16.08.2011 | HR-Management

Fachkräfte aus EU-Krisenstaaten: Was Sie über irische Mitarbeiter wissen sollten

Die Krise hat Europa fest im Griff. Besonders die Jobaussichten junger Arbeitnehmer sehen alles andere als rosig aus. So ist die Jugendarbeitslosigkeit mit 31,3 Prozent in Irland immens hoch - für viele ein Grund auszuwandern. Ob Deutschland für irische Fachkräfte überhaupt attraktiv ist und welche Anreize deutsche Unternehmen ihnen bieten müssen, weiß unsere Irland-Expertin Iris Engler.

Haufe Online-Redaktion: Laut einem Bericht des Nationalen Jugendrats Irlands NYCI wollen 70 Prozent der Befragten aufgrund der schlechten Arbeitssituation in den nächsten zwölf Monaten auswandern. Welche Gründe, denken Sie, sprechen gegen Deutschland?

Iris Engler: Zum einen das Bild, was man in Irland oft von den Deutschen hat: Deutsche gelten als sehr sachlich und direkt, wenig personenorientiert und unflexibel – Eigenschaften, die auf den ersten Blick für viele Iren gewöhnungsbedürftig sind. Hinzu kommt, dass Irland ein kleines Land ist und aufgrund dessen das Beziehungsnetz viel viel enger als in Deutschland ausgeprägt ist. Insbesondere der familiäre Zusammenhalt, "Clannish" genannt, ist sehr stark. Gerade dieses Netz aufzugeben, könnte für viele Iren eine starke emotionale Hürde sein.

 

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern sind mangelnde Sprachkenntnisse ein Problem?

Engler: Durchaus, wobei heutzutage viele international ausgerichtete Unternehmen in Deutschland Englisch auch intern als Firmensprache nutzen und auch Deutschkurse für die ausländischen Mitarbeiter anbieten.

 

Haufe Online-Redaktion: Welche Anreize müssen deutsche Unternehmen potenziellen Bewerbern bieten?

Engler: Iren ist es wichtig, die Kollegen und den Chef in ungezwungener Atmosphäre außerhalb des Büros kennenzulernen. Darüber hinaus sollte das Unternehmen irischen Einwanderern eine persönliche Anlaufstelle für alle Belange rund um Umzug, Wohnungsfindung, Telefonanschluss etc. bieten. Auch Sprachkurse,  Expat-Vorbereitungstraining und on-going Coachingstunden für die ersten Monate in Deutschland sind eine sinnvolle Idee. Letztlich würden irische Mitarbeiter auch flexible Arbeitszeiten für Heimflüge sehr schätzen.

 

Haufe Online-Redaktion: Wie unterscheidet sich der Bewerbungsprozess in Irland von dem deutschen Auswahlprozess?

Engler: Eine schriftliche Bewerbung in Irland besteht nur aus einem Anschreiben (cover letter) und einem zwei bis vierseitigen tabellarischen Lebenslauf (CV). Auf Diplome und Zertifikate wird kein besonderer Wert gelegt. Wichtiger sind hingegen Referenzen (letters of reference), wie zum Beispiel von Hochschullehrern oder vorherigen Arbeitgebern. Verklausulierte Arbeitszeugnisse, wie sie in Deutschland üblich sind, kennen Iren nicht. Darüber hinaus werden Bewerbungen kein Passfoto beigefügt, um eine Beeinflussung durch Äußerlichkeiten zu vermeiden.

 

Haufe Online-Redaktion: Was sind die auffälligsten Mentalitätsunterschiede zwischen deutschen und irischen Mitarbeitern?

Engler: Typisch für Iren ist ihre ausgesprochene Gelassenheit – frei nach dem Motto: „Es könnte schlimmer sein.” Auch wie sie mit Regeln umgehen, unterscheidet sich von der deutschen Herangehensweise. Ihrer Meinung nach sind Regeln nicht in Stein gemeißelt, sondern müssen der Situation entsprechend angepasst werden. Einzige Voraussetzung dabei ist, dass sie Sinn machen müssen. Des Weiteren haben Iren ein dehnbares Zeitverständnis, bei dem es auf die Pünktlichkeit nicht so ankommt.

 

Haufe Online-Redaktion: Sie haben bereits angedeutet, dass die deutsche direkte Art auf Iren eher abschreckend wirkt. Wie würden Sie den Kommunikationsstil der Iren beschreiben?

Engler: Iren pflegen eher einen diplomatischen, ausgesprochen höflichen Kommunikationsstil, der sich durch „understatement“ auszeichnet. Das heißt, man nimmt sich selbst nicht so wichtig, tritt bescheiden auf und verpackt Kritik immer recht „hübsch“. Im Gegensatz dazu wird die deutsche ehrliche Art als sehr schroff und abweisend empfunden, was dem irischen Harmoniebedürfnis widerspricht. Für Iren ist es vielmehr wichtig, dass ihnen die Arbeit Spaß macht und sie eine gute Zeit mit ihren Chefs, Kollegen, Geschäftspartnern und Kunden haben. Deshalb sind besonders Konfrontationen und Schuldzuweisungen ein absolutes Tabu.

 

Haufe Online-Redaktion: Inwieweit sind irische Mitarbeiter selbständiges Arbeiten gewöhnt?

Engler: Selbständiges Arbeiten ist sogar gewünscht. Eher das Gegenteil ist problematisch, wenn Vorschriften, Anweisungen und Kontrolltermine den persönlichen Freiraum einengen. Iren arbeiten selbständig, sie sind aber immer mit Anderen dabei in Kontakt und tauschen sich intensiv aus und beleuchten die Dinge von verschiedenen Seiten. Sie denken nicht, dass es nur einen besten Weg gibt. Es gibt viele Alternativen, was auf Deutsche oft als Zeitverschwendung wirkt.

 

Haufe Online-Redaktion: Worin sehen Sie das größte Konfliktpotenzial zwischen einem irischen Mitarbeiter und seinem deutschen Chef?

Engler: Das Rollenverständnis ist komplett unterschiedlich. In Irland ist der Vorgesetzte nicht zwangsläufig der Fachexperte. Vielmehr ist er ein Könner im "People Management". Das Fachwissen liegt oft bei seinen Mitarbeitern, die ihn unterstützen, eine Entscheidung zu treffen. Es wird sich oft ausgiebig und spontan ausgetauscht und Entscheidungen situativ angepasst. Der Chef sitzt meistens inmitten seines Teams und ein Hierarchieunterschied ist generell nicht sichtbar.

 

Haufe Online-Redaktion: Welche Fettnäpfchen sollten deutsche Führungskräfte infolgedessen vermeiden?

Engler: Dazu gehören zu wenig persönlicher Kontakt, zu wenig Socialising und zu wenig Austausch und Updates über das aktuelle Befinden und den Stand der Sachlage. Problematisch sind auch zu wenig Freiraum, zu enge Vorgaben, zu viele Details, die mangelnde Bereitschaft für Optionen oder wenn der Vorgesetzte die Hierarchieunterschiede bewusst hervorhebt.

 

Das Interview führte Nicole Schrehardt.

 

Iris Engler

hat sich nach 10-jähriger Tätigkeit als Fremdsprachen-Korrespondentin in internationalen Unternehmen dem Thema interkultureller Kompetenz verschrieben und arbeitet seit zwölf Jahren als zertifizierte interkulturelle Trainerin & Coach. Sie ist aktive Kooperationspartnerin von Eidam & Partner.

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