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| Interview Gesundheitsmanagement

Gute Grenzen gegen ständige Erreichbarkeit

Best Practice Gesundheitsmanagment: Annette Grötzinger erklärt das Konzept "Gesunde Führung" von EnBW.
Bild: Haufe Online Redaktion

Der Energieversorger EnBW will seine Mitarbeiter vor den psychischen Belastungen schützen, die Informationsexplosion und Arbeitsverdichtung mit sich bringen. Die Konzernexpertin für Arbeits- und Organisationspsychologie, Annette Grötzinger, zeigt, wie das Unternehmen Grenzen setzt. 

Haufe Online Redaktion: Die Statistiken der Krankenkassen verzeichnen mehr Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen. Welche Erfahrungen gibt es hierzu bei EnBW?

Annette Grötzinger: Die jährlich veröffentlichten Daten der Krankenversicherungen zeigen einen deutlichen Anstieg der psychischen Erkrankungen. Diese sind deutschlandweit inzwischen die zweithäufigste Ursache für Fehltage, deutlich vor Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen. Bei der EnBW haben wir diesen Handlungsbedarf bereits vor über zehn Jahren erkannt und seither eine systematische Gesamtkonzeption zur psychischen Gesundheit aufgebaut, die wir laufend weiterentwickeln.

Haufe Online Redaktion: Sehen Sie einen Zusammenhang mit den Veränderungen in der neuen Arbeitswelt?

Grötzinger: In der Fachliteratur wird das Thema multikausal betrachtet: Ein Faktor sind die Veränderungen in der Arbeitswelt. Hinzu kommen die Erwartungen an private Rollen, die gesellschaftlich und in der Konsequenz auch individuell zunehmen. Eine bessere medizinische Diagnostik, mehr Information und die sich langsam reduzierende Stigmatisierung psychischer Erkrankungen sorgen dafür, dass sie besser wahrgenommen und auch behandelt werden. Bei der EnBW bieten wir deshalb Beratung für Betroffene, für Führungskräfte, Personaler, Betriebsräte und Kollegen. Hierfür stehen Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten des Bereiches Arbeitsmedizin und Gesundheitsmanagement zur Verfügung, die der Schweigepflicht unterliegen.

Haufe Online Redaktion: Stichwort New Work: Gibt es bei EnBW Veränderungen in dieser Hinsicht?

Grötzinger: Auf Wunsch unserer Mitarbeiter haben wir mobiles Arbeiten eingeführt. Dabei haben wir auch besprochen, wie wir mit dem Thema Erreichbarkeit umgehen können und wollen. Die Mitarbeiter haben sich ganz deutlich dafür ausgesprochen, die Selbstbestimmung zu erhalten, also keine technischen Restriktionen wie etwa das Abschalten des Servers vorzunehmen. Um die Erreichbarkeitserwartungen einzudämmen, ging es vielmehr darum, "gute Zäune" zu bauen. Dazu hatte unser Bereich Arbeitsmedizin und Gesundheitsmanagement bereits Sensibilisierungsarbeit geleistet: Um dauerhaft leistungsfähig zu sein, sind Regenerationszeiten unverzichtbar. Mitarbeiter, Führungskräfte, Betriebsräte, Topmanager – alle waren sich einig, dass wir keine ständige Erreichbarkeit erwarten, sondern nur innerhalb der definierten Arbeitszeit. Das haben wir in einem Führungsselbstverständnis formuliert und damit so gute Erfahrungen gemacht, dass wir diese Vorgehensweise inzwischen konzernweit vereinbart haben. 

Haufe Online Redaktion: Betriebliches Gesundheitsmanagement hat viele Facetten. Warum setzen Sie den Hebel bei der Führung an?

Grötzinger: Unser BGM ist systematisch und strategisch aufgestellt. Gesunde Führung ist darin ein Schwerpunktthema, weil wir aus der wissenschaftlichen Studienlage deutlich sehen, dass sie ein Keyfaktor ist für Arbeitgeberattraktivität, für Zufriedenheit, Engagement und Arbeitsfreude und – auch dafür gibt es zahlreiche Daten – für den Unternehmenserfolg. 

Haufe Online Redaktion: Wichtig für den Erfolg eines BGM-Konzeptes ist die Unterstützung durch die Führungskräfte. Wie haben Sie das geschafft?

Grötzinger: Wir haben die Konzeption sukzessive aufgebaut und immer wieder die Rückmeldungen aufgenommen. Daraus haben wir dann die nächsten Schritte abgeleitet. Unsere Manager wurden dabei nicht einfach zusammengetrommelt und frontal beschallt, sondern wir haben die nächsten Schritte gemeinsam erarbeitet, ein partizipativer Prozess. Die implementierten Maßnahmen werden intensiv und positiv angenommen.

Haufe Online Redaktion: EnBW beschäftigt rund 20.000 Mitarbeiter. Bei dieser Größenordnung können doch unmöglich alle Vorgesetzten partizipieren?

Grötzinger: Wir treten immer wieder in den Dialog, beispielsweise haben wir im Rahmen von Führungskräftemeetings wiederholt Workshops und Befragungsformate durchgeführt, mit denen wir viele Stimmen einbeziehen können. Auch gibt es eine regelmäßige, konzernweite Befragung der gesamten Belegschaft, also auch aller Führungskräfte. Anderes Beispiel: Wir kommen als interne Betriebsärzte und Psychologen durch Untersuchungen, Beratungsgespräche, Seminare, Begehungen etc. mit sehr vielen Mitarbeitern in Kontakt, über alle Hierarchieebenen und Funktionen hinweg. Im Vertrauensverhältnis der Schweigepflicht erhalten wir tiefen Einblick in das, was im Unternehmen gerade los ist. Diese Erkenntnisse nutzen wir auch zur Weiterentwicklung unserer Angebote.

Haufe Online Redaktion: Was schätzen Sie selbst an Ihrem Konzept "Gesunde Führung" am meisten?

Grötzinger: Wir haben ein Führungsselbstverständnis entwickelt, das Aspekte wie die Priorisierung von Aufgaben oder die bereits angesprochene Sensibilisierung für Regenerationszeiten beinhaltet. Bei sehr vielen Führungskräftetagen, in der Vollversammlung der Leitenden Angestellten oder bei Führungskräftemeetings informieren wir zur gesunden Selbst- und Mitarbeiterführung. Damit ist das Thema immer wieder präsent. In einem Seminarformat schulen wir Manager aller Hierarchieebenen gemeinsam und zusammen mit Business-Partnern und Mitarbeitervertretung, so dass bei herausfordernden Mitarbeiterfragestellungen alle an einem Strang ziehen. Wir bieten darüber hinaus einzelfallbezogene Beratungen bei herausfordernden Mitarbeiterfragestellungen und auch individuelles Coaching zu persönlichen Fragestellungen an. Sehr wichtig ist, dass alle Elemente strategisch abgeleitet und miteinander verzahnt sind, integriert in das Betriebliche Gesundheitsmanagement und die Personalentwicklung.

Haufe Online Redaktion: Wie messen Sie, ob das Konzept ankommt?

Grötzinger: Wir erfassen die Inanspruchnahme der Beratungsgespräche, Schulungsmaßnahmen und Intranetzugriffe, also je nach Art des Angebots die entsprechende Angebotskennzahlensystematik. Hierzu gehören auch diverse Zufriedenheits- und Wirksamkeitsindikatoren, maßnahmenbezogen und für das Gesamtportfolio. Alle Schulungs- und Beratungsangebote sind freiwillig. Die Kennzahlen und verbalen Rückmeldungen zeigen uns eine intensive Inanspruchnahme und Weiterempfehlung. Unsere Mitarbeiter spiegeln uns zurück, dass die Maßnahmen hilfreich und zielführend sind.

Annette Grötzinger ist Konzernexpertin Arbeits- und Organisationspsychologie bei der EnBW Energie Baden-Württemberg AG.

 

Veranstaltungstipp: Mehr über das Gesundheitskonzept der EnBW erfahren Sie beim Keynote-Vortrag von Annette Grötzinger auf der Corporate Health Convention unter dem Titel "Gesunde Führung: Ein ausgezeichnetes Praxiskonzept für Arbeitsfreude und Unternehmenserfolg"

Mittwoch, 20. Mai, 11.15 bis 12.00 Uhr, Messe Stuttgart, Halle 8, Praxisforum C

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