| HR-Management

Obskure Menschenkenner: Wie Personaler Inkompetenz beweisen

Tatjana Strobel tourt derzeit durch die Talkshows in Deutschland und deutet dort und für diverse Zeitschriften die Gesichter der Menschen. Ihr letztes Buch schaffte es in die Spiegel-Bestseller-Liste. Und tatsächlich setzen manche Personaler solche "Menschenkenntnis" in der Personalauswahl ein. Psychologe Uwe Kanning übt heftige Kritik.

Haufe Online-Redaktion: Was ist davon zu halten, dass Tajana Strobel an Gesichtszügen Charaktereigenschaften abliest?

Uwe P. Kanning: Das ist eine eindeutig unseriöse diagnostische Methode. Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass man anhand der Augen- oder Nasenform, der Gesichtszüge oder Ähnlichem die Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen erfassen kann. Tatjana Strobel geht zudem noch über die klassische Psycho-Physiognomik, bei der vor allem die Schädelform gedeutet wird, hinaus. Sie interpretiert zum Beispiel auch die Augenfarbe und den Bartwuchs. Hierdurch wird das Deuten zwar unterhaltsamer, insgesamt ist alles aber nur ein Sammelsurium ausgedachter Interpretationen ohne belastbare empirische Belege.

 

Haufe Online-Redaktion: Strobel erklärt, dass, wenn man genau hinsieht, sich die Gesichter im Lauf der Zeit verändern – je nach Belastungen oder Glückssträhnen im Leben …

Kanning: Diese Interpretation ist nicht sinnvoll. Natürlich altern wir alle und bekommen Falten. Es gibt aber keine fundierten Hinweise darauf, dass die Art der Falten in einem systematischen Zusammenhang zu den Lebenserfahrungen des Menschen steht.

 

Haufe Online-Redaktion: Die Schweizer Personalfachzeitschrift "HR Today" berichtet auf drei Seiten unkritisch über Tatjana Strobel. Sie sei durch Indien und Sri Lanka gereist, um zu erfahren was die uralte Wissenschaft der Physiognomik noch bereit hält, ist dort zu lesen. Die "uralte Wissenschaft" wird als Beleg herangezogen …

Kanning: Das wirkt auf mich, wie eine reine Marketingstrategie. Nur weil etwas alt ist, bedeutet das nicht, dass es auch richtig ist. Ebenso gut könnte man behaupten, die Sonne drehe sich um die Erde, schließlich haben Menschen dies Jahrtausende lang geglaubt. Mit solchen Argumenten katapultiert man sich intellektuell zurück ins Mittelalter. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Tatjana Strobel Indien und Sri Lanka bereist hat. Ein anderer Physiognomiker bezieht sich auf altes chinesisches Wissen. Wieder Andere sehen den Deutschen Carl Huter als den Begründer der Psycho-Physiognomik.

 

Haufe Online-Redaktion: Im Klartext: Physiognomik ist keine wissenschaftliche Methode für Personaler in der Personalauswahl?

Kanning: Physiognomik ist die Negation wissenschaftlich fundierter Personalarbeit. Die Wissenschaft versucht, Glauben durch Wissen zu ersetzen. Vertreter der Physiognomik stellen hingegen Glaubenssätze als Tatsachen dar. Für die Personalauswahl ist der Ansatz völlig ungeeignet. Besser als durch den Einsatz der Schädeldeutung kann man als Personaler seine diagnostische Inkompetenz kaum dokumentieren. Dabei ist die Physiognomik auch eine Katastrophe für das Personalmarketing: Wer seinen Bewerbern signalisiert, dass man sich mehr für die Form einer Nase interessiert, als für Ausbildung oder Auslandserfahrung, schreckt all jene Kandidaten ab, die gewohnt sind, ihren Verstand einzusetzen.

 

Haufe Online-Redaktion: Nichts desto trotz bietet Strobel sogar eine Ausbildung zum "Menschenkenner" an. Sie ist zudem eine TÜV-zertifizierte Trainerin.

Kanning: Auch das ist nicht viel mehr als Marketing. Das TÜV-Zertifikat suggeriert auf den ersten Blick, dass es für eine qualitativ hochwertige Ausbildung stehen würde – vergleichbar zum Auto. Es bedeutet jedoch nur, dass man im Vorhinein gewisse Ausbildungsregeln festgelegt hat und der TÜV überprüft, ob diese Regeln eingehalten werden. Das Zertifikat sagt rein gar nichts darüber aus, ob die im Training vermittelten Inhalte Hand und Fuß haben.

 

Haufe Online-Redaktion: In Strobels aktuellem Buch geht es um die Interpretation von Mimik und Körpersprache. Was ist davon zu halten?

Kanning: Auch das ist problematisch. Hier sind zwei Perspektiven zu unterscheiden: Einerseits gibt es Forschung dazu, wie wir die Körpersprache eines anderen Menschen erlebt. Dieses Wissen kann man zum Beispiel in Kommunikationstrainings einsetzen, wenn es darum geht, in bestimmter Art und Weise auf andere zu wirken. Wenn man dies aber einfach umkehrt, also anhand der Körpersprache ernsthaft interpretieren möchte, welche Eigenschaften jemand tatsächlich besitzt, bewegt man sich wieder im unseriösen Bereich. Die Forschung zeigt, dass es keine eindeutigen Interpretationen einzelner körpersprachlicher Äußerungen gibt. Man kann zum Beispiel aus der Tatsache, dass jemand die Augen niederschlägt, nicht einfach herauslesen, dass die Person lügt.

 

Prof. Dr. Uwe P. Kanning

ist seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Die Personaldiagnostik gehört zu seinen Forschungsschwerpunkten.

 

Das Interview führte Kristina Enderle da Silva.

Aktuell

Meistgelesen