25.08.2011 | HR-Management

Fachkräfte aus EU-Krisenstaaten: Was Sie über portugiesische Mitarbeiter wissen sollten

Mag Portugal zwar neben Spanien liegen, heißt das noch lange nicht, dass die Portugiesen und Spanier gleich "ticken". Lesen Sie im letzten Teil unserer Interview-Serie, warum Portugiesen mehr mit Japanern gemein haben als man denkt und welche Anreize deutsche Unternehmen qualifizierten Fachkräften letztlich bieten müssen, um sie für sich zu gewinnen.

Haufe Online-Redaktion: Auch in Portugal sieht die Situation für junge Berufstätige nicht wirklich rosig aus. Inwiefern könnten sich portugiesische Fachkräfte vorstellen, für den Job nach Deutschland zu kommen?

Alfredo Pinto Escoval: Für viele Portugiesen ist das durchaus eine Option. Besonders das "deutsche Jobwunder" der vergangenen Jahre hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen und weckt bei vielen die Bereitschaft, ins deutsche "Arbeitsparadies" auszuwandern. Das gestiegene Interesse an Deutschland spiegelt sich auch in der Zahl der Teilnehmer, die am Goethe-Institut Deutschkurse belegen, wider. Die Institute erhalten deutlichen Zulauf, jedoch steigt damit leider auch die Abbrecherquote, da viele Portugiesen gemerkt haben, wie zeitintensiv es ist, die deutsche Sprache zu erlernen – eine Hürde, die zu guter Letzt viele daran hindert, ihre Absicht, nach Deutschland zu kommen, auch wirklich in die Tat umzusetzen.    

 

Haufe Online-Redaktion: Welche Hürden - neben den mangelnden Sprachkenntnissen -  hindern viele Portugiesen noch daran, nach Deutschland einzuwandern?  

Pinto Escoval: Die Erfahrungen der Gastarbeiter, die vor 30 Jahren händeringend gesucht worden, spielen hierbei keine unerhebliche Rolle. Hat sich doch im Vergleich zu damals kaum etwas verändert – bis auf die Tatsache vielleicht, dass nun Fachkräfte gesucht werden. Die Erfahrung vieler Einwanderer auch heute noch ist, dass sie in Deutschland auf sich allein gestellt sind. Auch die Belange der Familie werden von den Unternehmen häufig ausgeblendet – was für einen Familienmenschen wie dem Portugiesen nicht einfach ist. Hinzu kommt dessen große Heimatverbundenheit. Ein Aufenthalt in Deutschland ist demzufolge auch keine Dauerlösung, sondern nur von begrenzter Zeit. Priorität für viele ist, gutes Geld zu verdienen und dann in die Heimat zurückzukehren.

 

Haufe Online-Redaktion: Was müssen deutsche Arbeitgeber portugiesischen Einwanderern demzufolge bieten?

Pinto Escoval: Das A und O ist, dass die Familie mit berücksichtigt wird. Bietet man beispielsweise dem Mitarbeiter einen Deutschkurs an, sollte dieses Angebot auch die ganze Familie mit einschließen. Wichtig ist darüber hinaus, dass die portugiesischen Mitarbeiter die Anfangszeit über einen "Mentoren" zur Seite gestellt bekommen, der ihnen bei der Integration ins Unternehmen sowie ins gesellschaftliche Leben in Deutschland hilft, sei es zum Beispiel bei der Wohnungssuche oder bei Behördengängen. Wenn die Wohnung gar vom Unternehmen gestellt wird, wäre das ein weiterer Pluspunkt. Grundsätzlich sollte letztlich auch das Gehalt angemessen sein. Allerdings treten Portugiesen in dieser Hinsicht eher bescheiden auf. Überzogene Forderungen sind nicht zu erwarten. Grund ist auch, dass ihnen schlicht die Vergleichsgrundlage fehlt.

 

Haufe Online-Redaktion: Gibt es Unterschiede im Bewerbungsprozess?

Pinto Escoval: Da in Portugal viele ausländische Unternehmen tätig sind, wissen die Portugiesen, welche Bewerbungsunterlagen üblich sind. Die Unterschiede sind somit nicht allzu gravierend. Ähnlich wie auch in Deutschland senden Bewerber in einem ersten Schritt dem Unternehmen einen Lebenslauf zu. Erst auf Anfrage reichen sie ihre Zeugnisse nach. In der Regel sind auch Empfehlungsschreiben kein Problem.  

 

Haufe Online-Redaktion: Ist der direkte Kommunikationsstil der Deutschen ein Problem für portugiesische Mitarbeiter?

Pinto Escoval: Auf jeden Fall, da Portugiesen einen eher indirekten, formellen Kommunikationsstil gewöhnt sind, der es Ausländern erschwert, sie richtig einzuschätzen, vor allem wenn es darum geht, ihre genaue Meinung zu einem Thema zu erfahren. Hintergrund ist, dass sie immer darauf bedacht sind, nicht die Privatsphäre des anderen beziehungsweise dessen persönliches Empfinden zu verletzen. Konflikte werden dementsprechend nicht offen ausgetragen. Auch Kritik muss gut verpackt werden, am besten gepaart mit Lob und Worte der Anerkennung. Denn jedes kritische Wort wird zugleich persönlich genommen.

 

Haufe Online-Redaktion: Das klingt sehr japanisch…

Pinto Escoval: Stimmt, ich nenne Portugal gerne "Klein-Japan", da es durchaus viele Parallelen gibt. Neben ihrer indirekten Art, legen Portugiesen sehr viel Wert auf die Hierarchiestufe, Titel und Statussymbole. Auch das Senioritätsprinzip ist ihnen nicht fremd. Der Respekt vor dem Alter genießt einen großen Stellenwert. Das heißt, auch wenn man zum Beispiel seit Jahren zusammenarbeitet, fällt es einem Portugiesen schwer, seinen älteren Kollegen zu duzen. Stattdessen spricht er ihn unentwegt mit seinem korrekten Titel, indirekt, in der dritten Person an – eine typisch portugiesische Eigenheit, die gerade auf Rheinländer sehr befremdlich wirken muss.    

 

Haufe Online-Redaktion: Wie würden Sie die Arbeitsweise der Portugiesen allgemein beschreiben?

Pinto Escoval: Im Gegensatz zu manch anderem mediterranen Land, sind es Portugiesen gewöhnt, früh zur Arbeit zu gehen, vorausgesetzt nach rund zwei Stunden gibt es eine erste Kaffeepause – denn Kaffee ist für sie sehr wichtig. Eine Siesta wie in Spanien gibt es dagegen in Portugal nicht. Aber eine etwas längere Mittagspause schon, da es in Portugal üblich ist, im Restaurant oder zu Hause mit der Familie zu essen. Auch lange Arbeitszeiten nehmen portugiesische Mitarbeiter in Kauf. Denn wenn der Chef etwas will, wird es auch gemacht, lautet die Devise. Jedoch sollten sich deutsche Chefs darauf einstellen, dass portugiesische Mitarbeiter eher zu "Dienst nach Vorschrift" tendieren und nur ungern selbst Verantwortung übernehmen – aus Angst, zu versagen und sich damit die Blöße zu geben. Um auf Nummer sicher zu gehen, schaffen sie sich im Unternehmen ein breites Netzwerk, auf das sie im Notfall zurückgreifen können.

 

Haufe Online-Redaktion: Heißt das, dass sie ihrem Chef eventuelle Probleme verschweigen?

Pinto Escoval: In gewisser Weise schon. Häufig kommen die Probleme erst zur Sprache, wenn es bereits zu spät ist. Die Konsequenzen muss dann der Vorgesetzte ausbaden, der in Portugal sowieso die Zügel fest in der Hand hält. Wie bei einem hierarchischen Führungsstil üblich, trifft er alle wichtigen Entscheidungen allein und übernimmt im schlimmsten Fall auch Aufgaben, für die eigentlich sein Mitarbeiter zuständig war. Selbständiges Arbeiten ist demzufolge eher Neuland für Portugiesen. Interessant ist jedoch, dass sich das schnell ändern kann. Steigt ein portugiesischer Mitarbeiter zum Abteilungsleiter auf, schlüpft er wie selbstverständlich in die Rolle des "Machers", der die volle Verantwortung trägt.

 

Das Interview führte Nicole Schrehardt.

 

Alfredo Pinto Escoval

ist unter anderem als freiberuflicher Trainer und Coach für Eidam & Partner tätig.

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