01.12.2016 | Inklusion von Menschen mit Behinderung

Langsam besser – aber lang nicht gut

Aktion Mensch hat den Inklusionsbarometer 2016 veröffentlicht. Die Kernergebnisse sind in der Infografik zusammengefasst.
Bild: Aktion Mensch

Die Inklusion am Arbeitsmarkt verbessert sich, zeigt das Aktion-Mensch-Inklusionsbarometer 2016. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen mit Behinderung im Vergleich zu nicht-behinderten immer noch doppelt so häufig arbeitslos sind und deutlich länger nach neuen Jobs suchen.

Pünktlich zur bundesweiten "Woche der Menschen mit Behinderung", mit der die Bundesagentur für Arbeit (BA) für die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Handicap am Arbeitsmarkt wirbt, hat die Aktion Mensch wieder in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt Research Institute (HRI) ihr Inklusionsbarometer Arbeit veröffentlicht. Das Barometer zeigt in diesem Jahr zum vierten Mal, inwieweit in Deutschland Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt integriert sind.

Zahl der Arbeitslosen mit Behinderung ist gesunken

Wie im Vorjahr auch fällt das Ergebnis des Inklusionsbarometers verhalten positiv aus (hier finden Sie die Ergebnisse des Inklusionsbarometer 2015). Die Inklusion am Arbeitsmarkt schreitet demnach mit kleinen Schritten voran. Die Zahl der Arbeitslosen mit Behinderung ist im Vergleich zum Vorjahr, als es noch rund 181.100 Arbeitslose mit Behinderung gab, auf rund 178.800 gesunken.

Auch das gefühlte Inklusionsklima, für das sowohl Arbeitgeber als auch behinderte Arbeitnehmer um eine Einschätzung gebeten wurden, fällt in diesem Jahr im Vergleich zu den Vorjahren besser aus: Der Gesamtwert des "Barometers" von 106,7 ist der beste, den es bisher gab (im vergangenen Jahr lag er bei 101,2).

Grund für die Verbesserung ist, dass die Unternehmen das Thema "Inklusion" positiver einschätzen (von 27,8 auf 35,5). Bei den Menschen mit Behinderung selbst ist das gefühlte Inklusionsklima hingegen leicht gesunken (von 40,4 auf 38,7).

Menschen mit Behinderung sind deutlich häufiger arbeitslos

Die Verbesserungen im Vergleich zu den Vorjahren können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Arbeitsmarksituation von Menschen mit Behinderung noch lange nicht zufriedenstellend ist, wenn man sie mit der Situation nicht-behinderter Arbeitnehmer vergleicht: Ihre Arbeitslosenquote ist mit 13,4 (Vorjahr 13,9) Prozent immer noch fast doppelt so hoch wie die Quote von Menschen ohne Behinderung. "Die positiven Veränderungen am allgemeinen Arbeitsmarkt wirken sich nicht automatisch auch für Menschen mit Behinderung positiv aus", kommentiert Professor Bert Rürup, Präsident des HRI, dieses Ergebnis.

Ähnlich negativ fällt das Fazit aus, wenn man die Skala des gefühlten Inklusionsklima näher betrachtet: Von einem positiven Inklusionsklima sprechen die Autoren des Inklusionsbarometers erst ab einem Schwellenwert von 50 pro befragter Gruppe. Zur Erinnerung: Die befragten Menschen mit Behinderung bewerten das Klima mit 40, die befragten Arbeitgeber sogar nur mit 35.

Arbeitslose mit Behinderung suchen durchschnittlich ein Jahr

Zu denken gibt auch, dass Arbeitslose mit Schwerbehinderung im Vergleich zu nicht-behinderten deutlich länger brauchen, bis sie einen Job finden. Die Suchdauer hat sich sogar im Vergleich zum Vorjahr verlängert: Arbeitslose mit Handicap suchen zurzeit 101 Tage länger als ihre Konkurrenten ohne Behinderung; im Vorjahr waren es "nur" 96 Tage mehr.

In absoluten Zahlen heißt das: Menschen mit Behinderung suchen heute im Durchschnitt länger als ein Jahr (367 Tage) lang nach einem neuen Job.

Eine gute Nachrichten gibt es dennoch zu vermelden: Die Zahl der Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern, die aufgrund ihrer Mitarbeiterzahl unter die gesetzliche Beschäftigungspflicht fallen, legt um 2.500 auf mehr als 152.000 Betriebe zu. Damit einher geht die Rekordzahl von 1,043 Millionen besetzten Pflichtarbeitsplätzen. Dies bedeutet auch, dass die Beschäftigungsquote auf 4,69 (Vorjahr: 4,67) zulegt. Weitere 138.000 Menschen sind in Betrieben mit weniger als 20 Mitarbeitern beschäftigt. Durch diese positiven Zahlen rückt das Inklusionsbarometer mit einem Wert von 106,7 (Vorjahr: 101,2) erstmals deutlich ins Positive.

Nach wie vor liegt die Beschäftigungsquote jedoch unter der gesetzlichen Vorgabe von fünf Prozent.

Inklusion scheitert weiter an bürokratischen Hürden

Grund dafür, dass die Teilhabe von Menschen mit Handicap immer noch zu wünschen übrig lässt, sind vor allem die bürokratischen Hürden, vor denen die Arbeitgeber stehen. (Mehr dazu lesen Sie im Beitrag "Mitarbeiter mit Handicap" in Ausgabe 12/2015 des Personalmagazins. Hier können Sie die Ausgabe als App herunterladen.)

Beispielsweise wissen nur 62 Prozent der Chefs kleiner Unternehmen, dass sie staatliche Förderung bekommen können. Wiederum nur die Hälfte der informierten Betriebe nutzt dann auch diese Förderung. Weitere Gründe sind Vorbehalte der Unternehmen gegenüber Bewerbern mit Behinderung genauso wie Unsicherheiten behinderter Bewerber.

Digitalisierung als Chance zur Inklusion

Einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft hat das diesjährige Inklusionsbarometer dann aber doch noch zu bieten. Denn sowohl Arbeitnehmer als auch -geber sehen die Digitalisierung als Chance für mehr Inklusion. "Mit Hilfe von Assistenzsystemen und durch Automatisierung können Menschen mit Behinderung stärker vom Aufschwung am Arbeitsmarkt profitieren", sagt Aktion-Mensch-Vorstand Armin von Buttlar. Laut der Befragung sehen 68 Prozent der Arbeitnehmer die Übernahme körperlich anstrengender Arbeiten durch Maschinen und die Entstehung neuer Berufsfelder als Gewinn.

Vor allem die Angestellten in der Industriebranche erkennen laut Inklusionsbarometer Vorteile durch die Digitalisierung: Insgesamt sehen mit 70 Prozent die meist gut ausgebildeten Menschen mit Behinderung die Veränderung zum "Arbeitsplatz 4.0" positiv.

Doch nicht alle profitieren von der Digitalisierung: Für Menschen mit einer Lernbehinderung fehlt es offenbar noch an Schulungen, um sie in die digitale Zukunft mitzunehmen.

Über das Inklusionsbarometer Arbeit

Für das Inklusionsbarometer Arbeit hat das Handelsblatt Research Institute bei einer repräsentativen Umfrage 500 mittelständische Unternehmen und 802 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung befragt. Zugleich sind die jüngsten Zahlen aus verschiedenen Quellen wie der Bundesagentur für Arbeit in die Bewertung eingeflossen. Das Barometer, das die Aktion Mensch bereits zum vierten Mal durchgeführt hat, setzt sich aus Teilergebnissen zur Inklusionslage und zum Inklusionsklima zusammen.

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Schlagworte zum Thema:  Inklusion, Behinderung, Digitalisierung

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