15.04.2016 | Digitale Arbeitswelt

"Mit Unsicherheiten umgehen lernen"

Welche Fähigkeiten brauchen wir in einer Arbeitswelt, die immer mehr von digitalen Prozessen und Robotertechnik geprägt sein wird?
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Die digitale Arbeitswelt erfordert neue Kompetenzen bei den Menschen. Professor Gerd Gigerenzer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, rät im Gespräch mit der dpa: Kinder sollten schon früh lernen, mit Unsicherheiten konstruktiv umzugehen.

Professor Gerd Gigerenzer ist Psychologe, Kognitionsforscher und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.
Bild: Gigerenzer

Welche Fähigkeiten brauchen wir in einer Umwelt und Arbeitswelt, die immer mehr von digitalen Prozessen und von Robotertechnik geprägt sein wird?

Gerd Gigerenzer: Wichtig ist zunächst, sich von den neuen digitalen Techniken nicht kontrollieren zu lassen, sondern sie umgekehrt zu kontrollieren. Und wir müssen lernen, mit Unsicherheiten zu denken und mit Unsicherheiten zu leben. Es geht darum, nicht ängstlich mit potenziellen Risiken umzugehen, sondern eher interessiert und gespannt.

Was müssten unsere Kinder also lernen?

Gigerenzer: Die Schule müsste man in gewisser Weise revolutionieren und mehr Wert auf selbstständiges Denken, Kreativität und Problemlösungen legen, weniger auf sture Faktenvermittlung. Und schon Kinder können lernen, Risiken und Wahrscheinlichkeiten einzuschätzen. Es geht vor allem darum, im späteren Leben Informationen aus den Bereichen Gesundheit, Geld und digitale Medien einordnen zu können.

Und wie sollten unsere Kinder lernen?

Gigerenzer: Lernen ist ein fundamental sozialer Prozess. Ein Beispiel: Kinder, die schon früh mit Sprachprogrammen wie «Baby Einstein» trainieren - was in den USA oft versucht wird - lernen wesentlich weniger, als wenn ihre Eltern ihnen vorlesen. Computer können Lehrer, und auch deren Vorbildfunktion, nicht ersetzen.

Wie werden wir dann arbeiten?

Gigerenzer: Die Menschen werden immer mehr mit ihrer Arbeit vernetzt werden. Auch wenn es in Deutschland derzeit oft noch recht klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit gibt. In den USA ist das schon ganz anders. Auch bei uns werden diese Grenzen weiter verschwimmen. Eine interessante Frage ist dann, wie unsere Freizeit aussieht. Ob wir dann mehr Zeit für Soziales oder Ehrenämter einsetzen, hängt wohl vor allem davon ab, ob uns die digitale Revolution eher zu einem Menschen macht, der nur für Geld lebt, oder dessen Ziele breiter gefächert werden.

Was brauchen wir noch?

Gigerenzer: Mehr emotionale Selbstkontrolle, vor allem im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten. Das fängt damit an, dass viele Menschen lernen müssen, beim Autofahren nicht dem übergroßen Drang nachzugeben, permanent das Handy zu checken oder Nachrichten zu senden. In den USA gibt es dadurch über 3000 Verkehrstote pro Jahr. Selbst bei einem gemeinsamen Essen schaffen es viele ja kaum, das Smartphone vom Tisch zu verbannen und stattdessen ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen.

 

Professor Gerd Gigerenzer (68) ist Psychologe, Kognitionsforscher und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Nach mehreren Stationen in München, Konstanz und Salzburg lehrte und forschte er in den 90er Jahren auch an der University of Chicago (USA). Er befasst sich vor allem mit der Frage, wie Menschen angesichts einer ungewissen Zukunft erfolgreiche Entscheidungen treffen, wenn sie wenig Zeit und nur beschränkte Informationen haben. Seine Empfehlung: dem Bauchgefühl vertrauen.

 

Das Interview führte Andrea Barthélémy, dpa

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung, Bildung, Ausbildung, Arbeitswelt

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