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Nur einer kleinen Anzahl von Flüchtlingen ist es bisher gelungen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Bild: Corbis

Das vergangene Jahr stand ganz im Zeichen der Flüchtlingsintegration. Doch nur ein Bruchteil der Flüchtlinge hat bislang im deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Die Erkenntnis: Integration braucht Zeit. Daher wird HR das Thema voraussichtlich auch 2017 weiter beschäftigen.

Hunderttausende Flüchtlinge schaffen es bisher trotz brummender Wirtschaft nicht in Arbeit. Auch bei den geplanten Ein-Euro-Jobs läuft es schleppend.  Laut Einschätzung des DIHK dauert es sieben bis zehn Jahre vom Asylantrag bis zur vollen Integration in den Arbeitsmarkt. "Wenn wir es geschafft haben, nach fünf Jahren 50 Prozent in Lohn und Brot zu bekommen, ist das sicherlich ein Erfolg", sagte jüngst der Direktor des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Dafür müssen wir aber in die Integration investieren."

Flüchtlinge: Integration braucht Zeit

Und es bedarf weiteren Engagements seitens der Unternehmen. Mitte des Jahres 2016 hatte nur etwa jedes zwölfte Unternehmen Flüchtlinge beschäftigt. Viele demonstrieren lediglich "Corporate Social Responsibility" beispielsweise indem sie Geld- und Sachsspenden oder Sportangebote zur Verfügung stellen, die  konkrete Integration in die Arbeitswelt bleibt in der Praxis schwierig. Dennoch gibt es auch vorbildliche Beispiele und zahlreiche Unternehmen, die positive Erfahrungen mit der Beschäftigung von Flüchtlingen gemacht haben. Eines dieser Unternehmen ist das Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim. Im Interview mit der Haufe Online-Redaktion hat der Personalleiter Fabian Lorenz  seine Erfahrungen mit den Herausforderungen und Chancen bei der Integration von Flüchtlingen geschildert.

34.000 Flüchtlinge haben es in den "ersten Arbeitsmarkt" geschafft

Von Dezember 2015 bis November 2016 schafften 34.000 Einwanderer aus den acht wichtigsten nichteuropäischen Asylherkunftsländern den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt. "Das sind unter anderem Syrien, Irak, Afghanistan, Nigeria und Eritrea", sagte Möller. 22 Prozent dieser 34.000 Einwanderer seien Leiharbeiter. An zweiter Stelle standen wirtschaftsnahe Dienstleistungen ohne Zeitarbeit mit 20 Prozent. "Nimmt man das Gastgewerbe dazu, sind insgesamt 57 Prozent der Menschen in diesen Bereichen beschäftigt."

406.000 Flüchtlinge arbeitssuchend, 160.000 arbeitslos gemeldet

406.000 arbeitssuchende Flüchtlinge sind bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern registriert, 160.000 davon als arbeitslos erfasst. 2015 und in den ersten elf Monaten 2016 beantragten laut Bundesinnenministerium knapp 1,2 Millionen Menschen hierzulande formell Asyl.

Zeitarbeit: Eine Chance für Migranten

Eine Illusion wäre es aus Sicht Möllers, zu glauben, dass wir eine große Zahl der Geflüchteten in unseren gut bezahlten Industriearbeitsplätzen wie beispielsweise der Automobilindustrie haben werden". Zeitarbeit habe für Migranten aber eine besondere Funktion. "Viele Betriebe sind erst einmal skeptisch, Zeitarbeit hilft, erste Bedenken zu nehmen." Das IAB ist das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit.

Ein-Euro-Jobs für Flüchtlinge: Programm läuft schleppend

Im Ein-Euro-Job-Programm für Flüchtlinge gibt es rund vier Monate nach dem Start noch weit weniger solche Arbeitsgelegenheiten als insgesamt geplant. "Nach ersten Zahlen entstanden bisher rund 5.000", sagte Möller. Das von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) initiierte Programm startete am 1. August und soll 100.000 öffentlich geförderte Jobs für Flüchtlinge schaffen.

Die Kehrseite: Viele Deutsche haben neue Jobs durch Flüchtlinge

Durch die Flüchtlingsmigration entstanden auch Arbeitsplätze. "Wir rechnen mit einer Größenordnung im mittleren fünfstelligen Bereich, mit etwa 50.000 oder 60.000", sagte Möller. "Beschäftigungszuwachs gab es etwa im Bau, bei außerschulischen Lehrtätigkeiten und Sprachlehrern, Wachleuten, Sozialarbeitern und in der öffentlichen Verwaltung."

Diese grobe Einschätzung stamme noch vom Anfang des Jahres. "Wir gehen davon aus, dass damals einige der aufgrund der Flüchtlingsmigration neu geschaffenen Stellen noch gar nicht besetzt waren, sondern erst danach hinzukamen. Deshalb könnte der Effekt heute sogar noch etwas größer sein." Etwa Sprachlehrer, Sozialarbeiter, -pädagogen und Erzieher könne das Land angesichts künftiger Migration auch weiter gut gebrauchen.

Bilanz zu Auswirkungen auf die Wirtschaft erst in fünf bis zehn Jahren möglich

"Wenn man beispielsweise an die Wiedervereinigung denkt, kann man
festhalten: Wir haben in Deutschland schon ganz andere Aufgaben als den Flüchtlingszuzug gemeistert", sagte Möller. "Es war eine humanitäre Entscheidung." Eine Bilanz über die Auswirkungen auf die Wirtschaft könne erst nach fünf oder zehn Jahren gezogen werden. "Es wird vermutlich keine Überschussrechnung sein. Aber Vielfalt kann auch produktiv sein."

 

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Schlagworte zum Thema:  Flüchtlinge, Arbeitsmarkt, Ein-Euro-Job, Human Resources (HR), HR-Management

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