Führungskräfteentwicklung: Viel Konkurrenz bei MBA-Programmen

In den USA sinkt die Zahl der Bewerber für ein MBA-Studium teils dramatisch. In Deutschland etabliert sich das Nischenprodukt MBA (Master of Business Administration) zwar immer stärker, bekommt gleichzeitig aber zunehmend Konkurrenz von spezialisierten Masterprogrammen. 

Für viele Nachwuchs-Manager ist ein Executive MBA-Studiengang genau das richtige Angebot. Dabei ist der MBA in Deutschland noch immer ein Nischenprodukt. Professor Jens Wüstemann, Präsident der Mannheim Business School (MBS), ist dennoch zufrieden mit der Entwicklung. Im Vergleich zu vor 15 Jahren sei der MBA bei den Unternehmen deutlich bekannter. Die Nachfrage sei gut. Im Vollzeit- und Teilzeit-MBA habe man über hundert Teilnehmer pro Jahrgang, in den drei Executive-MBA-Programmen für eher schon erfahrene Manager sind es rund 120. Beim Vollzeit-MBA habe man an der MBS mit 55 – überwiegend internationalen – Teilnehmern das Maximum erreicht. Gerade für Ausländer bringe das Präsenzstudium einen erheblichen Mehrwert. Er sei daher davon überzeugt, dass es auch künftig einen Markt für einen Vollzeit-MBA gebe.

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Immer weniger MBA-Bewerber in den USA

Ganz andere Meldungen kommen derzeit aus den USA. Dort sinkt die Zahl der Bewerber auf einen Studienplatz in den zweijährigen Vollzeitprogrammen – und damit beim Flaggschiff­programm der Schulen – teils dramatisch. Längst sind davon auch Topschulen wie die Harvard Business School betroffen: Allein in diesem Jahr verzeichnete sie 6,7 Prozent weniger Bewerber. An der Tuck School of Business am Dartmouth College sind es sogar minus 22,5 Prozent und den größten Rückgang verzeichnet die Kelley School of Business an der Indiana University mit minus 31,5 Prozent. Der MBA sei in einer ernsten Notlage, erklärte Andrew Ainslie, Dean der Simon Business School an der University of Rochester, gegenüber dem MBA-Portal Poets & Quants. Er glaubt, dass 10 bis 20 Prozent der 100 Topprogramme in den USA in den nächsten Jahren eingestellt werden.

Gute Konjunktur bremst MBA-Programme

Nick Barniville, Associate Dean of Degree Programs an der ESMT Berlin, sieht den Hauptgrund für die sinkenden Bewerberzahlen in den USA vor allem in der geringeren inländischen Nachfrage – nicht zuletzt aufgrund der guten Konjunktur. Denn der MBA-Markt verhält sich stets antizyklisch. Herrscht Vollbeschäftigung, geben nur wenige ihren Job für ein zweijähriges Studium auf. Und die meisten Studenten in den US-Programmen kommen eben noch immer aus den USA. Der zweite Grund sei der massive Rückgang bei den ausländischen Bewerbern aufgrund der verschärften Visa-Bedingungen und der fremdenfeindlichen Politik von Donald Trump, meint Barniville. Und dann gebe es auch noch die oftmals günstigeren Online-MBAs, für die man seinen Job nicht aufgeben muss.

Wachstumsmarkt Online-MBA

Online-MBAs sind vor allem in den USA auf dem Vormarsch. Galten die Programme lange Zeit als Billigvariante, bieten die Online-MBAs von heute dank moderner Technologien ein intensives Lernerlebnis. Erst vor Kurzem verkündete die Questrom School of Business an der Boston University den Start eines neuen Online-MBAs im Herbst 2020. Es sei an der Zeit, das Portfolio zu erweitern und dabei neue Technologien zu nutzen, um den globalen Onlinemarkt zu erreichen, erklärte Questrom-Dean Susan Fournier dazu. Der besagte Studiengang sei von Grund auf neu konzipiert worden und konzentriere sich auf integrative Kernthemen wie digitale Transformation, die soziale Rolle der Wirtschaft, datengetriebene Entscheidungen, Leadership, Globalisierung, Innovation, Entrepreneurship sowie die Arbeit in globalen Teams. Die Studiendauer ist flexibel und liegt bei einem Minimum von 21 Monaten. Und vor allem: Der neue Studiengang kostet nur 24.000 Dollar.  

Zunehmende Flexibilität und Spezialisierung

In Deutschland setzt vor allem die ESMT Berlin verstärkt auf interaktive Onlineprogramme. Sie hat sich im vergangenen Jahr mit sechs weiteren führenden globalen Business Schools zur „Future of Management Education Alliance“ (FOME) zusammengeschlossen, um auf einer neuen digitalen Lernplattform MBA-Programme und Managementkurse anzubieten. Außerdem startete die ESMT Berlin im März 2019 mit der Deutschen Telekom­ einen neuen firmeninternen MBA in Business Innovation, der überwiegend online stattfindet. Er dauert zwei Jahre, umfasst 18 Kurse und ist stark projektorientiert. Demnächst soll noch ein offenes Blended-Learning-Programm folgen, denn hier sieht ESMT-Manager Barniville deutliche Wachstumspotenziale. 

Vollzeit-MBA nicht mehr das Flaggschiff

Um auch den klassischen MBA zeitgemäßer zu machen, hat die ESMT Berlin den Lehrplan überarbeitet. Ab 2020 bietet der Vollzeit-MBA mehr Flexibilität bei der Kurswahl und bereitet die – überwiegend internationalen – Studenten intensiver auf die Anforderungen des deutschen Arbeitsmarktes vor. Neu liegt ein besonderer Fokus auf der Entwicklung von Management- und Führungsqualitäten sowie von technischen Fähigkeiten wie Datenanalyse und Programmierung. Zudem können die MBA-Studenten künftig eines von drei Vertiefungsgebieten wählen: Managerial Analytics, Innovation und Entrepreneurship sowie Strategic Leadership. „Man sollte den Vollzeit-MBA vielleicht nicht mehr als das Flaggschiff-Programm einer Schule sehen, sondern nur noch als eines der Programme im Portfolio“, meint Barniville. 

"Der Markt verschiebt sich und das ist von den Schulen teilweise selbst kreiert.“ Prof. Andreas Kaplan, Rektor der ESCP Europe Business School in Berlin

Mehr spezialisierte Masterprogramme

Ähnlich sieht es Professor Andreas Kaplan, Rektor der ESCP Europe Business School in Berlin. In den USA dominiere der MBA bei den Wirtschaftsstudiengängen – da gebe es nicht so viele andere Angebote wie in Europa. „Hierzulande bieten die Business Schools laufend neue und spezialisierte Masterprogramme an“, so Kaplan. „Und diese ziehen natürlich auch Studenten an, die früher vielleicht in ein MBA-Programm gegangen wären.“Auch die ESCP Europe Berlin bietet neben dem Vollzeit- und Executive MBA sechs spezialisierte Masterprogramme an, die jeweils rund 40 Teilnehmer haben. „Der Markt verschiebt sich und das ist von den Schulen teilweise selbst kreiert“, meint der Rektor.

Vollzeit-MBA erhält vielfältige Konkurrenz

Einen weiteren Grund für das geringere Interesse am Vollzeit-MBA sieht Kaplan darin, dass sich der Executive MBA inzwischen besser etabliert habe. „Wer früher aus dem Job ausgestiegen ist und ein Vollzeitstudium gemacht hat, der wartet heute lieber noch ein paar Jahre und macht dann berufsbegleitend einen Executive MBA.“ Der Executive MBA an der ESCP Europe habe derzeit an den sechs Standorten der Schule rund hundert Teilnehmer, darunter 15 bis 20 Prozent Deutsche. Eine zunehmende Konkurrenz durch mehr Online-MBAs spüre Kaplan dagegen kaum. Dort seien die Teilnehmer meist noch stärker auf Inhalte als auf den Netzwerksgedanken fokussiert. Und zudem gebe es beim Executive MBA bereits Onlinemodule. So müssten die Teilnehmer in der ersten Stufe das General-Management-Programm (GMP) mit neun Kernkursen absolvieren und das sei auch in einer Blended-Learning-Version mit sieben Onlinekursen und zwei Kursen im Präsenzunterricht möglich.

Der Arbeitsmarkt als größter Konkurrent

„Unser größter Konkurrent ist der Arbeitsmarkt“, erklärt Kaplan. Die Arbeitgeber wüssten, dass ein Mitarbeiter, der einen Vollzeit-MBA macht, meist nicht zurückkommt. Da komme es schon vor, dass ein Kandidat, der einen Studienplatz angeboten bekommt, diesen nicht annimmt, weil ihm das Unternehmen die erhoffte Gehaltserhöhung oder Beförderung auch ohne Weiterbildung zugesteht, um ihn im Unternehmen zu halten. Auch die Zahl der Teilnehmer, die beim Executive MBA von ihrem Arbeitgeber unterstützt werden, gehe derzeit wieder etwas nach oben. Insgesamt merke man aber schon, dass der Markt schwieriger geworden sei und man mehr Marketing brauche. „Die Kandidaten schauen heute sehr viel genauer hin und vergleichen die Angebote“, meint der Rektor der ECSP Europe Berlin. „Die wissen meist sehr genau, was sie wollen.“ 

Neuer Master für Management Analytics

Auch an der Mannheim Business School beobachtet man den Markt genau und passt die Programme ständig an. Fast jedes Quartal kämen neue oder überarbeitete Kurse dazu wie etwa zu Big Data, erklärt Präsident Jens Wüstemann. Und im nächsten Frühjahr startet erstmals ein neuer berufsbegleitender Master in Management Analytics, der Experten für das digitale Zeitalter in Unternehmen ausbilden soll. Wie der MBA ist der Studiengang offen für Teilnehmer mit einem Bachelorabschluss in verschiedenen Fächern.

Zur Autorin: Bärbel Schwertfeger ist freie Journalistin und MBA-Expertin. Sie betreibt unter www.mba-journal.de einen eigenen Blog.

Dieser Beitrag ist in ungekürzter Form im Personalmagazin 11/2019 erschienen. Lesen Sie die gesamte Ausgabe auch in der Personalmagazin-App


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Schlagworte zum Thema:  MBA, Führungskräfteentwicklung