| Kreativitätsmanagement

"Unternehmen sind gut darin, Ideen zu zerstören"

Professor Alf Rehn ist Keynote-Speaker auf der diesjährigen "Zukunft Personal".
Bild: Robert Seger/Moment

Diese Woche findet die Messe "Zukunft Personal 2014" in Köln statt. Der finnische Professor Alf Rehn referiert dort zum Thema "Wie Ideen in klassischen Unternehmen sterben". Im Interview mit der Wirtschaft + Weiterbildung erklärt er vorab, was im Kreativitätsmanagement vieler Firmen schief läuft.

Wirtschaft + Weiterbildung: Auf der Zukunft Personal werden Sie von innovativen Unternehmen berichten. Wie würden Sie Kreativität und Innovation in der Arbeitswelt definieren?

Alf Rehn: Bei meiner Forschung und bei meiner Arbeit mit Unternehmen weltweit habe ich zunehmend festgestellt, dass wir Kreativität gern vereinfachen – indem wir sie auf ein ganz bestimmtes Ding oder einen ganz bestimmten Prozess reduzieren. Wir machen aus Kreativität etwas, was wir schon kennen, ein Best-Practice-Beispiel. Die meisten Industriezweige oder Unternehmensfelder haben ihre bevorzugten Rollenmodelle. Manche möchten Apple kopieren, manche Google, manche Philips oder 3M. Doch bei dem Versuch, die Kreativität anderer nachzuahmen, begrenzen wir unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten, wirklich neue Arbeitsformen, neue Produkte oder neue Dienstleistungen zu kreieren. Wenn Sie  mich also um eine Definition von Kreativität bitten, sage ich: Nein, ich will Ihnen keine liefern. Mir geht es darum, wie wir neue Kulturen schaffen, die jenseits solcher Definitionen stehen.

Wirtschaft + Weiterbildung: Ihrer Meinung nach können Unternehmen also nichts von Best-Practice-Beispielen lernen?

Rehn: Selbstverständlich können sie das, zumindest teilweise. Aber es ist gefährlich zu glauben, dass es nur eine feste Form von Kreativität gibt. Dann stecken wir in dieser Vorstellung fest, während wir uns ganz generell mit kreativen Kulturen beschäftigen sollten. Deshalb hat mich immer interessiert, wie sich echte, manchmal auch schockierende oder sogar zerstörende Kreativität in Unternehmen Bahn bricht. Und was ich noch viel interessanter finde: Wie kann die Art und  Weise, wie wir über Kreativität sprechen, uns daran hindern, sie zu erreichen?

Wirtschaft + Weiterbildung: Und wie kann uns dies daran hindern?

Rehn: Wir sollten uns daran erinnern, dass es nicht genügt, im Unternehmen herumzurennen und von Mitarbeitern Kreativität zu fordern. Das ist ein Denkfehler – so funktioniert das einfach nicht. Stattdessen muss in Organisationen eine  Diskussion entstehen rund um die Fragen: Wenn wir Kreativität einfordern, wie stellen wir die entsprechenden Ressourcen sicher? Wenn wir jemanden in ein Kreativitätsprojekt stecken, wie garantieren wir, dass das nicht nur Spaß und Spiel ist? Wie können wir den Mitarbeitern zeigen, dass es der Führungsriege damit wirklich ernst ist? Jeder Mensch hat ein großes Kreativitätspotenzial. Wir alle tragen viele Ideen in uns, also die Fähigkeit, uns Dinge völlig neu vorzustellen. Aber viele Leute glauben, das Problem sei die Menge an Ideen oder das Fehlen von Ideen. Ich kenne Hunderte von Unternehmen, die sagen, sie haben nicht genug Ideen. Aber das ist völlig falsch. Ich habe noch nie einen Betrieb kennengelernt, dem es an Ideen mangelte, niemals, nirgends – und ich habe schon mit den langweiligsten Unternehmen des Planeten zusammengearbeitet. Der Punkt ist  vielmehr: Sie sind unglaublich gut darin, Ideen zu zerstören. Sie sind so gut darin, dass sie es nicht einmal merken.

Wirtschaft + Weiterbildung: Was sind die größten Kreativitätskiller in Unternehmen?

Rehn: Wir killen unsere Ideen, indem wir so Sachen denken wie: "Wie bin ich nur auf diese verrückte, bizarre Idee gekommen. Oh Gott, das kann ich niemand erzählen, da lachen sich alle tot." Wir tun es, indem wir über eine neue Lösung nachdenken und uns sagen: "So könnte ich es machen, aber ich müsste meinen Chef fragen." oder "Das ist zu viel Arbeit." Was auch oft vorkommt: Mitarbeiter schlagen ihren Führungskräften etwas vor und die zucken nur mit den Schultern oder gähnen. Dann sagen sich die Leute: "Das mache ich nie wieder."

Wirtschaft + Weiterbildung: In einem Ihrer Vorträge haben Sie gesagt, dass provokatives Denken produktive Reibung und damit Kreativität  erzeugt. Brauchen wir provokativere Führungskräfte?

Rehn: Absolut. Das Problem in Unternehmen ist oft: Wir sind so gute Freunde geworden und so wohlerzogen. In einem  "normalen" Unternehmen sind die Kollegen so nett zueinander. Ich meine damit nicht, dass sich jeder mag. Aber wir sind einfach ganz brav und wir schlagen nichts vor, was irgendjemand verärgern oder von dem sich jemand angegriffen  fühlen könnte. So bringen wir eine Organisation nicht voran. Wir brauchen Führungskräfte und Mitarbeiter, die ihre Gedanken frei von der Leber weg aussprechen, auch wenn sie wissen, das könnte jemand im Unternehmen abstoßend finden. Das gilt auch für Teammitglieder. Wir brauchen cross-kulturelle Teams mit Mitgliedern verschiedenen Alters. Wenn wir Menschen mit  verschiedenen kulturellen Backgrounds sowie verschiedenen Ansichten und Perspektiven zusammenbringen, fordern sie  sich gegenseitig heraus. Das ist diese produktive Reibung, von der ich manchmal spreche. Nur mit dieser Art Erschütterung  stellen wir sicher, dass wir alle Möglichkeiten ausprobiert haben und uns nicht ständig mit dem bestätigen, was wir  schon wissen und wie wir schon immer gearbeitet haben. Nur so entsteht Veränderung.

Alf Rehn ist Lehrstuhlinhaber für Management und Organisation an der Åbo Akademi University in Finnland.

Das Interview führte Stefanie Hornung, Pressesprecherin bei Spring Messe Management.

Das komplette Interview mit Alf Rehn lesen Sie in Ausgabe 10/2014 der Wirtschaft & Weiterbildung.

Schlagworte zum Thema:  Innovation, Kreativität

Aktuell

Meistgelesen