeitet, die Tochter ist in befristeter Leiharbeit und der Enkel wird nach der Ausbildung nicht übernommen", gibt Grund zu bedenken.

Der Gewerkschaftler erinnerte dabei an die Leiharbeit, die ehedem kurzfristige Auftragsspitzen und Personalengpässen abfedern sollte. "Längst wird sie aber großflächig missbraucht, um Stammbeschäftigte aus Firmen hinauszudrängen und Dumpinglöhne durchzusetzen", so Grund weiter.

Win-Win-Situation für beide Seiten

Konfrontiert mit den Bedenken, reagiert der Handelskonzern besonnen und betont, dass die Einsätze der Ruheständler immer nur projektbezogen und für höchstens 50 Tage pro Jahr erfolgen würden. Die Befürchtungen des DGB seien also völlig unbegründet. Dass die "Veteranen" darüber hinaus jüngeren Mitarbeitern Vollzeitstellen abspenstig machen könnten, sei damit auch ausgeschlossen, betont eine Sprecherin des Versandhändlers.

Zu guter Letzt könnten beide Seiten davon nur profitieren, ist Widmaier überzeugt, die zugleich als Geschäftsführerin der Otto Group Senior Expert Consultancy GmbH fungiert. Warum? "Ehemalige Mitarbeiter, die jetzt in Rente sind, genießen oftmals das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden und freuen sich über die Möglichkeit des Zusatzverdienstes zur Rente. Als Unternehmen nutzen wir ihren Erfahrungsschatz und Leistungsstandard, zumal sie diesen meist ohne Einarbeitungszeit einbringen können", so Widmaier weiter.

Dass das Konzept aufgeht, zeigt die gute Resonanz. Zwar sei dieses Vorhaben erst seit eineinhalb Wochen intern bekannt, aktuell seien allerdings schon über 20 Bewerbungen eingegangen, teilte eine Unternehmenssprecherin auf Nachfrage mit.

Schlagworte zum Thema:  Diversity, Fachkräftemangel, Talent Management, Rentenbesteuerung

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