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| Gesundheitsmanagement

Brauchen Top-Manager einen Gesundheitscoach?

Der BMW-CEO kollabierte auf der IAA. Danach wurde gefordert, Top-Managern Chefärzte zur Seite zu stellen.
Bild: YouTube

BMW-Chef Harald Krüger ist bei der IAA auf der Bühne zusammengebrochen. Sofort wurden Forderungen nach einem besseren Gesundheitsmanagement für Führungskräfte laut, die FAZ empfiehlt gar einen Gesundheitscoach für jeden Manager. Doch wie sinnvoll ist das?

Die Fernsehkameras auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) haben dramatische Szenen festgehalten: Bei einer Pressekonferenz stellt BMW-Chef Harald Krüger gerade die neusten Entwicklungen des Automobilherstellers vor, als seine Stimme brüchig wird. Sekunden später kippt der Manager nach hinten um, Helfer müssen ihn anschließend von der Bühne geleiten.

Persönlicher Chefarzt für jeden Chef?

Die Szenen, die sich Mitte September abgespielt haben, haben sofort Diskussionen über das Gesundheitsmanagement von Managern ausgelöst. In einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) unter dem Titel: "Das gefährliche Leben der Manager" wurde gar gefragt: "Brauchen hochbelastete Manager wie Fußballstars ihren persönlichen Doktor Müller-Wohlfahrt?"

Der Autor des Beitrags, Christian Biegel, jedenfalls spricht sich für den persönlichen Chefarzt für Chefs aus. Er untermauert seine Forderung mit einem Hinweis auf eine aktuelle Studie der Max-Grundig-Klinik, derzufolge zwar 70 Prozent der Führungskräfte ihren eigenen Gesundheitszustand als "sehr gut" oder "gut" bewerteten. Zugleich hatten aber 61 Prozent angegeben, stark unter Druck zu stehen und weder ausreichend noch gut schlafen zu können.

Auch eine frühere Studie der Max-Grundig-Klinik hat Hinweise darauf geliefert, dass der Lebenswandel vieler Manager ein gesundheitliches Risiko bedeutet: Demnach leiden zwei Drittel aller Führungskräfte unter Schlafstörungen – oft, weil die Manager nicht ihrem natürlichen Biorhythmus entsprechend arbeiten.

SAP-Chef verschweigt schweren Unfall

Krüger ist kein Einzelfall: Etwa zeitgleich mit der Berichterstattung um Krügers Kollaps wurde nun auch bekannt, das SAP-Chef Bill McDermott bereits vor Monaten einen schweren Unfall erlitten hatte und das Unternehmen sich entschied, den Unfall zunächst nicht publik zu machen – wohl um Image und Aktienkurs des Unternehmens nicht zu schaden und McDermotts Privatsphäre zu schützen. Das berichtet das Manager Magazin.

Erst jetzt hat McDermott in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über seinen Unfall gesprochen: Er hat nach einem schweren Sturz ein Auge verloren. Der Unfall spielte sich McDermotts Angaben zufolge im Juli im Haus seines Bruders ab. Schon heute steht der SAP-Chef wieder im Rampenlicht und präsentiert sich als voll arbeitsfähig.

Unfälle und Krankheiten als potenzielle Schwäche

Dass McDermott seine gesundheitliche Situation so lange verschwiegen hat, spricht dafür, dass Unfälle und Krankheiten von Managern immer noch als Zeichen der Schwäche gelten.

Was können Unternehmen also tun, damit Krankheiten und Unfälle von Top-Managern künftig nicht mehr als Schwäche oder als potenzielles wirtschaftliches Risiko gelten? Und wie lassen sich gleichzeitig gesundheitliche Risiken minimieren, damit es gar nicht erst zu Ausfällen der Manager kommt? Ist die Idee des persönlichen Gesundheitscoachs wegweisend?

"Die Idee, einen 'Chefarzt nur für den Chef' zu haben, ist eine mögliche Reaktion auf das, was Herrn Krüger passiert zu sein scheint. Die richtige ist sie ganz sicher nicht", glaubt Klaus Leeder, Organisations-Experte und geschäftsführender Gesellschafter beim HR-Berater Raum Für Führung RFF zum Vorschlag der FAZ. "Unternehmen sollten in die Gesunderhaltung ihrer Mitarbeiter investieren – und das ist etwas grundlegend anderes als das kurzfristige Wiederherstellen der Leistungsfähigkeit."

Organisationale und individuelle Maßnahmen kombinieren

Dass ein Gesundheitscoach allein die Gesunderhaltung der Mitarbeiter und Führungskräfte nicht wuppen kann, belegt auch ein kürzlich erschienener Report der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA), der auf rund 2.400 Studien basiert: Demnach hat sich vor allem eine Kombination aus organisationalen und individuellen BGM-Maßnahmen als wirksam erwiesen. Diese wirken der Studie zufolge im Durchschnitt auch länger nach als individuelle Maßnahmen alleine.

Als Beispiele für Maßnahmen, die zu einer erfolgreichen und gesundheitsförderlichen Arbeitsorganisation beitragen können, nennen die Studienautoren abwechselnde Tätigkeiten, die Vermeidung von ständigen Unterbrechungen, Förderung von sozialem Austausch, die Gewährleistung einer ausreichenden Beschäftigungssicherheit und die Anerkennung von Leistungen.

Flexible Arbeitszeiten: negativen in positiven Stress wandeln

Auch die Organisation von Arbeitszeit kann sich positiv auf das Stressmanagement und somit die Gesundheit von Führungskräften und Mitarbeitern auswirken. Eine Flexibilisierung der Arbeitszeit beispielsweise könne helfen, negativen in positiven Stress zu wandeln, glaubt Professor Maike Andresen, Inhaberin des BWL-Lehrstuhls an der Universität Bamberg.

"Arbeitsbedingter Stress beeinträchtigt speziell auch kreative und innovative Leistungen. Allerdings können belastende Arbeitsbedingungen auch Anreize bieten, die entsprechenden Missstände zu beseitigen oder sogar zu einer Neugestaltung beizutragen", sagt Andresen im Interview mit der Haufe Online Redaktion. "Mit Hilfe der Arbeitszeitfreiheit können Beschäftige systematisch gefördert werden, Stress auch als Chance und Herausforderung zu begreifen und innovativ zu bewältigen."

Kleine Freiheiten erhöhen Zufriedenheit und Produktivität

Auch die freie Wahl des Arbeitsorts – wie sie etwa schon bei Firmen wie Microsoft in Form eines Vertrauensarbeitsorts umgesetzt wird – kann dazu beitragen, Stress zu reduzieren, weil Mitarbeiter und Führungskräfte auf diese Weise etwa Privatleben und Beruf besser verbinden können.

Eine US-Studie aus dem vergangenen Jahr hat zudem darauf hingewiesen, dass auch die kleinen Freiheiten am Arbeitsplatz das Stresslevel der Mitarbeiter senken können: Mitarbeiter, die die Möglichkeit hatten, während der Arbeitszeit auch mal privat im Internet zu surfen und sich dadurch versichern konnten, dass zu Hause alles in Ordnung ist, waren zufriedener und gingen nach dem privaten Surfen produktiver ans berufliche Werk zurück.

Resilienz lässt sich lernen – mit Selbstreflexion

Bei den individuellen Methoden kann es aber wohl durchaus hilfreich sein, den Managern einen Coach oder Mentor zur Seite zu stellen. Denn die Resilienzforschung hat gezeigt, dass die für Resilienz wichtigen Fähigkeiten und Eigenschaften wie Optimismus, Selbstwert und Problemlösefähigkeit in fast allen Menschen angelegt sind und sich auch aktivieren lassen.

Dies erfordert jedoch offenbar ein gehöriges Maß an Selbstreflexion, schreibt Resilienzexpertin Birgit Huber-Metz in der Wirtschaft + Weiterbildung. Die Betroffenen müssten sich etwa klar darüber werden, warum sie in vergleichbaren Situationen stets ähnlich reagieren.

Hier sollten den Managern der eigene Vorgesetzte, ein Vertreter von HR, ein Mentor oder eben der berühmte Coach zur Seite stehen, regt Huber-Metz an.

Maßnahmen nicht immer auf Top-Manager übertragbar

Dass dies auch jenseits von BGM-Themen eine wirksame Methode sein kann, glaubt auch Executive Coach David Kaspar: "Die Verantwortung auf oberster Führungsebene wird immer größer, und die Leute an der Spitze immer einsamer. Der Coach ist als Sparringspartner dazu da, diese Einsamkeit zu besprechen", so Kaspar.  

Kaspar warnt allerdings davor, dass sich nicht alle Maßnahmen ohne weiteres auf die obere Management-Ebene übertragen lassen. "Wenn das Unternehmen das Thema 'Burnout' entstigmatisiert, erreicht es damit die untere und mittlere Management-Ebene, nicht aber die Leute an der Spitze", sagt Kaspar im Interview mit der Haufe Online-Redaktion.

"Die wirksamste Prophylaxe ist, dass es Menschen gibt, die das Thema enttabuisieren, indem sie sagen: Ich bin auch noch Mensch, ich funktioniere nicht nur", sagt der Top-Manager-Coach. Ein CEO beispielsweise, der eine Auszeit nehme, setze ein Zeichen, dass es auch anders gehe. Das erfordere aber Mut.


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Haufe Online Redaktion

Gesundheitsmanagement, Führung, Top-Manager, Resilienz

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