Frauen möchten nicht von Robotern rekrutiert werden: Eine Online-Umfrage der Messe "Women & Work" ergab, dass rund drei Viertel auf KI basierende Bewerbungsverfahren ablehnen. Etwa 90 Prozent der Befragten sind nicht überzeugt, dass Auswahlverfahren durch den Einsatz von Algorithmen gerechter werden.

Auf Algorithmen basierende Auswahlverfahren können Recruitern Arbeit abnehmen und sind weniger von Vorurteilen geprägt, falls sie entsprechend programmiert wurden. So lässt sich zumindest der Tenor zusammenfassen, der aktuell die Debatte in der HR-Community bestimmt. Dabei bleibt allerdings außen vor, ob die Bewerber die neuen Technologien im Recruitingprozess auch annehmen oder sich durch deren Einsatz von einer Bewerbung abschrecken lassen.

Die aktuelle Online-Umfrage „Algorithmen im Bewerbungsprozess – Traum oder Alptraum?“, die der Veranstalter der Messe "Women &  Work" vom 15. Mai bis 30. Juni 2018 durchführte, widmet sich der Haltung von Frauen gegenüber dem sogenannten Roboter-Recruiting. Speziell unter Bewerberinnen scheint es mit einer Akzeptanz von KI im Recruiting demnach nicht weit her zu sein.

Frauen trauen KI keine Flexibilität zu

111 Frauen nahmen an der nicht-repräsentativen Umfrage teil. Die Mehrheit der Befragten (90,1 Prozent) lehnt es ab, die Entscheidung über die Einstellung und den weiteren Karriereverlauf den Algorithmen zu überlassen. Mehr als drei Viertel der Umfrage-Teilnehmerinnen (88,3 Prozent) bevorzugen stattdessen die Möglichkeit der Kontaktaufnahme auf Veranstaltungen und wünschen sich persönliche Ansprechpartner auf Karrierewebseiten. Während knapp die Hälfte der befragten Frauen (40,5 Prozent) den Online-Formularen auf Karrierewebseiten noch positiv gegenüber eingestellt sind, lehnen 66,7 Prozent den algorithmisch automatisierten Abgleich ihrer Bewerbungsdaten, Stärken und Kompetenzen mit den Anforderungen des Unternehmens ab.

„Flexibilität und die Fähigkeit auf spontane Situationen sowie den jeweiligen Gesprächs- und Verhandlungspartner einzugehen, wird immer wichtiger. Standardisierte Verfahren und Auswertungen sind daher absolut kontraproduktiv“, kommentiert eine Umfrageteilnehmerin. Und eine andere findet, wenn Arbeitgeber exzellente Mitarbeitende gewinnen wollen, sollten sie sich auch die Zeit nehmen, mit diesen ins Gespräch zu kommen. „Das hat für mich etwas mit Wertschätzung als potentieller Mitarbeiterin zu tun.“

KI als gerechtes Selektionskriterium? Frauen zweifeln daran

Die viel diskutierte Meinung, dass Algorithmen und KI-Systeme für gerechtere Auswahlverfahren sorgen, teilen 90,9 Prozent der befragten Frauen nicht. „Da die KI-Systeme von einigen wenigen Menschen programmiert werden, die meistens nicht mal im Personalbereich des jeweiligen Unternehmens arbeiten, halte ich die Systeme für sehr fehleranfällig“, schreibt eine Teilnehmerin. Und eine andere lehnt den Einsatz von KI-Systemen und Algorithmen zwar nicht gänzlich ab, hält ihn aber nur dann für wirklich sinnvoll, „wenn die Grundlagen von Stellenbeschreibungen und Eingabemöglichkeiten in Onlineportalen selbst schon so neutral formuliert sind, dass Missverständnisse durch mangelhafte Übersetzungen oder eine störanfällige Wortwahl von vornherein ausgeschlossen werden können.“

Kontakt mit Menschen bleibt wichtigster Ankerpunkt im Bewerbungsverfahren

75,7 Prozent möchten daher nach wie vor auch beim Erstkontakt mit einem potenziellen Arbeitgeber mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht sprechen können. Insgesamt 96,4 Prozent der Befragten den Auswahlentscheidungen Künstlicher Intelligenz über ihre Bewerbung nicht mehr als der Selektion von Menschen. Auch Chat-Bots, Spracherkennungsprogramme oder automatisierte Abgleiche von Lebenslaufdaten mit Stellenbeschreibungen halten 89,2 Prozent gar nicht oder nur zum Teil für sinnvoll. „Der Einsatz kann sinnvoll sein bei harten Faktoren wie Ausbildung, Zusatzqualifikationen oder fachlichen Schwerpunktangaben. Die Fähigkeit, zwischen den Zeilen lesen zu können und ein Gespür für die passenden Mitarbeiter jenseits harter Daten und Fakten zu haben, behalte ich jedoch jetzt und in Zukunft ausdrücklich dem Menschen vor“, schreibt eine Teilnehmerin dazu.

Aufgabe für Recruiter: Candidate Journey überdenken

„Ethische Werte und Moral spielen bei Frauen nicht nur bei der Wahl des zukünftigen Arbeitgebers eine immer wichtigere Rolle, sondern auch bei der Art und Weise der Bewerbungs- und Einstellungsverfahren“, kommentiert Melanie Vogel, Initiatorin der "Women & Work", die Ergebnisse. In Zeiten einer fortschreitenden Digitalisierung spiegelten Frauen „einen deutlich humanistischen Zeitgeist, der sich parallel zur technologischen Entwicklung durchsetzt“. Der Messemacherin zufolge sollten Arbeitgeber diese Haltung unbedingt bei der „Candidate Journey“ von Frauen berücksichtigen.

Werden durch diese Einschätzung Klischees der Menschlichkeit oder Technikfeindlichkeit von Frauen bedient? Da keine männliche Vergleichsgruppe vorliegt, bleibt diese Frage im Raum. Doch die Ergebnisse liefern dennoch wichtige Anhaltspunkte, dass Recruiter den persönlichen Kontakt mit Bewerberinnen nicht Algorithmen und Bots überlassen sollten. Möglicherweise ist zudem mehr Aufklärungsarbeit vonnöten, wie KI im Bewerbungsprozess funktioniert und wann sie überhaupt zum Einsatz kommt.


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Schlagworte zum Thema:  Künstliche Intelligenz (KI), Recruiting