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| Berufsausbildung

Charmeoffensive für die duale Ausbildung

Angela Merkel wirbt in einem Video für das deutsche System der dualen Ausbildung.
Bild: YouTube

Kanzlerin Angela Merkel hat sich für das duale Berufsausbildungssystem in Deutschland stark gemacht. Auch anderswo in Politik, Forschung und Wirtschaft wird weiter kräftig für die Berufsausbildung geworben. Wir stellen einige neue und bewährte Initiativen vor.

In einem am Wochenende veröffentlichten Video sagte Kanzlerin Merkel, sie wolle die duale Ausbildung gegen europäische Regelungen verteidigen. Das deutsche Modell der Lehre mit praktischen und schulischen Elementen sei international sehr anerkannt. "Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir es als gleichrangige Säule neben dem der Hochschulausbildung weiter etablieren", so die Kanzlerin.

Um die Attraktivität der beruflichen Ausbildung zu erhöhen, forderte Merkel, sollten Schulen und Berufsschulen ihre Lehrpläne besser auf die Erfordernisse der modernen Berufsbilder abstimmen. Zudem sollten nicht alle neuen Berufsbilder, die durch die Digitalisierung geprägt seien, auf Fachhochschul- und Hochschullehrgänge ausgerichtet sein.

Merkel steht mit ihrer Charmeoffensive für die duale Ausbildung nicht allein da: Um für die Berufsausbildung zu werben und diese zu einer echten Alternative zum Hochschulstudium zu machen, haben sich Experten aus Politik, Forschung und Praxis auch den vergangenen Wochen und Monaten wieder einiges einfallen lassen. Wir fassen die wichtigsten Neuerungen zusammen.

Reform des Master-Bafög

Die Regierung plant eine Reform des Meister-Bafög, mit dem der Staat seit 1995 die berufliche Weiterbildung zur Fachkraft oder zum Handwerksmeister unterstützt. Künftig sollen sich die Bedingungen für die Geförderten verbessern: So soll der Beitrag zum Lebensunterhalt künftig zu 50 Prozent als Zuschuss gewährt werden, der nicht zurückgezahlt werden muss. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will damit ein "starkes Signal" für die Meisterausbildung setzen.

Bessere Integration von Studienabbrechern

Kammern und Bundesbildungsministerium bieten bereits spezielle Programme an, um Studienabbrecher gezielt an Betriebe zu vermitteln, und es gibt spezielle Portale für die Zielgruppe (wie etwa www.studienabbrecher.com).

Zudem soll auch die Ausbildung selbst dank verschiedener Initiativen für Studienabbrecher attraktiver werden: Das Programm "Speed it" beispielsweise ermöglicht ehemaligen Studenten der MINT-Studienfächer (Mathematik, Information, Naturwissenschaften, Technik und verwandte Fächer), die mindestens zwei Semester studiert und 20 Credit Points im Studium erbracht haben, eine verkürzte Berufsausbildung.

Stiftung Warentest hat der begehrten Recruiting-Zielgruppe gerade ein komplettes Special gewidmet, in dem die Tester erklären, welche Möglich­keiten Studien­abbrecher haben und wo es Förderung und Beratung für den Einstieg ins Berufsleben gibt.

Die Resonanz der Zielgruppe auf diese Maßnahmen ist aber offenbar noch nicht überwältigend: Nur 30 Prozent der Studienzweifler halten eine Ausbildung im dualen System für eine attraktive Alternative; insgesamt zweifeln laut einer Befragung der Universität Maastricht in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)  ein Drittel der 12.000 befragten Studenten an ihrem Studienerfolg.

Junge Flüchtlinge als Zielgruppe

Für die relativ neue Recruiting-Zielgruppe "Flüchtlinge" gibt es bereits einige spezielle Initiativen. Die Bundesregierung hat dafür gesorgt, dass junge Menschen mit einer Duldung künftig bei einer Berufsausbildung im Betrieb früher eingesetzt und besser finanziell unterstützt werden. 

Auch die Privatwirtschaft unternimmt Anstrengungen zur Integration junger Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt: Siemens etwa will jungen Flüchtlingen den Weg zu Ausbildung und Arbeit in Deutschland ebnen und dafür bis zu 100 Praktikumsplätze schaffen. Darüber hinaus werden Flüchtlinge auch in bereits bestehende Programme integriert: So haben etwa kürzlich die DGFP und die ZAAG die Initiative "Zukunft durch Berufsausbildung" ihr Sechs-Punkte-Aktionsprogramm um die Zielgruppe jugendliche Flüchtlinge ergänzt. 

Nicht zuletzt haben auch die Anbieter von Recruiting- und Weiterbildungslösungen die neu zugezogenen Ausländer als Zielgruppe erkannt: So stellt etwa der Anbieter U-Form seinen Test zur Ausbildungseignung inzwischen auch auf Arabisch zur Verfügung; Sprachschulen und Trainingsanbieter wie WBS buhlen mit kostenlosen Probierangeboten um die Gunst der neuen Zielgruppe; Coaching-Anbieter – wie der Internationale Coaching-Verband ICF – nehmen nun auch die Flüchtlingshelfer als potenzielle Kunden ins Visier (mehr dazu lesen Sie in Wirtschaft + Weiterbildung, Ausgaben 01/2016 und 02/2016).

Besserer Übergang zwischen Schule und Beruf

Um den Übergang zu erleichtern, gibt es bereits spezielle Informationsportale. Dort stehen Informationen bereit zu Themen wie systematische Berufsorientierung an allgemein bildenden Schulen, Einstiegsqualifizierung oder Ausbildungsvorbereitung für Jugendliche mit Förderbedarf. Das Land Baden-Württemberg beispielsweise hat seinen Auftritt gerade neu gestaltet.

Bessere Sichtbarkeit als Arbeitgeber

Offenbar haben viele Ausbildungsbetriebe, die bislang oft gerne in bekannten Gewässern fischten, die Wirksamkeit von Personalmarketing-Maßnahmen erkannt – zumindest im nationalen Bereich. Ein Beleg dafür: Im Randstad-Ifo-Flexindex 03/2015 gaben 48 Prozent der rund 1.000 befragten Personalleiter an, dass ihr Unternehmen aktiv freie Ausbildungsstellen an Schulen vorgestellt hat. 36 Prozent waren auf Messen präsent und haben sich dort als Arbeitgeber präsentiert.

Nach wie vor ein Manko ist, dass die Sichtbarkeit der Unternehmen meist auf Deutschland begrenzt ist: Nur etwa vier Prozent der Befragten suchen bislang im Ausland nach Azubis gesucht.

Zahl der Ausbildungsverträge ist leicht gestiegen

Schon länger gibt es daneben Initiativen, die eine Brücke zwischen Ausbildungsbetrieben und Azubis schlagen wollen – so etwa die Allianz für Aus- und Weiterbildung. Ob diese und die zahlreichen anderen Initiativen die Ausbildungssituation in Deutschland verbessern können?

Eine kürzlich veröffentliche Studie des BIBB gibt etwas Grund zur Hoffnung: Demnach ist die Zahl der Ausbildungsverträge laut Bilanz 2015 des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Vergleich zum Vorjahr um 1.100 auf 503.200 gestiegen.

Auch die Initiatoren der Allianz für Ausbildung zogen Ende vergangenen Jahres ein verhalten positives Feedback: "Die Vertragszahlen der drei Wirtschaftsbereiche (474.485) sind im Vergleich zum Vorjahr trotz sinkender Bewerberzahlen und eines ungebrochenen Trends zum Studium um insgesamt 0,2 Prozent gestiegen", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung von BDA, BFB, DIHK und ZDH. "Die Unternehmen in Deutschland zeigen damit weiterhin eine hohe Ausbildungsbereitschaft, stemmen sich gegen den demografischen Trend und geben auch Leistungsschwächeren Ausbildungschancen."

Karrierechancen nach Fortbildung auf Akademikerniveau

Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vermeldete vergangene Woche Positives: Demnach sei für eine Rolle mit Führungsverantwortung ein Hochschulabschluss keinesfalls Pflicht. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft bewegten sich Absolventen einer Ausbildung und einer anschließenden beruflichen Aufstiegsfortbildung wie Meister oder Fachwirt auf gleichem Niveau wie Arbeitnehmer mit Bachelor- oder Master-Abschluss.

Weiterer Attraktivitätsbonus für die Ausbildung mit anschließender Aufstiegsfortbildung: Nicht nur die Karrierechancen der ehemaligen Azubis, auch deren Gehälter seien überdurchschnittlich, so die Studie.

Auch die tariflichen Ausbildungsvergütungen für Azubis sind laut BIBB-Erhebung 2015 im vierten Jahr in Folge deutlich gestiegen.

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dpa/Haufe Online Redaktion

Berufsausbildung, Personalmarketing, Recruiting

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