27.07.2011 | HR-Management

Interview: Doppelspitze – ein Erfolgsmodell mit Zukunft?

Nach einem endlos wirkenden Eiertanz hat die Deutsche Bank endlich die Nachfolge ihres Chefs Josef Ackermann geklärt: Ab 2012 übernimmt eine Doppelspitze aus Deutschland-Chef Jürgen Fitschen und Top-Investmentbanker Anshu Jain das Ruder. Eine Entscheidung, die nicht überall auf Gegenliebe stößt, da sie langfristig gesehen nur als Übergangslösung anmutet. Warum eine Doppelspitze dennoch auch von Vorteil sein kann, weiß Top-Coach Winfried Berner.

Haufe Online-Redaktion: Wie bewerten Sie die Entscheidung des Aufsichtsrats, dass die Deutsche Bank künftig von einer Doppelspitze geführt werden soll? Sehen Sie darin eher einen faulen Kompromiss oder gar ein Erfolgsmodell mit Zukunft?

Winfried Berner: Entgegen dem Highlander-Prinzip "Es kann nur einen geben" gibt es gerade in der deutschen Industriegeschichte zahlreiche Beispiele für funktionierende Doppelspitzen: Koenig & Bauer, Werner & Pfleiderer, Koch & Hummel, und viele andere. Ob diese Doppelspitze ein fauler Kompromiss ist oder ein Erfolgsmodell, hängt nicht von den Gründen ab, aus denen sie zustande kam, sondern davon, wie die beiden Hauptbeteiligten sie ausfüllen: Als Teamspiel mit komplementären Rollen oder als Machtkampf um die "endgültige" Vorherrschaft.

 

Haufe Online-Redaktion: Welche Vorteile kann eine Doppelspitze mit sich bringen?

Berner: Der prinzipielle Vorteil ist, dass vier Augen mehr sehen als zwei und dass zwei Köpfe mehr verstehen als einer. Aber das funktioniert nur dann, wenn beide bereit und in der Lage sind, die jeweils andere Sichtweise weder als Irrglauben zu sehen noch als politisches Manöver, sondern als Chance, durch einen konstruktiven Streit zu besseren Entscheidungen zu kommen. Das wiederum setzt voraus, dass sie das Wagnis eingehen, sich gegenseitig zu vertrauen, und konsequent auf einseitige Spielzüge zum eigenen Vorteil verzichten. Ob das in dem hochpolitischen Umfeld einer Großbank möglich ist, wage ich nicht zu beurteilen.

 

Haufe Online-Redaktion: Woran scheitern dennoch die meisten Doppelspitzen?

Berner: Fairerweise darf man die Lebensdauer von Doppelspitzen nicht an der Unendlichkeit messen, sondern an der Halbwertszeit von Einzelspitzen. Dieses Benchmark sollte zu schlagen sein - doch nichts währt ewig. Die wichtigsten Sprengsätze sind Misstrauen, Rivalität, Eitelkeit und ein Mangel an konstruktiver Konfliktfähigkeit.

 

Das Interview führte Nicole Schrehardt.

 

Winfried Berner

ist erfahrener Change-Coach und Spezialist für schwierige Veränderungsprozesse. Seine Website www.umsetzungsberatung.de ist die umfassendste deutschsprachige Change Management-Wissensbasis und verzeichnet jährlich circa 750.000 Besucher.

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