11.08.2011 | HR-Management

Fachkräfte aus EU-Krisenstaaten: Was Sie über griechische Mitarbeiter wissen sollten

In Deutschland fehlen qualifizierte Fachkräfte, während in den EU-Krisenländern Hunderttausende ohne Job sind. Besonders Griechenland hat es hart getroffen. Ein beruflicher Neuanfang in Deutschland ist für viele Griechen durchaus eine Option. Doch sollten Unternehmen wissen, was sie erwartet, wenn sie griechische Mitarbeiter einstellen. Die wichtigsten Fragen beantwortet unser Griechenland-Experte Athanassios Tsokos.

Haufe Online-Redaktion: Inwiefern ist der Standort Deutschland für griechische Fachkräfte überhaupt attraktiv?

Athanassios Tsokos: Für gut ausgebildete Griechen war es schon immer das Non plus Ultra nach Deutschland zu kommen, um für namhafte, bekannte auch in Griechenland tätige Unternehmen zu arbeiten. Ging es vor der Krise vor allem noch um einen zeitlich begrenzten Aufenthalt, ist dies nun nicht mehr Bedingung. Viele Griechen erwägen es, auch dauerhaft in Deutschland zu bleiben.

 

Haufe Online-Redaktion: Worin sehen Sie die größte Hürde für Einwanderungswillige?

Tsokos: Das größte Problem sehe in der für Griechen typischen Oberflächlichkeit, wenn es darum geht, sich, sein Know-how und Fachwissen professionell darzustellen.

 

Haufe Online-Redaktion: Wie äußert sich das genau?

Tsokos: Mein Cousin, wohlgemerkt ein griechischer Oberarzt, bat mich beispielsweise, für ihn eine Bewerbungsmappe für eine Stelle an einer Münchner Klinik zu erstellen. Er schaffte es zwar halbwegs, mir seine Daten über E-Mail zu übermitteln. Auf meine Rückfrage nach einem Foto erhielt ich aber nach wenigen Tagen per Post nur ein Hochzeitsfoto. Sein Kommentar: „Es passt schon, schneide doch mit der Schere meine Frau heraus.“

 

Haufe Online-Redaktion: Für Deutsche kaum vorstellbar. Worauf muss sich ein deutscher Personaler in dieser Hinsicht noch einstellen?

Tsokos: Die Qualität der Bewerbungsunterlagen ist, wie bereits angedeutet, eher minderwertig, so dass oftmals Zweifel an der Eignung des Bewerbers aufkommen. Des Weiteren sind Arbeitszeugnisse unüblich und haben meist die Form eines Empfehlungsschreibens. Auch Lücken im Lebenslauf sollten nicht unbedingt negativ ausgelegt werden. Will man sich von der Qualität eines Bewerbers überzeugen, würde ich ein zwei- bis dreistündiges Bewerbungsgespräch oder ein Assessment Center vor Ort empfehlen.

 

Haufe Online-Redaktion: Deutsch wird nachgesagt, nicht leicht erlernbar zu sein. Sind mangelnde Sprachkenntnisse für Griechen ein Problem? 

Tsokos: Eher selten. Denn Griechen sind sehr sprachbegabt und lernen schon in frühem Kindesalter in der Schule, meist aber in Sprachschulen, mindestens Englisch und oftmals auch Deutsch. Etwaige Defizite machen sie durch ihre offenkundige Bereitschaft zu intensiven Sprachtraining wieder wett.

 

Haufe Online-Redaktion: Welche Anreize müssen deutsche Unternehmen potenziellen Bewerbern bieten?

Tsokos: Sinnvoll wäre es, ihnen bei der Wohnungssuche zu helfen. Auch Sonderboni oder die Möglichkeit eines Sonderurlaubs, insbesondere zum griechischen Osterfest oder zu Maria Himmelfahrt im August, schätzen Griechen sehr. Darüber hinaus kennen High Potentials durchaus Ihren Wert, den sie auch bewusst einfordern. Deshalb sind weitere finanzielle Anreize eher zweitrangig. Einzig das Gefühl akzeptiert, anerkannt, gelobt zu werden, Verantwortung übertragen zu bekommen, stets sich weiterbilden zu können, sind Anreize, die wahre Wunder bewirken können.

 

Haufe Online-Redaktion: Worin unterscheiden sich griechische Mitarbeiter von ihren deutschen Kollegen?

Tsokos: Griechen sind am frühen Morgen bedingt aufnahmefähig und wirken teilweise sogar abwesend. Meetings am frühen Morgen sind daher eher ineffektiv. Dies ist kulturell bedingt. Denn in Griechenland findet das gesellschaftliche und berufliche Leben erst recht spät statt, so dass griechische Mitarbeiter erst am späten Nachmittag zur Hochform auflaufen. Dessen ungeachtet sind sie sehr wissbegierig, kreativ, flexibel, aber oftmals auch ungeduldig. Nicht selten machen sie den zweiten vor dem ersten Schritt, paradoxerweise erreichen sie dennoch ihr Ziel. Auch Teamwork sind sie nicht in dem Maße, wie in deutschen Unternehmen üblich, gewohnt.

 

Haufe Online-Redaktion: Bevorzugen sie dann eher selbstständiges Arbeiten?

Tsokos: Durchaus, vorausgesetzt die Ziele und Erwartungen sind klar und zeitlich definiert. Jedoch Vorsicht: Die weltmeisterliche Art des Griechen, Ziele auf den letzten Drücker abzuhandeln, bringt auch den letzten, sachlich, ruhigen Vorgesetzten oftmals aus der Fassung.

 

Haufe Online-Redaktion: Gibt es bestimmte Fettnäpfchen, die deutsche Führungskräfte im Umgang mit griechischen Mitarbeitern auf jeden Fall vermeiden sollten?

Tsokos: Griechen akzeptieren ohne Probleme einen direkten, teilweise hierarchischen, engen Führungsstil - nichts im Vergleich zu einem griechischen Firmenpatriarchen, für den Lob und Anerkennung ein Fremdwort ist. Deutsche Chefs müssen sich demzufolge nicht großartig verstellen. Tabu ist jedoch, den griechischen Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft bloßzustellen, da es ihm wichtig ist, sein Gesicht zu wahren. Weiteres Konfliktpotenzial ist auch vorprogrammiert, wenn seine Urlaubspläne nicht berücksichtigt werden. Man darf niemals außer Acht lassen, dass es sich um einen Expat ohne Rückflugticket handelt. Seine Bindung zum Heimatland darf und wird niemals abreißen. Dazu ist der Grieche zu heimatverbunden.

 

Das Interview führte Nicole Schrehardt.

 

Athanassios Tsokos

ist seit 2000 als Unternehmensberater, Interimsmanager und Trainer selbständig. Er berät und trainiert überwiegend deutschsprachige Kunden (Schweiz, Österreich, Deutschland), die in Griechenland und Zypern Geschäftsbeziehungen aufnehmen beziehungsweise unterhalten. In seiner Tätigkeit arbeitet er dabei unter anderem als freiberuflicher Trainer und Coach für Eidam & Partner.

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