Der Sozialphilosoph Charles Handy ist beunruhigt über die Veränderungen in der Arbeitswelt. Im Interview am Rande des Global Drucker Forums zeichnet er ein sehr düsteres Zukunftsbild von selbstsüchtigen Unternehmen. Sein Appell an Manager: mehr Verantwortung übernehmen.

Haufe Online-Redaktion: Wie sehen Sie den Wandel in der Arbeitswelt?

Charles Handy: Früher hatten wir "Companies" und wie ich damals bei Shell gearbeitet habe, da war das Unternehmen so etwas wie ein Kamerad, der sich um einen kümmerte. Als ich nach Südostasien versetzt wurde, bin ich dort von einem Mitarbeiter empfangen worden und die Firma hat mir ein Haus zur Verfügung gestellt. Später kam die "Corporation". Es wurde unpersönlicher und bürokratischer. Es gab nur noch Nummern für Abteilungen und Jobbeschreibungen, aber keine Namen mehr an der Bürotür. Ich fand das damals schon sehr traurig, weil damit etwas Wichtiges verloren ging ist. Man will sein Leben nicht so einer "Corporation" widmen. Die Folge ist, dass man nur noch das macht, was man unbedingt machen muss.

Die Arbeitswelt heute: Unternehmen fehlt die Menschlichkeit

Haufe Online-Redaktion: Und wie ist es heute?

Handy: Das hat sich alles noch verschärft. Heute sind die Unternehmen oft nur noch seelenlose Geldmaschinen und haben ihre Menschlichkeit verloren. Mit der Digitalisierung ist es noch unpersönlicher geworden. Die Menschen sind nur noch Nummern und Daten und man braucht nicht mehr mal einen Ausweis, weil eine Software das Gesicht identifiziert. Menschen sind heute nur ein kurzfristiges Asset, aus dem man so viel wie möglich rausholen will. In Deutschland gibt es immerhin noch den Mittelstand. Dahinter stehen oft Familien, die Dinge herstellen. In Großbritannien produzieren wir nur noch Zahlen.


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Haufe Online-Redaktion: Was hat sich bei der Managementausbildung geändert?

Handy: In den 1960er Jahren habe ich an der London Business School das Sloan-Programm gestartet. Das war für Mitarbeiter mit Mitte bis Ende 30, die dort neun Monate die Möglichkeit hatten, über ihren Job und ihr Leben nachzudenken. Ich wollte ihnen damals keinen akademischen Grad dafür verleihen. Heute bekommen sie einen MBA-Abschluss. Ich würde mir mehr Philosophie und politische Wissenschaften in der Managerausbildung wünschen und nicht nur eine auf Zahlen fixierte Ausbildung.

Managementausbildung der Zukunft: viel Praxiserfahrung, kein MBA

Haufe Online-Redaktion: Hat das MBA-Studium, das in den USA und in Großbritannien als die klassische Managementausbildung gilt, überhaupt noch Zukunft?

Handy: Die Zeiten, wo man im Klassenzimmer lernt, wie man ein Geschäft führt, sind vorbei. Das lernt man nur in der Praxis. Und durch die technologischen Möglichkeiten muss man auch nicht einmal mehr im Klassenzimmer sitzen, sondern kann sich den Lernstoff online aneignen und dann gleich in der Praxis anwenden. Der MBA wird verschwinden und es werden vielleicht zehn große Business Schools übrigbleiben. Die Programme für erfahrene Manager werden überleben, aber die müssen nicht an den Business Schools stattfinden. Das können auch unabhängige Trainer anbieten. Die große Frage wird aber sein, wer sich das noch leisten kann?


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Haufe Online-Redaktion: Sie glauben, dass viele Jobs verschwinden?

Handy: Künftig werden Maschinen die meisten Arbeiten übernehmen. Immer weniger Menschen werden daher einen Vollzeit-Job in einem Unternehmen haben. Wir werden alle selbständigen Portfolio-Arbeitern mit verschiedenen Jobs und temporären Aufträgen. Wir werden wie Schauspieler leben, die sich von einem Engagement zum nächsten hangeln und sich damit oft gerade so über Wasser halten. Es wird auch ein neues Wertesystem geben, bei dem es nicht mehr darum geht, wie viel Geld jemand hat, sondern wie viel Erfahrung er mitbringt.


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Die Arbeitswelt der Zukunft: Immer weniger Personal, keine Rollenvorbilder

Haufe Online-Redaktion: Sind die Menschen darauf vorbereitet?

Handy: Nein und ich mache mir große Sorgen. Nicht alle kommen mit der Situation zurecht und sie haben auch keine Rollenvorbilder. Langfristig werden die Menschen sich anpassen und lernen, dass sie sich auf sich selbst verlassen müssen. Sie müssen sich selbst vermarkten. Sie benötigen Resilienz, um mit Rückschlägen klarzukommen und Hilfe von Kollegen, Freunden und Ehepartnern. Menschen brauchen reale Beziehungen, sei es in der Partnerschaft, beim Sport oder beim Treffen im Café. Ich bin optimistisch, dass die lokale Gemeinschaft wieder aufleben wird. Die Menschen sind wieder mehr zuhause und wollen wissen, wer in ihrer Straße wohnt.

Haufe Online-Redaktion: Und was tut der Staat?

Handy: Selbst wenn die Menschen mit ihren Jobs gut beschäftigt sind, werden sie nicht mehr reich und sie zahlen weniger Steuern. Und die Unternehmen beginnen sich nach und nach aufzulösen. Sie kommen mit immer weniger Personal aus. 92 Prozent der Firmen in Großbritannien beschäftigen weniger als fünf Personen, erwirtschaften aber lediglich acht Prozent des Bruttosozialproduktes. Diese Unternehmen zahlen natürlich auch weniger Steuern. Die große Frage ist daher, wer dann die Krankenhäuser und Straßen bezahlt? Bisher waren die Konzerne so etwas wie die Steuersammler für die Gesellschaft. Heute sind sie vor allem selbstsüchtig und versuchen mit allen Tricks ihrer Steuerpflicht zu entgehen. Den Regierungen wird das Geld ausgehen und wir werden mehr Sparprogramme bekommen. Doch ein Staat braucht ein Wohlfahrtssystem. Da sehe ich im Moment allerdings keine Lösung.

Junge Mitarbeiter: Mit der Entlassung die Neugründung unterstützen

Haufe Online-Redaktion: Aber viele junge Leute mögen die Unabhängigkeit.

Handy: In der Tat finden immer mehr junge Menschen Gefallen an der Freiheit ohne Sicherheit und die Unternehmen tun sich immer schwerer, gute Mitarbeiter zu finden. Sie sollten ihre Mitarbeiter nicht mehr als disziplinierte Soldaten betrachten, sondern ihnen neue Fähigkeiten beibringen und sie nach etwa drei Jahren - wenn sie gut genug sind - entlassen, damit sie ihr eigenes Unternehmen aufbauen können. Sie sollten ihnen dann Startkapital geben und Anteile übernehmen. Damit geben sie ihnen die gewünschte Unabhängigkeit, aber es gibt dennoch ein Gefühl der Verbundenheit und diese ehemaligen Mitarbeiter werden dann die Quelle von Kreativität sein.


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Haufe Online-Redaktion: Welche Rolle soll die Wirtschaft künftig für die Gesellschaft spielen?

Handy: Die Unternehmen müssen auf die Menschlichkeit achten und überdenken, wie Organisationen heute funktionieren. Die Frage ist, wer die Revolution anführt. Wir brauchen einen Martin Luther, dem es als einzelnen Mensch gelungen ist, die Grundfeste der katholischen Kirche zu erschüttern. Doch wer ist unser Luther? Hier sind die Manager gefordert.


Charles Handy: Management-Vordenker aus Irland

Charles Handy gilt als einer der renommiertesten Denker zum Thema Management. Der gebürtige Ire studierte Geschichte und Philosophie am Oriel College in Oxford. Danach arbeitete er für den Ölkonzern Shell in London und Südostasien. Nach zwölf Jahren stieg er aus und wollte als Autor arbeiten. 1965 absolvierte er ein Studium an der MIT Sloan School of Management in Cambridge, Massachusetts und traf dort auf führende Managementdenker wie Warren Bennis, Chris Argyris und Ed Schein. Nach seiner Rückkehr nach England 1967 war er einer die Mitbegründer der London Business School (LBS) und dort verantwortlich für das erste Sloan Programm für Führungskräfte außerhalb der USA. Er wurde der erste Dekan des Programms und übernahm 1972 eine Managementprofessur an der LBS. Handys Fokus sind die Veränderung von Gesellschaft und Arbeitswelt. Seine Bücher wie The Future of Work (1984) wurden millionenfach verkauft und teils auch auf Deutsch übersetzt.


Charles Handy hat auf dem Global Drucker Forum 2017 den Schlussvortrag gehalten. Er appellierte an die anwesenden Manager, mehr Verantwortung zu übernehmen - und erhielt dafür Standing Ovations.


Das Interview führte Bärbel Schwertfeger, freie Journalistin.

Schlagworte zum Thema:  Unternehmenskultur, Mitarbeitermotivation