Es diskutieren: Prof. Dr. Martin Boehm von der IE Business School (links) und Prof. Dr. Jens Wüstemann von der Mannheim Business School (rechts). Bild: IE Business School / Mannheim Business School

Können Online-MBAs künftig Präsenzprogramme an Business Schools ersetzen? Ja, sagt Martin Boehm, Dean der IE Business School Madrid. Dagegen hält Professor Jens Wüstemann, Präsident der Mannheim Business School. Hier sind die Pro- und Contra-Argumente, die die beiden rund um den Online-MBA liefern.

Frage eins: Beim MBA spielt das Lernen der Teilnehmer voneinander eine wichtige Rolle. Wie gut funktioniert das online?

Martin Boehm:

"Wir an der IE Business School nutzen zwei Formate für die Interaktion online: Videokonferenzen und Foren. Die Videokonferenzen bieten den Vorteil einer Interaktion ähnlich wie in der realen Welt. Die Foren bieten ein höheres Maß an Flexibilität, da nicht alle Teilnehmer des Kurses immer zur gleichen Zeit verbunden sein müssen. Unsere Erfahrung zeigt, dass diese Formen der Online-Interaktion teilweise der Interaktion in der realen Welt sogar überlegen sind. Online-Foren bieten zum Beispiel die Möglichkeit, viel tiefer in die Thematik einer Falldiskussion einzusteigen. Studenten haben Zeit zu recherchieren, um eine qualifiziertere Antwort zu formulieren. Somit steigt auch die Qualität der geführten Diskussion."

Jens Wüstemann:

"Ich erinnere mich dabei gerne an die Abschiedsrede des Kurssprechers unseres zweiten MBA-Jahrgangs im Jahr 2004. Er sagte sinngemäß: 'Ich kann jede Menge Bücher über die Sixtinische Kapelle lesen, mir Bildbände und Filme ansehen. Aber nichts kann die Sinneseindrücke bei einem Besuch dieses Bauwerks ersetzen.' Diese Worte übertrug er auf seine MBA-Erfahrung und kam zu dem Schluss, dass es für alle ungemein bereichernd war, über kulturelle oder fachliche Grenzen hinweg miteinander und voneinander zu lernen. Ich bin der Überzeugung, dass dies in einem reinen Online-Programm nicht in der gleichen Qualität darstellbar ist."


Frage zwei: Lassen sich persönliche Kontakte wirklich durch Online-Kommunikation ersetzen?

Boehm:
"An der IE Business School bieten wir nur sogenannte 'blended' Programme an. Sie kombinieren Präsenzunterricht mit dem Onlineunterricht. Dieses Modell erlaubt es den Studenten, sich zunächst in der realen Welt kennenzulernen und diese persönlichen Beziehungen später auch online weiterzuführen. Wir kennen dieses Phänomen wohl alle aus unserem Privatleben. Es gibt keine Probleme dabei eine Person persönlich kennenzulernen und diese Bekanntschaft später online zum Beispiel über Facebook zu pflegen. Es ist jedoch um einiges schwieriger, eine Beziehung mit einer unbekannten Person über Facebook aufzubauen. Unsere Erfahrung hat zudem gezeigt, dass der Zusammenhalt der Studenten, die vor allem online kommunizieren, untereinander teilweise stärker ausgeprägt ist als bei Präsenzstudenten."

Wüstemann:

"Meines Erachtens ist das nicht möglich. Jeder kennt zum Beispiel den Fall, in dem man eine Person schon lange durch Telefon- oder E-Mail-Konversationen kennt, aber beim ersten persönlichen Zusammentreffen nochmals einen vollkommen neuen, mitunter anderen Eindruck vom Gegenüber erhält. In unseren Programmen legen wir großen Wert auf das Lernen von- und miteinander; es ist sogar ein Grundpfeiler unseres pädagogischen Konzepts. Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Präsenzgruppe sich anders organisiert und Konflikte auf eine andere Weise austrägt als ein rein virtuelles Team. Aber ich halte gerade diese Erfahrungen für einen wichtigen Teil eines MBA-Programms. Das wird auch immer wieder in Gesprächen mit unseren Alumni deutlich."


Frage drei: Im Klassenzimmer hat der Professor alle Teilnehmer im Blick und kann persönlich auf sie eingehen. Wie soll das online funktionieren?

Boehm:

"Insbesondere in Videokonferenzen mit zahlreichen Teilnehmern ist dies sehr schwierig umzusetzen. Aus diesem Grund haben wir bereits vor Jahren die maximale Anzahl an Studenten im virtuellen Hörsaal auf unter 40 Studenten beschränkt. Dennoch wollten wir die Interaktion insbesondere zwischen den Professoren und den Studenten verbessern. Aus diesem Grund haben wir den sogenannten 'Wow'-Room entwickelt. Der 'Wow'-Room besteht aus einer 15 mal drei Meter großen Videowand und ermöglicht somit dem Professor, alle Studenten auf einmal im Blick zu haben – ganz wie in einem traditionellen Hörsaal."

Wüstemann:

"Grundsätzlich gibt es technisch schon viele Möglichkeiten. Aber ob ein Dozent wirklich in gleicher Weise wie beim Präsenzunterricht erkennt, ob das Lerntempo angemessen ist, die Inhalte verstanden wurden oder ob es Klärungsbedarf gibt, halte ich für fraglich. Und die Integration von Gruppenarbeit, die bei uns inklusive anschließender Präsentationen und Diskussionen zentraler Bestandteil unserer Lehrveranstaltungen ist, ist meines Erachtens kaum darstellbar. Ganz davon abgesehen, würde ich als Lehrender die vielen spannenden Gespräche vor und nach den Veranstaltungen sowie in der Kaffeepause vermissen, in denen ich wichtige Impulse für meine Arbeit erhalte."


Frage vier: Welche Rolle spielen Massive Open Online Courses (Moocs) beim Online-Unterricht?

Boehm:

"Moocs sind eine exzellente Möglichkeit, um das Konzept des 'Flipping the classroom' zu implementieren, also sich das notwendige Wissen zuerst online anzueignen. Moocs sind in der Regel darauf fokussiert, in effizienter Weise Theorie zu vermitteln. Ihre Nutzung erlaubt es somit, den Unterricht von unnötigen Vorträgen über die Theorie zu entlasten und die gewonnene Zeit für Workshops oder Falldiskussionen zu nutzen."

Wüstemann:

"Wir haben im Februar unseren ersten Mooc zum Thema 'Value-based Management' gestartet und dabei gleichzeitig eine eigene Online-Learning-Plattform geschaffen, auf der wir künftig weitere Moocs, Vorbereitungskurse für unsere MBA-Programme sowie kostenpflichtige Online-Kurse anbieten werden. Diese Kurse ergänzen unser Programmangebot optimal. Die digitalen Lernformate – ganz gleich, ob offen oder kostenpflichtig – sind für alle geeignet, für die derzeit ein voller Studiengang nicht in Frage kommt, die einen Eindruck von unseren Lehr- und Forschungsinhalten bekommen wollen oder die sich punktuell weiterbilden wollen."


Frage fünf: Wo sehen Sie die künftigen Entwicklungen im Online-Bereich? Welche technologischen Entwicklungen werden eine Rolle spielen?

Boehm:

"Wir sehen insbesondere Potenzial im Bereich Virtual Reality. Diese Technologie bietet die Möglichkeit, den Hörsaal komplett zu virtualisieren. Der Hörsaal existiert dann nur noch im virtuellen Bereich und Studenten sowie Professoren verbinden sich mit diesem Hörsaal via Virtual Reality. Dies bietet ganz neue Möglichkeiten, Studenten aus der ganzen Welt zusammenzubringen und gleichzeitig eine lebensechte Erfahrung zu schaffen."

Wüstemann:

"Die digitale Transformation hat auch tiefgreifende Auswirkungen auf die Business Schools. Das betrifft die Lehrinhalte in nahezu allen Management-Disziplinen ebenso wie die Art der Wissensvermittlung oder die technische Infrastruktur. Daher haben wir beispielsweise bei der Ausstattung unseres neuen Hörsaalkomplexes eng mit Branchenführern wie SAP und Microsoft kooperiert, um mit einer völlig neuen Art der Didaktik die Digitalisierung für unsere Teilnehmer erlebbar zu machen. So wird es möglich sein, in der Lehrveranstaltung 'From Data to Insights' mithilfe von SAP-Produkten direkt mit Big Data zu arbeiten. Daneben sehen wir in der Lehre eine Menge Entwicklungspotenzial in Bereichen wie Augmented Reality oder Gamification und arbeiten hier auch bereits an Konzepten."


Frage sechs: Wie wird der MBA-Markt Ihrer Prognose nach in zehn Jahren aussehen? Werden die Online-MBAs dominieren?

Boehm:

"Meine Prognose für die Online-MBAs ist, dass ihre Bedeutung in den nächsten zehn Jahren signifikant zunehmen wird. Diese Entwicklung können wir bereits in den USA beobachten. Und der Trend wird sich auch in Europa und später auch in Asien fortsetzen. Ich denke jedoch nicht, dass sie den MBA-Markt dominieren werden. Es gibt noch immer eine große Anzahl von Studenten, die nicht nur einen MBA 'studieren', sondern auch 'erleben' wollen. Für sie ist das Studium im Ausland oder auch einfach 'eine Auszeit nehmen' ein wichtiger Faktor in der Entscheidung einem MBA nachzugehen."

Wüstemann:

"Wir haben vor einigen Jahren eine Studie durchgeführt, die zu dem Ergebnis kam, dass die große Mehrheit der Befragten an Präsenzprogrammen interessiert ist. Nach meinen Beobachtungen hat sich dies in den vergangenen Jahren nicht signifikant verändert. Daher gehe ich davon aus, dass Programme, die vorwiegend Präsenz erfordern, auch in zehn Jahren dominieren werden."


Prof. Dr. Martin Boehm ist Dean der IE Business School.

Prof. Dr. Jens Wüstemann ist Präsident der Mannheim Business School.

Bärbel Schwertfeger ist freie Journalistin in München und betreibt das MBA-Portal www.mba-journal.de.

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