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24.05.2016 | Serie Onboarding

Wie integriert man... Flüchtlinge?

Serienelemente
Fabian Lorenz ist Leiter Personalmanagement im Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim.
Bild: Daimler AG

Der Autokonzern Daimler ebnet mit Brückenpraktika Flüchtlingen den Weg in den deutschen Arbeitsmarkt. Im Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim steuert Fabian Lorenz das Projekt. Im Interview erläutert er Herausforderungen und Chancen beim Onboarding und der Integration von Menschen aus fremden Kulturen.

Haufe Online-Redaktion: Herr Lorenz, Daimler bietet allein im ersten Halbjahr 2016 rund 300 Praktika für Flüchtlinge an. Zudem stellt das Unternehmen 50 zusätzliche Ausbildungsplätze für Flüchtlinge zur Verfügung. Wie wählen Sie die Kandidaten aus?

Fabian Lorenz: Unser Brückenpraktikum entstand in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit. Gemeinsam mit den Jobcentern übernehmen die Arbeitsagenturen die Auswahl der Teilnehmer. Diese Entscheidung haben wir bewusst getroffen. Hier profitieren wir von der Einschätzung der Kollegen; sie verfügen über die nötige Erfahrung in der Beurteilung und Unterstützung von arbeitssuchenden Menschen. Kriterien wie die Nähe zum Einsatzort, die Qualifikationen und das Sprachniveau der Flüchtlinge spielen eine wichtige Rolle. Der Erfolg des ersten abgeschlossenen Brückenpraktikums im Werk Untertürkheim bestätigt uns darin, die Aufgabenteilung und sehr gute Zusammenarbeit mit den Behörden auch in Zukunft beizubehalten. Der Bewerbungsprozess für die 50 zusätzlichen Ausbildungsplätze ist ein anderer. Hier liegt die Auswahl der Bewerber in unseren Händen. Wer uns mit seiner Persönlichkeit überzeugt, die nötigen Sprachkenntnisse und Qualifikationen mitbringt und unsere Begeisterung für Autos teilt, kann sich einen Ausbildungsplatz sichern.

Haufe Online-Redaktion: Was sind Ihre Erfahrungen – was läuft rund, wo hapert es?

Lorenz: Das Programm ist ein voller Erfolg. Das Brückenpraktikum dauert 14 Wochen und besteht aus einem praktischen Teil in der Produktion und einem begleitenden Deutschkurs. Nahezu alle 40 Teilnehmer des ersten Brückenpraktikums im Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim haben Angebote von Zeitarbeitsfirmen für eine Weiterbeschäftigung in der Industrie, Angebote aus dem Mittelstand und Handwerk oder für einen Ausbildungsplatz bei Daimler erhalten.

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Unsere Erfahrungen sind daher sehr gut. Die Teilnehmer sind wissbegierig und sehr motiviert. Wenn man Menschen zusammenbringt und sie miteinander reden und arbeiten, verflüchtigen sich mögliche Berührungsängste schnell. Alleine in Untertürkheim hatten wir Praktikanten aus sechs verschiedenen Nationen im Einsatz. Das funktioniert nur, wenn sich alle mit Respekt und Offenheit begegnen – das haben wir hier geschafft.

Haufe Online-Redaktion: Wie hat die Verständigung geklappt?

Lorenz: Nach Abschluss des ersten Brückenpraktikums waren die Deutschkenntnisse bei nahezu allen Praktikanten gut genug, um direkt weitervermittelt werden zu können. Unsere Auftaktveranstaltung haben wir zum Beispiel in drei Sprachen gehalten, die Abschlussveranstaltung fand nur in Deutsch statt. Das liegt nicht nur am täglichen Deutschunterricht. Der wichtigste Aspekt ist, dass unsere Brückenpraktikanten das Gelernte direkt bei der Arbeit anwenden können. Die Teilnehmer profitieren vom Mix aus Sprachunterricht und praktischem Einsatz. Das Konzept Brückenpraktikum hat sich so bewährt, dass alleine im ersten Halbjahr weitere zwölf Mercedes-Benz-Werke Brückenpraktika nach demselben Modell anbieten, weitere folgen im zweiten Halbjahr 2016.

Haufe Online-Redaktion: Also keine Verbesserungswünsche – zum Beispiel an die Adresse der Politik?

Lorenz: Es gibt einen rechtlichen Flexibilisierungsbedarf. Den haben wir auch bei der Politik angemeldet. All die Dinge, die im Moment schon sehr pragmatisch gelebt werden, müssen auch durch die entsprechenden Verordnungen rechtssicher gemacht werden. Besonders beim Thema Arbeitsgenehmigungen braucht es ein höhere Flexibilität und Geschwindigkeit.

Haufe Online-Redaktion: Belasten die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge, zum Beispiel traumatische Erlebnisse wie Krieg oder Verlust von Angehörigen, die Integration im Unternehmen?

Lorenz: Die Menschen haben bewegende und schwierige Erlebnisse hinter sich. Viele sind vor Krieg, Hunger und Verfolgung geflohen. Aus unserer Sicht ist es wichtig und richtig, ihnen eine Perspektive und eine faire Chance auf einen Neuanfang in Deutschland zu bieten. Unser Brückenpraktikum kann ein Puzzleteil dazu sein.

Haufe Online-Redaktion: Wie begleiten Sie die Flüchtlinge neben der Arbeit? Gibt es Unterstützung „nach Feierabend“?

Lorenz: Unser Bestreben ist es, die Praktikant eng zu betreuen. Die neuen Kollegen werden nicht ins kalte Wasser geschmissen. Neben der fachlichen Einarbeitung stehen den Brückenpraktikanten sogenannte Paten zur Seite. Diese sind die ersten Ansprechpartner für Fragen bei der Arbeit und darüber hinaus.

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Die Bereitschaft der Kollegen sich zu engagieren ist sehr groß, unsere Paten haben sich mit viel Herzblut und Begeisterung eingebracht. Unsere Praktikanten können außerdem kostenlos an den Kursen der SG Stern, unseres Betriebssportvereins, teilnehmen.

Haufe Online-Redaktion: Welche Perspektive haben erfolgreiche Teilnehmer bei Daimler?

Lorenz: Wir haben in den letzten Jahren 6.000 Mitarbeiter aus Zeitarbeitsfirmen in Festanstellung übernommen. Da können wir Flüchtlinge nicht gegenüber jemandem bevorzugen, der schon über einen längeren Zeitraum über eine Zeitarbeitsfirma für uns arbeitet und gewissermaßen das ältere Recht hat. Das würde zu Spannungen führen, die wir nicht wollen. Unser Ziel ist es, den Teilnehmern eine Brücke in den deutschen Arbeitsmarkt zu bauen. Wir sind nicht diejenigen, die massiv Arbeitskräfte suchen. Gleichzeitig gibt es in deutschen Handwerksbetrieben Tausende unbesetzte Stellen.

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Aber diese Betriebe sind oft überfordert, die Infrastruktur und die Begleitung sicherzustellen, um Mitarbeiter aus fremden Kulturen einzubinden. Wir als Großkonzern können mit unserer Infrastruktur und Kraft diese Aufgaben aber übernehmen. Dazu erhalten die Flüchtlinge während der Deutschkurse in unserem Brückenpraktika auch ein Bewerbungscoaching, hier werden Bewerbungsgespräche geübt und Bewerbungsunterlagen erstellt. Nahezu alle 40 Teilnehmer haben zum Ende des ersten Programms Angebote von Zeitarbeitsfirmen für eine Weiterbeschäftigung in der Industrie und in Handwerksbetrieben erhalten. Zwei der Teilnehmer des Untertürkheimer Brückenpraktikums werden im Herbst eine Ausbildung bei uns beginnen.

Haufe Online-Redaktion: Wie wollen Sie Ihr Engagement für Flüchtlinge fortsetzen?

Lorenz: Das Miteinander verschiedener Kulturen und Nationalitäten ist bei Daimler seit Jahrzehnten Tradition. Allein in Deutschland arbeiten Kollegen aus rund 140 Nationen zusammen. Wir sind der Meinung, dass Vielfalt zu besseren Ergebnissen führt. Deshalb fordern wir diese Vielfalt nicht nur, wir fördern sie aktiv. Ein Aspekt dieses Ansatzes ist es, unsere Verantwortung in der Integration und Flüchtlingshilfe wahrzunehmen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Es freut mich ganz besonders, dass wir mit dem Brückenpraktikum in Untertürkeim Vorreiter für die Brückenpraktika an unseren anderen Standorten sind. Wir haben gezeigt, dass das Konzept funktioniert – jetzt freuen wir uns auf die zweite Runde des Brückenpraktikums hier in Untertürkheim, das in der zweiten Jahreshälfte starten wird. Daimler ist im Bereich Flüchtlingsengagement schon lange aktiv. Bereits 2013 haben wir den ersten Hilfskonvoi in ein syrisches Flüchtlingslager an der Grenze zur Türkei geschickt. Über die Brückenpraktika hinaus bieten Werke, Niederlassungen und EvoBus schon länger Praktika, Einstiegsqualifizierungen und Ausbildungsplätze für junge Flüchtlinge an. Außerdem engagiert sich Daimler für Flüchtlinge, indem wir verschiedene Hilfsorganisationen und gemeinnützige Vereine mit Spenden und auch mit Manpower unterstützen.

Das Interview führte Christoph Stehr.

 

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OnBoarding, Flüchtlinge, Recruiting, Mitarbeiterbindung, Auszubildende

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