19.03.2015 | Betriebliches Gesundheitsmanagement

Doping am Arbeitsplatz nimmt zu

Manche Mitarbeiter halten verschreibungspflichtige Medikamente für Wunderpillen, zeigt der DAK-Report.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Knapp sieben Prozent der Arbeitnehmer haben laut aktuellem DAK-Report schon leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente genommen, zwei Prozent dopen regelmäßig – mehr als im Vorgänger-Report 2008. Ein weiteres Ergebnis: Das Klischee des dopenden Top-Managers hat ausgedient.

In einem vergleichbaren DAK-Report aus dem Jahr 2008 gaben noch knapp fünf Prozent zu, schon ohne medizinische Notwendigkeit zu verschreibungspflichtigen Medikamenten gegriffen zu haben, um ihre Leistung zu steigern oder ihre Stimmung aufzuhellen. Das bedeutet einen Zuwachs von zwei Prozent in sieben Jahren.

Damit ist die Zahl der Betroffenen beim sogenannten pharmakologischen Neuro-Enhancement zwar nur langsam gewachsen – die Autoren des Reports vermuten aber eine höhere Dunkelziffer von bis zu zwölf Prozent. Hinzu kommt, dass sich in der Studie jeder Zehnte für Hirndoping aufgeschlossen zeigt.

Die Ergebnisse beruhen auf einer Analyse der Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Versicherten und einer Befragung von mehr als 5.000 Berufstätigen im Alter von 20 bis 50 Jahren.

Wer Stress hat, greift eher zur Pille

Auslöser für den Griff zur Pille sind den Erkenntnissen der Autoren zufolge meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Vier von zehn Dopern geben an, bei konkreten Anlässen wie anstehenden Präsentationen oder wichtigen Verhandlungen Medikamente einzunehmen.

Bei der Frage nach dem Warum gibt es offenbar Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Während Männer mittels Hirndoping vor allem berufliche Ziele besser erreichen wollen, nehmen Frauen die Medikamente eher, damit ihnen die Arbeit leichter von der Hand geht und sie emotional stabil genug sind, so die Studie.

Wer aus der zielorientierten Doping-Motivation der männlichen Befragten schließt, dass auch Leistungsträger gerne zu Medikamenten greifen, um sich zu Höchstleistungen zu pushen, irrt jedoch: Die Studie zeigt, dass gerade Top-Manager und Kreative nicht sonderlich gefährdet sind, den Medikamenten zu verfallen. "Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch", so DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher.

Vielmehr sind es demnach Mitarbeiter mit einem unsicheren Arbeitsplatz und einfacher Arbeit (neun Prozent), die schon Erfahrungen mit Hirndoping gemacht haben. Bei Gelernten oder Qualifizierten sind es nur sieben Prozent, bei den hochqualifizierten Beschäftigten sogar nur fünf Prozent.

"Eine Wunderpille gibt es nicht"

Welche Art von Medikamenten die Mitarbeiter wählen, scheint ebenfalls mit den Arbeitsumständen zusammenzuhängen: Menschen, die an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeiten oder bei denen Fehler schwerwiegende Konsequenzen haben können, neigen eher dazu, leistungssteigernde Mittel einzunehmen, zeigt die DAK-Analyse. Beschäftigte, die viel mit Kunden zu tun haben, nehmen überwiegend Tabletten zur Stimmungsverbesserung. So nennt etwa fast jede fünfte Frau viele Kontakte mit Menschen als Grund für ihren Medikamentenmissbrauch.

Insgesamt werden zum Hirndoping am häufigsten Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe (61 Prozent) sowie Medikamente gegen Depressionen (34 Prozent) eingenommen. Etwa jeder achte Doper schluckt Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit. Elf Prozent nehmen Betablocker.

Allerdings: "Eine Wunderpille gibt es nicht", warnt Professor Klaus Lieb, Facharzt und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz. "Oft zeigen die Medikamente nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Demgegenüber stehen hohe gesundheitliche Risiken, wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit", so der Doping-Experte.

Auch eine Studie des Projekts "Gesundheitsmonitor" von der Bertelsmann Stiftung und der Barmer GEK kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass viele Mitarbeiter ihre Gesundheit gefährden, indem sie als leistungssteigernd geltende Substanzen, unter anderem Medikamente, konsumieren.

Als Grund für den Griff zum vermeintlichen Wundermittel stellten die Autoren vor allem Leistungsdruck fest, der häufig durch überzogene Ziele verursacht wird.

Den DAK-Report 2015 können Sie kostenlos downloaden unter www.dak.de.

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